Antiretrovirale Therapie bei HIV/AIDS: Medikamente

Viele Menschen mit HIV – vor allem jene, die keine Symptome einer HIV-Infektion haben – glauben, ohne Medikamente auskommen zu können. Sie fühlen sich gesund. Doch wie lange hält dieser Zustand an? Im Durchschnitt entwickelt sich bei einem in Mitteleuropa lebenden Menschen mit HIV, der keine Therapie erhält, nach etwa zehn Jahren das Vollbild AIDS, und er stirbt daran etwa vier Jahre später.

Die Antiretrovirale Therapie

Für die Behandlung einer HIV-Infektion gibt es heute eine ganze Reihe wirksamer Medikamente. Da HIV ein Retrovirus ist, spricht man von einer antiretroviralen Therapie (ART). Bei der Kombination mehrerer Medikamente, wie es mittlerweile üblich ist, spricht man von einer hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART). Sie haben zum Ziel, die Viruslast im Körper zu senken.

Dafür stehen Einzel- und Kombinationspräparate zur Verfügung, die sich in fünf Gruppen einteilen lassen: Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI), Nicht-Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI), Protease-Inhibitoren (PI), Entry-Inhibitoren (Attachment-Inhibitoren, Ko-Rezeptorantagonisten und Fusions-Inhibitoren) und Integrase-Inhibitoren. Alle diese Substanzklassen setzen an unterschiedlichen Punkten des Vermehrungszyklus des HI-Virus an und schränken so dessen Verbreitung ein.

Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren

Medikamente dieser Substanzklasse hemmen das Enzym Reverse Transkriptase, das die virale RNA in „virale“ DNA umschreibt und so die Möglichkeit zum Einbau der Viruserbinformation in den menschlichen Zellkern schafft. Die Reverse-Transkriptase-Hemmer sind Nukleosid-Analoga, die alternativ zu den natürlichen Zellbausteinen (Nukleoside) in die neu gebildete DNA-Kette eingebaut werden und deren Unterbrechung bewirken.

Nicht-Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI)

Medikamente dieser Substanzklasse hemmen ebenfalls das Enzym Reverse Transkriptase. Sie werden synthetisch hergestellt, im Gegensatz zu den NRTI, die natürlichen Zellbausteinen (Nukleosiden) nachempfunden sind. Die Wirkweise der NNRTI unterscheidet sich ebenfalls von der der NRTI: Die NNRTI binden direkt an die Reverse Transkriptase, nahe der Substratbindungsstelle für Nukleoside. Die führt dazu, dass viel weniger Nukleoside binden können und der Prozess der Molekülverkettung stark verlangsamt wird.

Der entscheidende Vorteil dabei: NNRTIs wirken auch dann noch, wenn die HI-Viren bereits gegen NRTIs resistent sind. Der Nachteil: Wenn die Viren gegen ein Medikament der NNRTI-Gruppe resistent werden, wirken die anderen Substanzen der gleichen Gruppe auch nicht mehr (Kreuzresistenz).

Protease-Inhibitoren

Diese Wirkstoffe hemmen die HIV-Protease, die für die Reifung von viralen Eiweißen verantwortlich ist. Protease-Inhibitoren sind der Struktur der Erkennungssequenz der HIV-Protease nachempfunden und besetzen ihre Bindungsstelle an einem Vorläuferprotein. Da ihre Struktur gegenüber der HIV-Protease jedoch entscheidend abweicht, verhindern sie die Produktion von Virusbausteinen. Viren, die unter Einwirkung dieser Medikamente entstehen, sind mit unreifem Eiweiß ausgestattet und können aus diesem Grund keine weiteren menschlichen Zellen infizieren.

Entry-Inhibitoren

Etwas komplizierter ist der Wirkmechanismus von Entry-Inhibitoren, da diese eine Gruppe von drei unterschiedlichen Substanzen zusammenfassen. Damit das HI-Virus in die Zelle eindringen kann, sind drei Schritte nötig: Zuerst muss es an den CD-4-Zell-Rezeptor binden, dann an ein spezielles Protein, den Ko-Rezeptor, bevor es schließlich mit der Zelle verschmelzen und seine Erbinformation in diese einbringen kann. Alle diese drei Schritte lassen sich durch Medikamente hemmen.

Schritt eins (der CD-4-Rezeptor) wird durch Attachment-Inhibitoren blockiert, Schritt zwei (Ko-Rezeptor) durch Ko-Rezeptorantagonisten und Schritt drei (Verschmelzen mit der Zelle, auch Fusion genannt) durch Fusions-Inhibitoren. Alle drei Wirkstoffklassen werden zur Vereinfachung unter dem Begriff Entry-Inhibitoren zusammengefasst.

Integrase-Inhibitoren

Integrase-Inhibitoren blockieren ein zentrales Enzym des HI-Virus, Integrase genannt. Dieses Enzym ist daran beteiligt, die Erbinformation des Virus in das Genom der Wirtszelle einzubauen, es ist somit für die Vervielfältigung von HIV unverzichtbar. Fällt dieses Enzym aus, kann sich das Virus nicht mehr vermehren.

Immer Kombinationsbehandlung

Zur Therapie einer HIV-Infektion werden stets Kombinationen aus mindestens drei verschiedenen Wirkstoffen verwendet, um die Entwicklung von Resistenzen zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. Die Bestandteile der jeweiligen Kombinationen sollte ein in der HIV-Therapie erfahrener Arzt für den Patienten individuell auswählen. In den deutsch-österreichischen Therapieleitlinien werden mehr als 15 Kombinationen aufgeführt, die zu bevorzugen sind, zahlreiche andere gelten als Alternative. Darüber hinaus gibt es auch bestimmte Kombinationen, die nicht sinnvoll sind und deshalb unterbleiben sollten.

Konsequente Einnahme der Medikamente wichtig

Die antiretrovirale Therapie richtet sich gegen eine Vermehrung der HI-Viren im Körper, die sogenannte Viruslast im Körper wird gesenkt. Der Erfolg der antiretroviralen Therapie hängt jedoch stark von der konsequenten Einnahme der Medikamente ab. Leider haben die Medikamente, die zur antiretroviralen Therapie bei HIV eingesetzt werden, viele Nebenwirkungen, die es für den Patienten oft schwer machen, eine regelmäßige Einnahme einzuhalten. Es gibt allerdings mittlerweile sehr gute Wirkstoffe, die diese Nebenwirkungen so weit wie möglich einschränken.

Impfung wird erprobt

In Deutschland ist derzeit ein Impfstoff gegen HIV in der klinischen Testphase. In ersten Tierversuchen gab es bisher gute Erfolge. Doch eine der Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer entsprechenden Impfung ist die Tatsache, dass ein Impfstoff außer an Menschen nur an Schimpansen getestet werden kann. Bei anderen Tieren bleibt das HI-Virus ohne Wirkung, sodass auch keine Infektion stattfindet. Ein weiteres Problem ist, dass das Virus schon zahlreiche Mutationen vollzogen hat und wohl noch etliche hinzukommen werden. Für jede dieser Mutationen müsste ein spezieller Impfstoff entwickelt werden.

Möglicherweise bringt ein neuer Ansatz über ein Protein, das den Rezeptor auf der Helferzelle nachahmt, den Durchbruch. Normalerweise sind oder bewirken Impfstoffe Antikörper oder deren Bildung gegen den auslösenden Erreger. In diesem Fall wird nicht der Erreger selbst angegriffen, sondern seine Andockstelle auf den Zellen. Zurzeit wird der Impfstoff mit gutem Erfolg an Makaken getestet.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 14.04.2015
  • Autor/in: vitanet.de; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin
  • Quellen: N. Suttorp, M. Mielke, W. Kiehl, B. Stück (Hrsg.): Infektionskrankheiten verstehen, erkennen, behandeln, Thieme-Verlag 2004
  • NH. Brockmeyer et al.: HIV-Infekt, Epidemiologie, Prävention, Pathogenese, Diagnostik, Therapie, Psychsoziologie. Springer Verlag 2000
  • Priv.-Doz. Dr. J. Rockstroh und Prof. Dr. U. Spengler (Hrsg.): Opportunistische Infektionen und Tumore im Verlauf der HIV-Infektion, Medizinische Universitätsklinik I der Universität Bonn, UNI-MED Science, 2., neu bearb. Auflage 2003
  • K. Arasteh, R. Weiß: Buch gegen die Panik - Leben mit der HIV-Infektion, Verlag Rosa Winkel 2002
  • Robert-Koch-Institut : Infektionskrankheiten A-Z
  • Gardner, Matthew et al. (2015): AAV-expressed eCD4-lg provides durable protection from multiple SHIV challenges (doi:10.1038/nature14264) (http://www.nature.com/nature/journal/v519/n7541/full/nature14264.html#contrib-auth)
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