Schlaganfall: Neuropsychologen helfen bei Gedächtnisstörungen

Viele Patienten leiden nach einem Schlaganfall unter Störungen in den Bereichen Gedächtnis, Intelligenz, Gefühlsleben und Verhalten. Sehr häufig treten bei Schlaganfall-Patienten auch Aufmerksamkeitsstörungen auf.

Etliche Patienten reagieren verlangsamt auf Seh- und Hörreize, haben Schwächen in der Konzentration, können nicht gleichzeitig zwei Dinge tun und ermüden nach längerer geistiger Beanspruchung plötzlich. Nicht selten verbergen sich hinter der von vielen Patienten beklagten „Vergesslichkeit" in Wirklichkeit Aufmerksamkeitsprobleme. Diese müssen erkannt werden, um dann therapiert werden zu können.

Früher wurden diese Defizite nicht so stark beachtet. Inzwischen gehört die Therapie dieser kognitiven Einbußen gerade in neurologischen und geriatrischen Fachabteilungen zum Standard. Für die Behandlung dieser Störungen sind Neuropsychologen verantwortlich, die sich mit der komplizierten Struktur und Funktion des Gedächtnisses auskennen.

Die Erfolge der neuropsychologischen Behandlung scheinen Außenstehenden nicht immer so offensichtlich wie die der Physiotherapie. Doch bei näherer Betrachtung sind sie beeindruckend: Wenn sich die Konzentration steigert, kann der Patient seine Handlungen besser planen und erlangt mehr Selbstständigkeit. Außerdem ist er in der Lage, der physiotherapeutischen und logopädischen Behandlung mit größerer Aufmerksamkeit zu folgen, was den Erfolg dieser Therapien oft bedeutend verbessert.

Am Anfang steht das Gespräch

Bevor der Neuropsychologe mit kognitiven Tests beginnt, unterhält er sich ausführlich mit dem Patienten über dessen Lebenssituation. Auch macht er sich ein Bild über die Stimmungslage, dabei kann sich zum Beispiel herausstellen, dass der Patient durch seine Krankheit eine depressive Symptomatik entwickelt hat. In diesem Fall würde der Neuropsychologe im Gespräch mit dem behandelnden Arzt vielleicht ein Antidepressivum empfehlen.

Neuropsychologen testen das Gedächtnis und die Orientierung

Anschließend beginnt der Neuropsychologe unter anderem mit einer genauen Diagnose der Störungen des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Konzentration und der visuellen Wahrnehmung. Dazu verwendet er Screening-Tests, ganz zu Beginn den Mini-Mental-State-Test, kurz MMST (im Englischen auch Mini-Mental-State-Examination – kurz MMSE – genannt). Der MMST gehört zur geriatrischen Basisuntersuchung und testet zum Beispiel die Orientierung und das Gedächtnis. So wird etwa nach dem Jahr, Datum und dem Namen des Krankenhauses gefragt, in dem sich der Patient befindet.

Der MMST beziehungsweise die MMSE bietet erste Anhaltspunkte, danach folgen vertiefende Tests. Sind alle Tests ausgewertet, passt der Neuropsychologe die Behandlung an. Die Ergebnisse der neuropsychologischen Untersuchungen, die Verhaltensbeobachtungen und die Befragung von Angehörigen oder betreuenden Personen nehmen auch maßgeblich Einfluss auf das Vorgehen des gesamten Therapeutenteams.

Neuropsychologische Behandlung nach einem Schlaganfall

Die Therapie findet zum großen Teil am Computer statt, doch erfordert sie keinerlei Erfahrung mit diesem Medium. Bei einer Übung erscheinen zum Beispiel zwei geometrische Bilder auf dem Bildschirm – der Patient muss nun die Unterschiede herausfinden. Per Tastendruck signalisiert er seine Antworten. Gleich danach erhält er Rückmeldung, ob er die Aufgabe richtig gelöst hat.

Einkaufen in einem virtuellen Supermarkt

In einem anderen Computerprogramm erhält der Patient eine Einkaufsliste, die er sich merken muss. Im nächsten Schritt geht er durch einen virtuellen Supermarkt und kauft die Artikel durch anklicken ein. Auch bei diesem Programm erhält er Rückmeldung und erfährt, ob er etwas vergessen hat. Viele der Computerprogramme, mit denen die Neuropsychologen arbeiten, sind adaptiv. Das heißt, sie passen sich dem Leistungsstand des Patienten an und werden zum Beispiel schwieriger, wenn der Patient die letzte Aufgabe fehlerfrei erledigt hat.

Ziele und Aufgaben der Berufsgruppe Neuropsychologie

  • Sorgfältige Diagnostik der verschiedenen neuropsychologischen Funktionsbereiche (zum Beispiel Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Denken) mittels psychologischer Testverfahren
  • Erstellung eines ausführlichen Befundes über die Defizite und Möglichkeiten des Patienten unter Berücksichtigung der Fähigkeiten des Patienten vor dem Schlaganfall
  • Behandlung der Hirnleistungsstörungen unter Einbeziehung von computergestützten Übungsprogrammen
  • Aktive Auseinandersetzung mit der emotionalen Befindlichkeit der Patienten (Krankheitsbewältigung)
  • Psychologische Betreuung der Angehörigen (auch im Hinblick auf Befriedigung eigener Bedürfnisse)
Autoren und Quellen Aktualisiert: 16.09.2014
  • Autor/in: Dr. Maria-Beate Effertz, Allgemeinmedizinerin, Kirsten Gaede, Medizinjournalistin, Charité - Universitätsmedizin Berlin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin.
  • Quellen: Hans Christoph Diener: Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Motorische Therapien für die obere Extremität zur Behandlung des Schlanganfalls: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 2009