Schlaganfall: Logopädie ist bei Sprachstörungen oft erfolgreich

Ältere Frau beim Arzt © Thinkstock

Sprechstörungen nach einem Schlaganfall

Sprechstörungen werden aufgrund von Lähmungen der am Sprechen beteiligten Muskulatur ausgelöst. Die Folge ist, dass die Sprechbewegungen langsam und schwerfällig, die Sprechmelodie eintönig sowie die Sprechatmung unkoordiniert sein können.

Auch die Stimme kann betroffen sein. Die Störungen können so stark sein, dass eine Verständigung nur noch auf schriftlichem Wege möglich ist. Da die am Sprechen beteiligten Organe auch an der Nahrungsaufnahme beteiligt sind, fallen Schluckstörungen (Dysphagien) auch in diesen Therapiebereich. Die Behandlung ist sehr wichtig, da ein Eindringen von Nahrungspartikeln in den Atmungstrakt beim Schlucken schwerwiegende Erkrankungen (zum Beispiel eine Lungenentzündung) nach sich ziehen kann.

Aphasien nach einem Schlaganfall – die Mitteilungsfähigkeit ist gestört

Aphasien können das Verstehen und/oder die sprachliche Mitteilungsfähigkeit (auf mündlicher und schriftlicher Ebene) betreffen. Die Störung liegt im Gehirn, in dem Bezirk, der durch den Schlaganfall betroffen ist. Der „Sprechapparat“ ist nicht geschädigt und die Sprechfähigkeit (siehe oben) ist erhalten. Die Verständigungsfähigkeit kann so stark beeinträchtigt sein, dass es den Betroffenen unmöglich ist, zu sagen, was sie möchten, oder andere Personen zu verstehen.

Der Patient muss lernen, wie er sich trotzdem mitteilen kann, sodass er von seiner Umwelt verstanden wird. Dafür kann man unter kundiger Anleitung Strategien einüben, zum Beispiel einfache Formulierungen zu wählen. Über das Üben von Teilfähigkeiten, die noch erhalten sind, können gestörte Abläufe stimuliert und verbessert werden. So kann erreicht werden, dass der Betroffene sich möglichst gut verständigen kann.

Man unterscheidet hauptsächlich vier Formen der Aphasie:
  • Globale Aphasie: Das Sprachverständnis und die Wortbildung sind gestört, der Patient äußert manchmal Sprachautomatismen, wie „so, so“ , der Sprachfluss ist deutlich eingeschränkt. Auch Lesen und Schreiben sind schwer gestört.
  • Broca-Aphasie: Die Wortbildung und Aussprache sind erschwert. Das Sprachverständnis ist meist relativ intakt. Der Sprachfluss ist verlangsamt. Sätze werden bis hin zum „Telegrammstil“ verkürzt. Die Schriftsprache ist in ähnlichem Ausmaß betroffen.
  • Wernicke-Aphasie: Das Sprachverständnis ist gestört. Ein Begriff kann nicht mit dem entsprechenden Wort in Verbindung gebracht werden. Die Patienten reden oft besonders viel. Die Kommunikation kann dadurch gestört sein. Die Wörter sind meist lautlich verändert („Kauderwelsch“).
  • Amnestische Aphasie: Hier ist vor allem die Wortfindung gestört. Betroffene haben oftmals große Probleme Gegenstände zu benennen („um den heißen Brei reden“). Sie haben kaum Schwierigkeiten mit dem Sprachverständnis.
Info
Allein in Deutschland sind zirka 100.000 Menschen von Sprachstörungen als Folge eines Schlaganfalls betroffen. Dies sind 80 Prozent aller Sprachstörungen in Deutschland insgesamt. Sie werden durch Läsionen der Sprachregion verursacht, die bei den meisten Menschen in der linken Großhirnhemisphäre liegt.

Logopädie ist nach einem Schlaganfall oft erfolgreich

Etwa ein Drittel aller Schlaganfall-Patienten leidet anfangs unter einer Aphasie. Bei etwa einem Drittel dieser Patienten normalisieren sich die Sprachfunktionen ohne therapeutische Maßnahmen in den ersten vier Wochen weitgehend. Danach nimmt die spontane Verbesserung der Sprache wieder ab. Eine Sprachtherapie (Logopädie) ist deshalb bei Patienten mit Aphasie grundsätzlich sinnvoll. Studien zeigen, dass die Logopädie bei etwa 60 Prozent aller Schlaganfall-Patienten eine Verbesserung des Sprechens und des Verstehens erreichen kann. Die Schwere der Störung und die Größe des betroffenen Gehirnareals sind für die Prognose entscheidend.

Die Logopädie findet meistens in Einzelsitzungen statt. Vor der Therapie findet der Logopäde mittels standardisierter Tests – beispielsweise dem Aachener Aphasie Test (AAT) – heraus, um welche Form der Aphasie es sich handelt und wie schwer Sprache und Kommunikation gestört sind.

Zeitpunkt und Intensität der Logopädie entscheiden über ihren Erfolg

Wird früh mit Übungen begonnen, so sind die Heilungserfolge am besten. Auf dem Therapieplan stehen je nach Art der Störung die Bereiche Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen.

In der postakuten Phase – bis zu sechs Monate nach dem Schlaganfall – sollte die logopädische Behandlung drei- bis viermal wöchentlich eine Stunde ambulant oder in einer Tagesklinik fortgeführt werden. In dieser Phase werden spezifisch einzelne Symptome der Sprachstörung behandelt. Je nach Schwere und Art der Aphasie empfehlen Logopäden auch noch nach einem Jahr eine Behandlung in sechs- bis achtwöchigen Intervallen. Idealerweise werden Angehörige in die Therapie einbezogen.

Logopäden trainieren auch non-verbale Kommunikation

Je länger die Aphasie besteht, desto mehr üben Logopäden mit den Patienten Strategien, die sie im Alltag einsetzen können, um sich verständlich zu machen. Es sollen auch nicht verbales wie Gestik und Körpersprache eingesetzt werden, um die Sprachprobleme zu kompensieren. Die Sprachtherapeuten üben zum Beispiel in kleinen Rollenspielen Alltagssituationen. Außerdem leiten sie die Angehörigen im Umgang mit den Sprachstörungen an.

Angehörige von Schlaganfall-Patienten mit einer Aphasie sollten:
  • den Betroffenen nicht unterbrechen
  • Sätze nicht stellvertretend zu Ende sprechen
  • nicht Gedanken vorwegnehmen
  • sich auf den Inhalt konzentrieren und nicht auf möglicherweise seltsame Laute und misslungene Artikulation
  • non-verbale Möglichkeiten wie Gestik, Mimik, Zeichnen und Schreiben ausschöpfen
  • für eine ruhige Umgebung sorgen
  • Blickkontakt halten
  • langsam, ruhig und natürlich sprechen, in kurzen Sätzen und mit kleinen Pausen
Selbsthilfegruppen oder auch weitere Übungen – zum Beispiel mit speziellen Sprachrehabilitationsprogrammen am Computer zu Hause – sind sinnvoll. In einigen Städten gibt es Aphasiezentren, die vom Selbsthilfeverband der Aphasiker betrieben werden und in denen Fachleute Übungsgruppen anleiten.

Ziele und Aufgaben der Berufsgruppe Logopädie

  • Therapiebezogene Diagnostik der einzelnen sprachlichen Leistungen (Lesen, Schreiben, hörend verstehen, mündlich ausdrücken)
  • Wiederherstellung der maximalen sprachlichen Kommunikationsfähigkeit der Patienten
  • Stimulieren gestörter Sprachleistungen über gezieltes Lernen von Teilleistungen
  • Erreichen der maximalen Aussprachedeutlichkeit durch Koordination der am Sprechen beteiligten Bereiche (Artikulation, Stimme, Atmung)
  • Erreichen der maximalen Sicherheit bei der selbständigen Nahrungsaufnahme durch Koordination der beim Essen beteiligten Bereiche (Mund-, Rachen- und Speiseröhrenphase)
  • Vermittlung praktischer Strategien (zum Beispiel Sprechgeschwindigkeit drosseln, Trennen verschiedener Konsistenzen beim Essen, Nachschlucken)
  • Aufklärung und Beratung von Angehörigen zum Umgang mit Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 16.09.2014
  • Autor/in: Dr. Maria-Beate Effertz, Allgemeinmedizinerin, Kirsten Gaede, Medizinjournalistin, Charité - Universitätsmedizin Berlin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin.
  • Quellen: Hans Christoph Diener: Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Motorische Therapien für die obere Extremität zur Behandlung des Schlanganfalls: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 2009