Medikamentöse Therapie nach dem Herzinfarkt

Entscheidend für das Überleben eines Herzinfarkt-Patienten sind die ersten Stunden nach dem Gefäßverschluss. Gelingt es in dieser Zeit, die Durchblutung am Herzen wiederherzustellen und Folgeschäden wie Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche erfolgreich zu behandeln, ist der Weg geebnet für eine langsame Rückkehr ins Leben.

Verlief der Infarkt unkompliziert, kann sich der Patient schon am Folgetag im Bett aufsetzen. Sind größere Bereiche des Herzmuskels geschädigt und ist das Herz dadurch in seiner Pumpleistung stärker eingeschränkt, dauert es länger, bis die Belastung Schritt für Schritt gesteigert werden kann. Fast jeder Patient muss nach einem Herzinfarkt (mitunter langfristig) mit Medikamenten behandelt werden, um einen erneuten Infarkt zu verhindern.

Thrombozyten-Aggregationshemmer

Thrombozyten-Aggregationshemmer gelten als Basistherapie nach einem Herzinfarkt und hemmen die Zusammenballung der Blutplättchen (Thrombozyten). So lässt sich verhindern, dass neue Blutpfropfen entstehen.

Zu dieser Gruppe gehören die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure (ASS), P2Y12-Inhibitoren wie Clopidogrel, Prasugrel und Ticagrelor und Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitoren wie Abciximab, Eptifibatid und Tirofiban. ASS wird heute sogar als vorbeugendes Dauermedikament gegen Herzinfarkt eingesetzt. Thrombozyten-Aggregationshemmer haben jedoch auch Nachteile: Die Gefahr von Blutungen im Magen-Darm-Trakt steigt bei lang dauernder Einnahme. Wer also zum Beispiel ein Magengeschwür hat, muss besonders vorsichtig sein: Er sollte die Tabletten nie auf nüchternen Magen und möglichst mittags zum Essen einnehmen sowie viel dazu trinken. Außerdem ist zu beachten, dass unter Einnahme der genannten Wirkstoffe selbst kleine Verletzungen länger und heftiger bluten können.

In seltenen Fällen reagieren Patienten auf die Gruppe der ASS-ähnlichen Substanzen mit ernsten allergischen Symptomen. Bei Atemnot, Schwellungen oder ähnlichen Beschwerden sollten Betroffene sofort einen Arzt rufen.

Gerinnungshemmer (Antikoagulanzien)

Patienten, die einen linksventrikulären Verschluss hatten, also bei denen die linke Herzkammer vom Herzinfarkt betroffen ist, oder bei denen ein Vorhofflimmern zurückgeblieben ist, wird eine gerinnungshemmende Therapie empfohlen. Dazu werden Antikoagulanzien verordnet. Bei Antikoagulanzien handelt es sich um Wirkstoffe, die die Gerinnungsfähigkeit des Bluts verringern. Es gibt sie als Tabletten mit den Wirkstoffen Phenprocoumon, Warfarin oder auch als oral verabreichbare Thrombinhemmer wie Dabigatran oder Gerinnungsfaktorhemmer wie Rivaroxaban oder ähnliche.

Die Behandlung mit Gerinnungshemmern muss anfangs alle paar Tage, später regelmäßig im Abstand einiger Wochen durch einen Bluttest kontrolliert werden. Das soll gewährleisten, dass die Blutgerinnungsfaktoren einen idealen Wert haben: Das Blut ist genau so dünnflüssig, dass sich keine Gerinnsel bilden, aber auch keine Blutungen drohen.

Gerinnungshemmer können Nebenwirkungen hervorrufen, weil sie in manchen Fällen die Blutungsneigung erhöhen: Nasenbluten und Zahnfleischbluten sowie blaue Flecken treten häufig auf. Ist eine Operation geplant, muss Tage vor dem Eingriff unter ärztlicher Kontrolle die Arzneidosis langsam gedrosselt werden.

Patienten mit schweren Blutungen und starkem Bluthochdruck dürfen Gerinnungshemmer nicht nehmen. Bei dauerhafter Einnahme besteht die Gefahr von Knochenschwund (Osteoporose).

Betablocker

Betablocker besetzen bestimmte Bindungsstellen im vegetativen Nervensystem. Dadurch wirken sie beruhigend: Der Puls verlangsamt sich, das Herz verbraucht weniger Sauerstoff, der Blutdruck sinkt. Bekannte Vertreter dieser Gruppe sind Atenolol, Bisoprolol, Celiprolol, Metoprolol, Propranolol und Talinolol. In der Frühphase nach einem Herzinfarkt kann es unter Einnahme von Betablockern zu einer erhöhten Rate kardiogener Schocks kommen.1 Andererseits können Betablocker einen erneuten Infarkt oder Kammerflimmern verhindern. Weitere Nebenwirkungen von Betablockern: Sie können die Erregungsleitung am Herzen stören, die Herzleistung kritisch absenken und die Bronchien verengen.

Deshalb sollten Menschen mit Asthma oder stark ausgeprägter Herzinsuffizienz nicht mit Betablockern behandelt werden. Außerdem hemmen Betablocker die Insulinausschüttung und die Glukoseverwertung, was zu einem Blutzuckeranstieg führen kann. Menschen mit Diabetes mellitus sollten wissen, dass unter der Therapie mit Betablockern die Anzeichen einer Unterzuckerung ausbleiben können. Nicht zuletzt gelten Potenzstörungen als unangenehme Nebenwirkung der Betablocker.

ACE-Hemmer

ACE-Hemmer senken den Blutdruck, außerdem wirken sie dem krankhaften Wachstum von Gefäßwand- und Herzmuskelzellen nach einem Herzinfarkt entgegen. Die Medikamente – zum Beispiel Captopril, Enalapril, Lisinopril und Ramipril – gelten als Mittel der Wahl, wenn zusätzlich zum Herzinfarkt eine Herzschwäche oder Diabetes mellitus besteht. Häufigste Nebenwirkung der ACE-Hemmer ist ein quälender Hustenreiz, der unter Umständen zum Absetzen des Medikaments zwingt.  

Gefürchtet ist außerdem das sogenannte Quincke-Ödem, eine rasche Schwellung von Haut und Schleimhäuten – besonders an Augenlidern, Lippen, Wangen und Genitalien. Sind die Atemwege beteiligt, besteht Erstickungsgefahr. Dann muss sofort der Notarzt gerufen werden. Es ist wichtig, Nierenfunktion, Blutbildung und Salzhaushalt während der Therapie ständig zu kontrollieren. Bei Patienten mit sehr niedrigem Blutdruck (unter 100 mmHg systolisch) oder mit ausgeprägter Herzschwäche müssen die ACE-Hemmer besonders vorsichtig dosiert werden.

Statine

Statine hemmen das Schlüsselenzym für die Cholesterin-Produktion. Dadurch produziert die Leber weniger Cholesterin. Überschüssiges Cholesterin gilt als einer der Hauptverursacher von Herzinfarkten, weil es sich an der Gefäßwand ablagert und so die Adern verengt oder verschließt. Als Nebenwirkung können Statine unter anderem Magen-Darm-Beschwerden, Leberschäden, Muskelschmerzen und Muskelschäden (auch am Herzmuskel) hervorrufen. Auch psychische Nebenwirkungen wie Reizbarkeit, Aggressivität, Gedächtnisverlust und Konzentrationsmangel wurden beobachtet. Daher ist es notwendig, dass die Therapie mit Statinen sorgfältig vom Arzt überwacht wird.

Angiotensin-Rezeptorblocker

Angiotensin-Rezeptorblocker zählen zu den Antihypertensiva, sind also Medikamente, die den Blutdruck senken. Sie werden eingesetzt, wenn bei Patienten durch die Einnahme von ACE-Hemmern Nebenwirkungen auftreten. Aber auch bei Angiotensin-Rezeptorblocker können sich Nebenwirkungen zeigen: Mögliche Beschwerden sind zum Beispiel Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und Husten. Außerdem kann es in seltenen Fällen – wie bei den ACE-Hemmern – zu einem Quincke-Ödem kommen.

Aldosteronantagonisten

Aldosteronantagonisten wie Eplerenon wirken entwässernd. Sie kommen bei Herzinfarkt-Patienten zum Einsatz, die bereits mit ACE-Hemmern und Betablockern behandelt werden und Anzeichen von Herzinsuffizienz oder Diabetes mellitus zeigen. Allerdings dürfen Medikamente mit diesem Wirkstoff nicht von Menschen eingenommen werden, die an einer Niereninsuffizienz leiden. Als Nebenwirkung kann eine Hyperkaliämie auftreten – also ein Kaliumüberschuss. Deshalb ist es ratsam, regelmäßig den Elektrolythaushalt zu kontrollieren.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 04.04.2014
  • Autor/in: Redaktion vitanet.de: Nina Prell, Medizinredakteur; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin.
  • Quellen: 1 COMMIT: Early intravenous then oral metoprolol in 45 852 patients with acute myocardial infarction: randomised placebo-controlled trial. 5. November 2005. The Lancet, Volume 366, Issue 9497, Pages 1622-1632 (doi:10.1016/S0140-6736(05)67661-1) (http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2805%2967661-1/fulltext)
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (2012): ESC Pocket Guidelines: Akutes Koronarsyndrom ohne ST-Hebung (NSTE-ACS) (http://leitlinien.dgk.org/files/2012_Pocket-Leitlinie_Akutes_Koronarsyndrom_NSTE-ACS.pdf)
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