Formen der Epilepsie: generalisierte Anfälle

Bei einer bestimmten Form der Epilepsie, den generalisierten Anfällen, ist das gesamte Gehirn oder Teile beider Gehirnhälften gleichzeitig betroffen. Nicht selten entstehen generalisierte Anfälle aus fokalen Anfällen, die zunächst auf ein Hirnareal beschränkt waren, sich aber auf das gesamte Gehirn ausgebreitet haben. Man spricht dann von einer sekundären Generalisierung.

Generalisierte Anfälle zeichnen sich durch eine deutliche Bewusstseinsstörung bis hin zur tiefen Bewusstlosigkeit aus. Zuckungen der Muskeln können, müssen aber nicht auftreten. Folgende Anfallarten lassen sich bei den generalisierten Anfällen unterschieden:

Absencen

Einfache Absencen sind die mildeste Form der generalisierten Anfälle. Sie werden auch Bewusstseinspause genannt und treten meist nach dem Aufwachen auf. Die Anfälle dauern nur einige Sekunden, in denen der Betroffene plötzlich ins Leere stiert und seine Tätigkeit unterbricht. Sie wird nach dem Anfall meist wieder aufgenommen, als sei nichts geschehen. Spricht der Patient gerade, bricht er mitten im Satz ab oder redet deutlich langsamer. Meist erinnert er sich an die einfache Absence nicht.

Bei komplexen Absencen – auch typische Absencen genannt – kommen meist rhythmische Zuckungen hinzu. Zum Teil lassen die Betroffenen auch ihren Kopf nach vorne fallen oder sacken in sich zusammen. Manchmal treten Automatismen auf, bei denen Bewegungen oder Handlungen unbewusst wiederholt werden. Die Ursache von typischen Absencen kann in der genetischen Veranlagung liegen.

Atypische Absencen sind eine Sonderform der Absencen. Die Begleiterscheinungen sind bei dieser Form der generalisierten Anfälle stärker. Meist steigt die Häufigkeit atypischer Absencen an, bis sie letztendlich in den gefährlichen Status epilepticus übergehen, bei dem ein Anfall dem anderen folgt. Dieser Zustand kann einige Tage dauern und vor allem bei Kindern dazu führen, dass sie Erlerntes vergessen und neu erlernen müssen.

Tonisch-klonische Anfälle

Der tonisch-klonische Anfall – früher auch als „Grand Mal“ gleich „großer Anfall“ bezeichnet – ist die häufigste Form des generalisierten Anfalls. Er kann Menschen jedes Alters treffen, ist jedoch bei Kleinkindern sehr selten. Der tonisch-klonische Anfall kann täglich oder in Abständen von Monaten bis Jahren auftreten. Bei manchen Betroffenen kündigt eine Aura – bestimmte körperliche oder sinnliche Wahrnehmungen wie Geräusche, Lichtblitze oder Herzrasen – den Anfall an. In einem Großteil der Fälle beginnt er jedoch ohne vorherige Anzeichen sehr plötzlich.

Tonisch-klonische Anfälle laufen meist in einer festen Reihenfolge ab: Die Betroffenen werden aus heiterem Himmel bewusstlos und stürzen mit gestrecktem Körper zu Boden. Darauf folgt das tonische Stadium dieses generalisierten Anfalls. Für einige Sekunden bis zu einer halben Minute versteift der gesamte Körper. Die anschließende klonische Phase zeichnet sich durch Zuckungen des ganzen Körpers – vor allem aber von Kopf, Armen und Beinen – aus.

Die Atmung setzt zu Beginn des Anfalls meist vollständig aus, um dann vertieft und schwer wieder einzusetzen. Durch den Sauerstoffmangel ist der Betroffene blass und läuft blau an. Er schwitzt und produziert viel Speichel, der aus dem Mund austritt. Zum Teil ist der Speichel mit Blut vermischt, da sich der Patient auf die Zunge gebissen hat.

Auf den Anfall und die Bewusstlosigkeit folgt meist ein Nachschlaf, der bis zu mehreren Stunden dauern kann. Bleibt dieser Schlaf aus oder ist nur kurz, sind die Patienten anschließend verwirrt und unruhig. Beim Aufwachen aus dem Nachschlaf verspüren die Betroffenen häufig Muskelkater. Sie erinnern sich nicht an den tonisch-klonischen Anfall.

Myoklonische Anfälle

Myoklonische Anfälle ähneln dem Zucken vor dem Einschlafen, das auch gesunde Menschen kennen. Meist sind sie harmlos, können jedoch auch sehr heftig ausfallen. Der Betroffene fällt dann unwillentlich zu Boden oder schleudert einen Gegenstand aus der Hand. Diese Form des generalisierten Anfalls ist kurz und das Bewusstsein bleibt klar. Auslöser kann zu wenig Schlaf sein.

Klonische Anfälle

Klonische Anfälle zeichnen sich durch rhythmische Muskelzuckungen aus. Sie können eine oder mehrere Muskelgruppen betreffen: Der ganze Körper, Arme, Beine oder auch nur ein Augenlid zucken. Nach diesem generalisierten Anfall ist der betroffene Körperteil kurz wie gelähmt.

Tonische Anfälle

Diese Form der generalisierten Anfälle tritt hauptsächlich im Schlaf auf. Sie bleibt deshalb leicht unbemerkt, gerade wenn sie mild verläuft. Einzelne Muskelgruppen oder der ganze Körper verkrampfen sich für einige Sekunden – beispielsweise wird der Kopf fest ins Kissen gedrückt.

Atonische (astatische) Anfälle

Die Haltungsmuskulatur des Körpers verliert bei einem atonischen Anfall ihre Spannung – den Tonus. Bei einem milden Anfall sackt dann zum Beispiel nur der Kopf nach unten. Der Betroffene kann jedoch auch zu Boden stürzen oder mit dem Gesicht auf die Tischplatte knallen. Meist bleiben die Betroffenen stumm und regungslos liegen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 04.10.2017
  • Autor/in: Christina Wiener, Medizinredakteurin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin
  • Quellen: Erster Epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (2008)
  • Epilepsie-Netz (www.epilepsie-netz.de)
  • Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V. (www.izepilepsie.de/home/index,id,563.html)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neruologie: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter (https://www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2017/PDFs_Download/030041_LL_Erster-epileptischer-Anfall_2017.pdf)
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Status epilepticus im Ersachsenenalter (https://www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2012/pdf/ll_02_2012_status_epilepticus_im_erwachsenenalter.pdf)
  • Universitätsklinikum Freiburg, Abteilung Epileptologie – Epilepsiezentrum: Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen (https://www.uniklinik-freiburg.de/epilepsie/sektion-fuer-epilepsiediagnostik-im-kindes-und-jugendalter/epilepsie-bei-kindern.html)
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