Erfahrungsbericht eines Herzneurose-Patienten

Herzneurotiker glauben oft, sie stünden mit ihren Ängsten und Problemen allein da. Dieses beunruhigende Gefühl möchten wir Ihnen mit einem Erfahrungsbericht eines Berliner Patienten, der heute 47 Jahre alt ist, nehmen. Freunden, Ehepartnern, Eltern und Kindern kann dieses Protokoll zudem helfen, die Ängste zu verstehen.

Dieses Mal könnte es ernst sein

Ich wechsle immer wieder die Position, als ob ich so meinem Körper und der Situation entfliehen könnte. Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe Angst, diese Nacht nicht zu überleben. Auch im Sitzen lässt das rasende Pochen hinter den Rippen nicht nach. Die Ärzte haben gesagt, dass ich ganz gesund sei. Doch was, wenn die Ärzte etwas übersehen haben? Auch wenn es das letzte Mal meine Angst war, jetzt könnte es ja eine echte Herzrhythmussstörung sein.

Die Ärzte glauben, ich hätte Drogen genommen

Ich erlebe diese Situation nicht zum ersten Mal und weiß, dass die Ärzte in der Notaufnahme ganz gelassen, ja manchmal sogar genervt reagieren werden. Sie werden mich wieder fragen, welche Drogen ich denn eingeworfen habe. Doch die Angst siegt: Ich bitte einen Freund, mich ins Krankenhaus zu begleiten. Hier bin ich kein Unbekannter. Ich werde gelassen in Empfang genommen. Die einfachen Routineuntersuchungen, Blutdruckmessung, Ruhe-EKG und die Blutuntersuchung zeigen normale Werte. Das Herz schlägt schnell aber regelmäßig. Ich könne eine halbe Tablette des Betablockers einnehmen, der mir beim letzten Mal offenbar auch geholfen hat, schlägt die Ärztin vor.

Ein enger Freund war gerade gestorben

Es begann damit, dass ich auf einer Wanderung im Himalaya einmal ein Druckgefühl auf der Brust, starkes Herzpochen und große Angst verspürt habe. Dann vor sechs Jahren habe ich einen richtigen Herzanfall auf einer Party erlebt. Es folgten zwei Jahre, die vollständig bestimmt waren von der Angst vor dem Herztod. Es war ohnehin eine sehr schwierige Zeit in meinem Leben: Ein sehr enger Freund war mit gerade vierzig unheilbar erkrankt und gestorben. Die Probleme in meiner Beziehung wurden unerträglich und eine Trennung unvermeidlich. Jeden Tag habe ich erlebt, als sei es mein letzter. Nachts musste ich das Licht brennen lassen. Reisen war unmöglich. Selbst mit der U-Bahn in einen entfernten Stadtteil zu fahren, kam einer Mutprobe gleich. Fast täglich erlebte ich Attacken. Oft nachts. Liegen bleiben konnte ich nicht.

Mein Vater starb früh an einem Schlaganfall

Schon bevor die erste Attacke auftrat, hatte ich lange nicht mehr geraucht. Ich bin immer schlank gewesen, treibe regelmäßig Sport und ernähre mich gesund. Herzkrankheiten hat es in unserer Familie nie gegeben. Mein Vater ist allerdings an einem Schlaganfall gestorben, ganz plötzlich während der Arbeit. Da lebten meine Geschwister und ich noch zu Hause.

Ich habe Strategien entwickelt

Inzwischen geht es mir besser. Ob es die zweijährige Psychotherapie bei einem Gestalttherapeuten gewesen ist oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe für Panikstörungen – „die Angsthasen“, wie ich sie nenne – das weiß ich nicht. Es ist auch nicht so, dass die Herzangst völlig verschwunden ist. Nur seltener ist sie geworden. Ich habe eben Strategien entwickelt. Inzwischen kann ich sogar wieder fliegen. Geholfen hat mir ein Psychologe aus der Selbsthilfegruppe: Er entgegnete einer Teilnehmerin, die sich aus Angst auf der Reise zu sterben, ihren Lebenstraum einer Ägypten-Reise nicht erfüllen wollte: „Sie sind doch ohnehin überzeugt jeden Moment sterben zu müssen, dann sterben Sie eben in Ägypten statt in Berlin.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 25.09.2017
  • Autor/in: Dr. Beate Effertz, Ärztin für Allgemeinmedizin, Charit, Universitätsmedizin - Berlin; Kirsten Gaede, Medizinjournalistin, Charit, Universitätsmedizin - Berlin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin
  • Quellen: Handbuch der Inneren Medizin, G. Herold, Eigenverlag 2005
  • Lehrbuch der psychosomatischen Medizin, T. Uexküll, Urban
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