Wie Telemedizin die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern kann

Wer in einer ländlichen Region wohnt, muss eine schlechtere medizinische Versorgung als in der Stadt befürchten. Telemedizinische Lösungen sollen den Versorgungsengpass lindern. Einige Beispiele.

Hausbesuch Patientin © iStock

Ursachenforschung: der Ärztemangel, der keiner ist

In Deutschland fehlen Ärzte, vor allem in ländlichen Regionen. Es mangelt an Fachärzten – Kinder- und Jugendpsychiater, Hautärzte, Augenärzte – aber besonders häufig fehlen Hausärzte. Allerdings sind Arztzahlen in Deutschland so hoch wie nie. Wie ist das möglich?

Zahlenmäßig sind genügend Ärzte vorhanden. Doch diese sind aus Sicht der ländlichen Regionen ungünstig verteilt. Während Hausärzte auf dem Land fehlen, ist die Arztdichte in manchen Städten oder einzelnen Regionen überproportional hoch. Ein weiterer Faktor: Immer mehr Ärzte arbeiten in Krankenhäusern – immer weniger in niedergelassenen Arztpraxen. Und der Ärztemangel in den ländlichen Regionen verschärft sich weiter, da dort vermehrt ältere Menschen leben und dementsprechend der Bedarf im Verhältnis höher ist. Zudem erscheint vielen Ärzten, insbesondere jungen, eine Praxis auf dem Land kaum attraktiv. Oft verdienen sie dort weniger, müssen mit mehr Bürokratisierung kämpfen, hinzu kommt eine schlechtere Infrastruktur. 

Die Politik kennt das Problem – und hat mehrere Gesetze erlassen, um die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern und den Beruf Landarzt attraktiver zu machen. Zeitgleich setzen Politik und Versorger auf neue technologische Lösungen – unter anderem die Telemedizin.

Telemedizinischen Lösungen sollen den Versorgungsengpass lindern

Die Telemedizin soll helfen, die räumliche Entfernung zwischen Arzt und Patient oder zwischen den Ärzten zu überwinden. Telemedizin kann, beispielsweise Gesundheitsdaten des Patienten, mittels Telekommunikation und Informatik erfassen und vom Patienten zum Arzt oder zwischen Ärzten und Kliniken übermitteln und verarbeiten. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten für die Gesundheitsversorgung. 

Die folgenden telemedizinischen Anwendungen sind in Deutschland bereits im Einsatz und sollen dem medizinischen Versorgungsengpass auf dem Land gezielt entgegenwirken:

Der TeleArzt – Hausbesuch mit telemedizinischem Rucksack

Der TeleArzt ist ein telemedizinisches Versorgungssystem, das niedergelassene Hausärzte in ländlichen Regionen folgendermaßen entlasten soll. Die zeitintensiven Hausbesuche führt nicht mehr nur der Arzt selbst durch, sondern im Rahmen des TeleArztes übernimmt das ein speziell ausgebildeter medizinischer Fachangestellter. Mit dabei hat er seine telemedizinische Ausrüstung, den „TeleArzt-Rucksack“. Mit der telemedizinischen Ausstattung aus dem Rucksack, erhebt der Fachangestellte Daten zum Gesundheitszustand der Patienten – EKG, Sauerstoffgehalt im Blut oder Werte zur Lungenfunktion. 

Mithilfe eines Tablets sendet er dann die Werte verschlüsselt in die Hausarztpraxis, wo sie automatisch der Patientenakte zugeordnet werden. Bei Bedarf kann sich der Arzt über eine gesicherte Videokonferenz zuschalten und ein ärztliches Konsil starten, Fragen stellen oder beantworten.

In der Praxis bedeutet das eine Zeitersparnis für den Arzt. Er kann die Versorgung sicherstellen und die Zahl der Hausbesuche bei Bedarf sogar steigern. Insbesondere in dünn besiedelten Regionen, die lange Fahrtstrecken notwendig machen, ist das eine große Entlastung.

Der Telenotarzt – Erste Hilfe aus der Leitstelle

Ein Beispiel, wie Telemedizin die medizinische Versorgung im akuten Notfall verbessern kann, ist der Telenotarzt. Ein Telenotarzt fährt nicht im Rettungswagen mit, sondern arbeitet von einer Telenotarzt-Zentrale aus. Im Notfall konsultiert ihn das Rettungspersonal. Die Sanitäter übermitteln ihm dann aus dem Rettungswagen die Vitaldaten des Patienten wie EKG, Blutdruck oder Puls mithilfe von Telekommunikations- und Diagnosetechnik direkt in die Zentrale. Zudem sieht der Telenotarzt den Patienten durch eine Kamera und kann per Mikrophon mit den Rettungsassistenten sprechen und sie anweisen. 

Durch den Telenotarzt steht dem Rettungsdienstpersonal, das im Rettungswagen im Einsatz ist, jederzeit ein Notarzt zur Verfügung. Die Zeit bis ein Notarzt vor Ort eintrifft wird so überbrückt oder der Notarzt vor Ort kann sich selbst eine zweite Meinung einholen. Eine weitere Besonderheit: Der Telenotarzt in der Leitstelle kann sich über verschiedene Bildschirme sogar um mehrere Einsätze nahezu parallel kümmern. Die Folge: Ärzte können gezielter eingesetzt werden, die direkte notärztliche Versorgung verbessert und Kosten gesenkt werden.

Tele-Stroke-Units – telemedizinische Schlaganfallbehandlung

Die ideale Versorgung nach einem Schlaganfall bieten spezialisierte Schlaganfall-Stationen, sogenannte Stroke Units, mit hochqualifizierten Fachärzten – doch in ländlichen Regionen sind Stroke-Units kaum zu finden. Durch Telemedizin können Menschen, auch wenn sie einen Schlaganfall fern von jeder Stroke-Unit erleiden, trotzdem von diesen Fachärzten behandelt werden. 

Kommt ein Schlaganfallpatient in ein regionales Krankenkaus, das mit einer spezialisierten Klinik telemedizinisch vernetzt ist, können die Ärzte des regionalen Krankenhauses den Spezialisten per Videokonferenz zuschalten. Dieser bekommt durch telemedizinische Übertragung Zugang zu allen relevanten Werten und Patienteninformationen und kann so eine Therapieempfehlung aussprechen. In den meisten Fällen erfolgt die Therapie vor Ort im ländlichen Krankenhaus, nur ein Teil der Patienten muss in eine Spezialklinik verlegt werden. Die Telemedizin ermöglicht so eine zeitnahe Diagnose und Therapie und damit die wohnortnahe Versorgung von Schlaganfallpatienten.

Telemonitoring – der Patient hilft mit

Telemedizin direkt anwenden, können Patienten zum Beispiel mittels Telemonitoring. Es eignet sich vor allem für chronische Kranke, die engmaschig überwacht werden müssen – etwa Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz. Beim Telemonitoring erhebt der Patient selbst mithilfe telemedizinischer Geräte seine Werte wie Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung. Die Daten werden dann sofort und automatisch an den Arzt übermittelt, der diese regelmäßig kontrolliert. 

Telemonitoring hat zum einen den Vorteil, dass der Patient aktiv in seine Behandlung einbezogen ist und seine Werte stets genau kennt – zum anderen werden mehr Daten erhoben. So kann der Arzt schneller erkennen, wenn sich der Gesundheitszustand seines Patienten verschlechtert und entsprechende Maßnahmen einleiten.

Telemedizin mit Potenzial

Der erfolgreiche Einsatz der Telemedizin zeigt, dass neue Technologien Ärzte unterstützen und entlasten können und das Potenzial haben, die medizinische Versorgung insbesondere auf dem Land zu verbessern. Denn mithilfe von Telemedizin wird räumliche Distanz zwischen (Fach-)Arzt und Patient überbrückt, Kompetenzen können gebündelt und Arbeitsvorgänge effizienter werden.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 31.05.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Ärztemangel: KBV Kassenärztliche Bundesvereinigung, online unter www.kbv.de
  • Bedarfsplanung: KBV Kassenärztliche Bundesvereinigung, online unter www.kbv.de
  • Pressemeldung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. vom 08.04.2019: DSG: Schlaganfallbehandlung im ländlichen Raum: Chancen und Grenzen der Telemedizin
  • Telenotarzt: Nicht dabei statt mittendrin, DocCheck Community GmbH, Köln