Behandlung nach Schlaganfall: Physiotherapie von Anfang an

Nach einem Schlaganfall tritt sehr häufig eine Halbseitenlähmung (Hemiparese) auf: Die Patienten können eine Körperseite nicht mehr bewegen, da wichtige Nervenzellareale, die für die Motorik und Koordination zuständig sind, in der dazugehörigen Gehirnhälfte untergegangen sind.

Diese sogenannten Läsionen lassen sich nicht rückgängig machen. Allerdings ist in vielen Fällen eine Kompensation möglich. Das heißt, intakt gebliebene Strukturen im Gehirn können die motorischen Funktionen der zerstörten Areale übernehmen. Experten nennen diese Fähigkeit zur neuen Organisation des Gehirns auch Plastizität. Physiotherapie fördert diese Plastizität.

Die Patienten erleben aber nicht nur einen Kontrollverlust über die betroffene Körperseite, sondern oft auch einen Verlust des bisherigen Körpergefühls (Gleichgewichts- und Positionsempfinden). Dies führt dazu, dass sich Wahrnehmung und Aufmerksamkeit auf die nicht betroffene Seite konzentrieren und alle Aktivitäten mit dieser Seite ausgeführt werden. Eine Folge davon ist die Zunahme der sogenannten „Spastizität" (gesteigerte Muskelspannung) auf der betroffenen Körperseite.

Physiotherapie vom ersten Tag an

Durch eine gezielte, individuell auf die Person abgestimmte Therapie arbeitet die Physiotherapie auf die Wiedergewinnung, Verbesserung und Erhaltung der Mobilität (Beweglichkeit) hin.

Je früher die Physiotherapie einsetzt, desto höher sind die Chancen, dass die Hemiparese sich bessert beziehungsweise zurückbildet. Unter Experten gilt die Devise: Physiotherapie vom ersten Tag an. Auch wenn der Patient noch bettlägerig und sehr schläfrig ist, können die Physiotherapeuten oft bereits mit ihrer Arbeit beginnen: Am Anfang steht die Stimulation der intakten Hirnareale durch Druck, sanftes Bürsten sowie Berühren und aktives wie passives Bewegen.

Art, Dauer und Zeitpunkt der Physiotherapie erarbeitet der Physiotherapeut individuell für den jeweiligen Patienten aus. Dabei richtet er sich vor allem nach dem Krankheitsstadium, den Symptomen und dem allgemeinen Zustand des Patienten. Da ein Schlaganfall sich so unterschiedlich äußern kann, sind auch die entstehenden Probleme vielfältig.

Die betroffene Seite muss besonders gefordert werden

Die Physiotherapeuten werden auch den Angehörigen vermitteln, wie wichtig es ist, die betroffene Seite zu fordern: Sie sollten sich zum Beispiel immer auf die Seite mit der Lähmung setzen und auch Getränke et cetera von hier aus reichen. Der Nachtschrank, Bilder und Blumen gehören ebenfalls auf die betroffene Seite. Am besten stellen Schwestern oder Angehörige das Bett bei Bedarf im Zimmer um, sodass der Patient gezwungen ist, auch das Geschehen in der Tür mit der gelähmten Körperhälfte wahrzunehmen.

Muss der Patienten im Bett gelagert werden, so sollte er möglichst häufig auf der betroffenen Seite liegen, damit diese Reize erhält, die im Gehirn verarbeitet werden müssen. Wichtig ist allerdings, die Lage durch kleinste Bewegungen – Mikrobewegungen – ständig zu verändern. Anderenfalls kann es schnell zu einem Druckgeschwür (Dekubitus) kommen.

Ziele und Aufgaben der Berufsgruppe Physiotherapie

  • Erreichen der maximalen physischen Selbständigkeit der Patienten
  • Herabsetzung der gesteigerten Muskelspannung (Spastizität)
  • Anstreben normaler Bewegungsmuster
  • Verbesserung der Wahrnehmung der betroffenen Seite
  • Setzen von physiologischen Reizen (zum Beispiel Schwerkraft oder Hautreize)
  • Einbeziehung der Angehörigen in die Therapie: zum Beispiel Vermittlung der richtigen Lagerung von Patienten
Autoren und Quellen Aktualisiert: 16.09.2014
  • Autor/in: Dr. Maria-Beate Effertz, Allgemeinmedizinerin, Kirsten Gaede, Medizinjournalistin, Charité - Universitätsmedizin Berlin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin.
  • Quellen: Hans Christoph Diener: Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Motorische Therapien für die obere Extremität zur Behandlung des Schlanganfalls: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 2009