Tics und Tourette-Syndrom

Tic-Störungen sind bei Kindern keine Seltenheit – und verschwinden oft von selbst wieder. Problematischer ist das sogenannte Tourette-Syndrom.

Junge zieht Grimasse © iStock
Nicht immer ist der Sinn der Faxen, die Kinder gerne machen, für Erwachsene nachvollziehbar. Auch unsinnige Bewegungen oder Grimassen sind in jungen Jahren normal und gehen meist nach einer gewissen Zeit vorbei: Jedes achte Kind beziehungsweise Jugendlicher durchlebt Phasen mit einem Tic – Jungen sind drei- bis viermal öfter betroffen als Mädchen.  

Eine extreme Form von Tic-Störungen – das sogenannte Tourette-Syndroms (TS) – stellt Betroffene und auch die Wissenschaft vor große Probleme: Nach wie vor ist die Entstehung der Erkrankung nicht geklärt und es gibt auch keine einheitlichen Behandlungsprinzipien, wie die Stiftung Kindergesundheit berichtet.

Was ist ein Tic?

Es gibt motorische und vokale Tics. Sie werden wie folgt definiert:
  • Motorische Tics sind plötzlich einsetzende, nicht vom Willen gesteuerte, zwecklose, abrupte kurze Bewegungen, die auf einige Muskelgruppen beschränkt sind.
  • Vokale Tics sind bedeutungslose Töne und Geräusche durch die Nase, den Mund oder aus dem Hals.
Tics sind eine Art „Schluckauf im Gehirn“: Denn auch sie können nicht oder nur für kurze Zeit unterdrückt werden. Im Schlaf tretenTics nur selten auf.  

„Am Anfang des Schulalters zeigen etwa acht Prozent, später sogar zwölf Prozent aller Kinder Tics“, sagt Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „90 Prozent der Störungen treten vor dem zwölften Lebensjahr auf. Vokale Tics sind seltener als motorische.“

Hüpfen, Klatschen, Augenrollen

Manche Tics laufen wie eine komplexe Bewegung ab: Der Betroffene schüttelt den Kopf, blinzelt, öffnet wie zum Gähnen den Mund und streckt den Kopf nach hinten durch. Oft ähneln Tics auch scheinbar sinnvollen Bewegungen: Das Kind hüpft oder klatscht, berührt irgendwelche Dinge oder sich selbst, wirft oder schlägt einen unsichtbaren Gegenstand, tritt in die Luft, geht in die Knie und berührt die Erde, schüttelt den Kopf, rollt die Augen nach oben, streckt die Zunge heraus oder ahmt die Bewegungen anderer nach. Es nimmt immer wieder merkwürdige, ulkige bis abstoßende Körperhaltungen ein, schneidet Grimassen, beißt sich auf Zunge oder Lippen oder leckt sich die Handflächen.

Vokale Tics können zu unangenehmen Situationen führen

Für die Eltern wird es besonders unangenehm, wenn ihr Kind Laute und Geräusche als Tics produziert. In vielen Fällen bestehen vokale Tics aus unappetitlichen Lautäußerungen wie rülpsen, grunzen, schnüffeln, schnalzen, räuspern, schniefen, fiepen, gurgeln oder klicken. Auch Schrei- und Bell-Laute sind möglich. Manchmal wiederholen betroffene Kinder Schimpfwörter oder Fäkalausdrücke.  

Wenn sie unter einer Tic-Störung leiden, weisen Kinder und Jugendliche häufig auch andere Verhaltensauffälligkeiten auf: Bei 50 bis 60 Prozent bestehen eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und die damit einhergehenden Lernschwierigkeiten.

Kinder versuchen oft, ihre Tics zu verbergen

Für eine gewisse Zeit lassen sich Tics in der Regel unterdrücken, oft kehren sie dann aber verstärkt zurück. Häufig versuchen betroffene Kinder, ihre Tics vor Lehrern oder Mitschülern zu verbergen. So kann es sogar vorkommen, dass der Kinderarzt während der Untersuchung oder auch der Lehrer während des Unterrichts keine Tics bemerkt, das Kind aber in der entspannten Atmosphäre zu Hause häufige und ausgeprägte Tics zeigt.

Behandlung ist oft nicht notwendig

„Das Positive ist: Die meisten Tics verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind“, so der Experte. „Einfache, vorübergehende Tics dauern meist nur wenige Tage oder Wochen, eventuell einige Monate. Sie können verschwinden, erneut auftreten und bessern sich spontan bei etwa 70 Prozent der Kinder innerhalb eines Jahres.“ Oft ist es deshalb nicht notwendig, die Kinder zu behandeln. In diesen Fällen ist geduldiges Abwarten die beste Therapie. Ermahnungen und Sätze wie „Hör auf zu zucken“ nützen wenig und bewirken nur, dass das Kind sich unglücklicher fühlt. Es braucht das Gefühl, von den Eltern trotz seines Tics geliebt und akzeptiert zu werden.

Auf Tourette reagiert die Umwelt meist mit Unverständnis

Deutlich ungünstiger verläuft die seltene, jedoch extreme Form der Tic-Störungen, die als „Gilles de la Tourette-Syndrom“ (TS) bezeichnet wird. Bei dieser Krankheit treten mehrere Bewegungstics in Kombination mit mindestens einem vokalen Tic auf. Oft wiederholen Betroffene auch obszöne oder aggressive Wörter.  

Das Tourette-Syndrom beginnt vor dem 21. Lebensjahr – am häufigsten mit sechs bis acht Jahren – und kann ein Leben lang bestehen bleiben. Die Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie geht davon aus, dass in Deutschland über 40.000 Kinder und Erwachsene von der neuropsychiatrischen Erkrankung betroffen sind. Die Umwelt reagiert auf die auffälligen, unkontrollierbaren Symptome meist mit Unverständnis, häufig ablehnend und mit Spott. Dass Betroffene einen großen psychischen Leidensdruck haben, ist seit Langem bekannt. Meist wurden Tourettepatienten von ihrer Umwelt gemieden – man hielt sie sogar für vom Teufel besessen.

Jedes Tourette ist anders

Beim Tourette-Syndrom handelt es sich um eine sehr komplexe Erkrankung: Es gibt nicht zweimal das gleiche Erscheinungsbild. Jeder Betroffene unterscheidet sich mit seinen Eigenheiten von allen anderen Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden. Die Tics können sich auch ständig wandeln: Es entstehen neue Tics, während die früheren nicht mehr auftreten, jedoch später wiederkehren können.

Offenbar kann die Neigung zu Tics auch vererbt werden. 50 bis 70 Prozent der Menschen mit mehrfachen Tics oder einem Tourette-Syndrom haben einen oder mehrere Verwandte mit einer Tic-Störung.

Botenstoffe aus der Balance

Die derzeit wahrscheinlichste Annahme für die Entstehung des Tourette-Syndroms: Bei der Erkrankung besteht eine Störung im Gleichgewicht zwischen verschiedenen Hirnbotenstoffen (Neurotransmittern) – vor allem eine Überfunktion des Botenstoffs Dopamin und eine Unterfunktion von Serotonin. Für diese Hypothese spricht auch, dass sich selbst schwere Fälle des Tourette-Syndroms durch Medikamente lindern lassen, die auf die Dopaminrezeptoren einwirken.

Eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich

Es liegen Hinweise vor, dass Cannabismedikamente in der Behandlung von Tics wirksam sind. Größere Studien dazu fehlen bisher jedoch. Fest steht: Zur Behandlung der Störung gibt es nach wie vor keine Methode, die die Erkrankung vollständig heilt. Derzeit ist kein Medikament bekannt, das gleichzeitig alle Symptome des TS – wie Tic, Zwang und hyperkinetische Störung – günstig beeinflusst. Für alle zur Verfügung stehenden Medikamente gilt, dass sie nicht bei allen Betroffenen wirken und dass sie nicht zu einer Symptomfreiheit, sondern lediglich zu einer Abnahme der Beschwerden führen. Zudem verursachen sie nicht selten Nebenwirkungen.  

Neben den Medikamenten werden auch Entspannungsverfahren und Biofeedbacktechniken eingesetzt. Operative Verfahren wie die sogenannte tiefe Hirnstimulation müssen derzeit noch als Ausnahmebehandlung und experimentelle Therapie betrachtet werden.

Lehrer und Mitschüler aufklären

„Besonders wichtig neben der fachärztlichen Betreuung der Betroffenen und der Linderung ihrer störenden Symptome ist die gründliche Beratung der Patienten und ihrer Familien“, so der Experte. „Auch Erzieherinnen, Lehrer und eventuell auch Mitschüler sollten über die Art der Erkrankung aufgeklärt werden, um einer Stigmatisierung der Tourettepatienten entgegenzuwirken“.  

Kindern mit einem Tourette-Syndrom muss in der Schule gemäß Schwerbehindertengesetz gegebenenfalls ein Nachteilsausgleich gewährt werden. In begründeten Einzelfällen kann auch eine Eingliederungshilfe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz beantragt werden. Vom Versorgungsamt wird das Tourette-Syndrom auf Antrag als „Schwerbehinderung“ anerkannt. Je nach Art und Ausprägung der Symptome sind 50 bis 80 Prozent als sogenannter Grad der Behinderung (GdB) möglich.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 07.03.2017
  • Autor/in: vitanet.de
  • Quellen: Pressemitteilung der Stiftung Kindergesundheit: Tic-Störungen: Wenn Zwinkern und Zucken zum Zwang
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