Wegweiser Psychotherapie

Eine Psychotherapie kann Patienten sehr gut den Weg aus der Depression weisen. Wichtig ist allerdings, die richtige Therapieform und den richtigen Therapeuten zu finden. Doch das ist nicht immer ganz einfach. Denn es gibt zahlreiche Behandlungsansätze – und nicht jeder ist für jeden Betroffenen geeignet. Dazu kommt, dass der Erfolg einer Psychotherapie sehr vom zwischenmenschlichen „Draht“ zwischen Therapeut und Patient abhängt.

Sofa mit Wegweisern © Thinkstock/vitapublic
Prinzipiell gibt es in der Psychotherapie zwei verschiedene Ansätze: die Verhaltenstherapie und die psychodynamischen Verfahren. Zu Letzterem gehören unter anderem die Psychoanalyse und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Beiden Anschauungen liegen unterschiedliche Vorstellungen über die Entstehung von Depressionen zugrunde.

Verhaltenstherapeutische Ansätze gehen davon aus, dass die Erkrankung zu einem gewissen Teil auf fehlerhaft erlerntem Verhalten beruht, das sich im Rahmen der Psychotherapie neu und vor allem richtig erlernen lässt. Annahme der psychodynamischen Verfahren ist es, dass einer Depression ungelöste und unbewusste Konflikte zugrunde liegen. Diese sollen während der Psychotherapie bewusst gemacht und verarbeitet werden. Viele Therapeuten kombinieren heutzutage auch Elemente beider Richtungen.

Verhaltenstherapie: Raus aus der erlernten Hilflosigkeit

Menschen, die an einer Depression leiden, haben nach Auffassung von Verhaltenstherapeuten starre negative Meinungen über sich und ihr Schicksal, aber auch über ihre Beziehung zur Welt und den Mitmenschen. Sie sind überzeugt davon, generell nichts bewirken zu können („Es ist halt so, ich kann da ohnehin nichts ändern.“) Eine solche Einstellung kann in einer konkreten Situation entstanden sein, in der der Patient seine eigene Ohnmacht erfahren hat. Man spricht in diesem Fall von „erlernter Hilflosigkeit“. Während der Verhaltenstherapie soll der Patient lernen, diese negativen Emotionen und pessimistischen Einstellungen zu ändern.

Im ersten Therapieabschnitt geht es zunächst einmal darum, das subjektive Leiden des Patienten zu lindern und ihn auf die weitere Therapie vorzubereiten. Auch das Verhältnis zum Therapeuten erhält hier seine Basis.

Im zweiten Abschnitt verfolgen dann Therapeut und Patient längerfristige Ziele. Der Patient lernt zum Beispiel, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, anstatt seine Gedanken ständig um die (bedrohliche, ungewisse ...) Zukunft kreisen zu lassen. Auch der Umgang mit Emotionen – seien sie negativ, seien sie positiv – ist nun Gegenstand der Psychotherapie. Mit der Zeit lernt der Patient durch Übungen und Rollenspiele, mit alltäglichen Problemen gelassen oder auch zupackend umzugehen, eigene Interessen wahrzunehmen und aktiver zu werden, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und wieder die volle Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Für eine Verhaltenstherapie sind 30 bis 40 Sitzungen veranschlagt, die ein- bis zweimal pro Woche als Einzel- oder Gruppentherapie stattfinden.

Gesprächspsychotherapie
Die Methode wurde früher auch als klientenzentrierte Psychotherapie bezeichnet. Der Patient gilt als aktiver Klient, dem das Wissen um seine Bedürfnisse verloren gegangen ist. Er soll frei und offen über alles sprechen, was ihn beschäftigt und belastet. Worüber er reden möchte, bestimmt er selbst. Der Therapeut zeigt sich mitfühlend und akzeptierend, gibt weder Ratschläge noch Hinweise, sondern fasst zusammen, wie er die Worte des Patienten verstanden hat.

Der Patient erhält bei der Gesprächspsychotherapie die Möglichkeit, in einer geschützten Atmosphäre über sich selbst zu sprechen und nachzudenken. So soll er lernen, seine Wünsche und Neigungen zu entdecken und seinen Alltag neu zu gestalten. Eine Sitzung dauert etwa eine Stunde und es werden durchschnittlich 20 Sitzungen benötigt.

Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP)
Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, das speziell zur Behandlung chronischer Depressionen entwickelt wurde. Die Methode verbindet Elemente verschiedener Ansätze der Psychotherapie und wird in Deutschland zurzeit nur an einigen wenigen Zentren angeboten.

Im Mittelpunkt der Theorie steht die frühe Entwicklung eines Menschen. Nach dem Verständnis des CBASP leiden Patienten mit einer chronischen Depression nicht nur unter übertrieben pessimistischen Gedanken, sondern auch darunter, dass ihre emotionale Entwicklung aufgrund negativer Erfahrungen in einem sehr frühen Stadium stehengeblieben ist.

Mithilfe der Psychotherapie soll der Patient vor allem lernen, Probleme in sozialen Beziehungen zu lösen. Auch zielt sie darauf, bestimmte Verhaltensfähigkeiten zu trainieren. Die Therapie erstreckt sich über 16 bis 20 Sitzungen in der ersten Behandlungsphase, der sich eine weitere Phase mit 18 bis 20 Sitzungen anschließt.

Psychodynamische Psychotherapie: Unbewältigte Konflikte aufarbeiten

Die zentrale Theorie dieser Verfahren besagt, dass einer psychischen Erkrankung unbewusste Konflikte zugrunde liegen. Im Fall einer Depression ist dies der unbewältigte Konflikt zwischen dem Wunsch nach Bindung auf der einen Seite und dem Bestreben nach Autonomie und Selbstständigkeit auf der anderen Seite. Die zentrale Rolle spielen hierbei Erlebnisse von Verlust, Verunsicherung und Enttäuschung in Kindheit und Jugend.
Unter den Begriff „psychodynamische Psychotherapie“ fallen verschiedene Verfahren, die von dieser Annahme ausgehen.

Psychoanalyse
Die klassische Psychoanalyse ist die Mutter aller psychodynamischen Verfahren. Den Begriff prägte Sigmund Freud (1856–1939). Wegen der relativ hohen Rückfallquote bei Kurzzeittherapien hat das Interesse an der Psychoanalyse zur Behandlung der Depression seit einigen Jahren wieder zugenommen. Dabei werden häufig abgewandelte Verfahren wie die analytische Psychotherapie angewandt.

Bei dieser Therapieform hält sich der Psychotherapeut zurück und lässt den Patienten frei erzählen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Zwischenzeitlich deutet der Analytiker das Erzählte oder lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf bestimmte Aspekte. Er kann entweder dem Patienten gegenüber oder auch außerhalb des Sichtfelds des Patienten sitzen, um ihn so wenig wie möglich abzulenken.

In diesem Szenario soll der Patient seine Konflikte so lange thematisieren, bis er sie wieder ins Bewusstsein geholt hat. Diese Form der Psychotherapie erstreckt sich in der Regel mit zwei bis drei Sitzungen pro Woche über Jahre. Oft sind mehrere Hundert Sitzungen nötig.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Da sie die Methoden der Psychoanalyse nutzt, hat sich für sie der Begriff „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ etabliert. Im Gegensatz zur Psychoanalyse sitzen sich hier Patient und Therapeut gegenüber, und der Therapeut kann leiten und in das Geschehen eingreifen.

Die Therapie konzentriert sich zumeist auf das Verhältnis zu wichtigen Bezugspersonen, das bewusst oder unbewusst problematisch verläuft. Für eine solche Psychotherapie ist mit 50 bis 80 Sitzungen zu rechnen, die einmal wöchentlich stattfinden. Kurzzeittherapien veranschlagen bis zu 40 Sitzungen. Diese Zeit ist offenbar auch nötig: Studien in den USA haben gezeigt, dass die dort üblichen 20 Therapiestunden zu relativ hohen Rückfallquoten führen.

Wie komme ich zur Psychotherapie?

Die Suche nach dem richtigen Therapeuten ist unter Umständen nicht ganz einfach. Wichtig ist, dass die Chemie zwischen Patient und Therapeut stimmt. Hier ist es nicht verkehrt, auf seine innere Stimme zu hören und nach dem eigenen Gefühl zu gehen. Damit eine Psychotherapie den gewünschten Erfolg verspricht, sollte der Patient dem Therapeuten vertrauen und sich bei ihm gut aufgehoben fühlen. Da sich dies nicht schon von vorneherein sagen lässt, gewähren die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel fünf Probesitzungen, für eine Psychoanalyse meist acht. Bei den Privatversicherungen sind die Regelungen uneinheitlich. Es empfiehlt sich daher, bei der eigenen Versicherung nachzufragen.

Während der Probesitzungen ist es jederzeit möglich, den Therapeuten zu wechseln, wenn man mit ihm nicht zurechtkommt. Sind allerdings bereits therapeutische Sitzungen gewährt, lässt sich dies nicht mehr so ohne Weiteres ändern, denn diese Sitzungen sind personengebunden. Möchte man während einer laufenden Therapie den Behandler wechseln, muss der neue Therapeut beim Kostenträger wieder einen Antrag stellen. Gesetzliche Krankenkassen bezahlen die Behandlung, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Der Therapeut muss eine Kassenzulassung haben und die psychische Störung einen Krankheitswert, was beispielsweise für Depressionen, Angststörungen oder Zwangserkrankungen zutrifft. Diesen Krankheitswert und auch die Notwendigkeit einer Behandlung stellt der Therapeut während der Sitzungen fest.

In der Regel werden nur Einzel- und Gruppentherapien erstattet, nicht jedoch Paar- oder Familientherapien. Bei den Privatversicherungen ist die Kostenübernahme abhängig von den Vertragsbedingungen. Es empfiehlt sich deshalb auch hier, entweder in der Versicherungspolice nachzulesen oder sich bei der Versicherung direkt zu erkundigen.

Who is who? Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten

Die Unterscheidung der Aufgaben von Psychiater, Psychologen und Psychotherapeut ist nicht ganz einfach:

Der Psychiater ist ein Facharzt, der sich auf die Erkrankungen von Geist und Seele spezialisiert hat. Diese behandelt er mit Medikamenten, aber auch mit einer Psychotherapie, wenn er hierfür eine Spezialausbildung absolviert hat.

Psychologen haben an der Universität das Fach Psychologie studiert, das sich mit dem menschlichen Erleben und Verhalten beschäftigt. Sie sind allerdings keine Ärzte und dürfen daher auch keine Medikamente verschreiben. Haben Psychologen eine entsprechende Zusatzausbildung absolviert, können sie seelische Störungen mit einer Psychotherapie behandeln.

Jeder, der eine solche Therapie durchführen darf, ist ein Psychotherapeut. Je nachdem, ob es sich um einen Arzt oder um einen Psychologen handelt, spricht man von ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten. Ärzte müssen nicht unbedingt Facharzt für Psychiatrie sein, um eine Psychotherapie durchführen zu dürfen. Auch Mediziner anderer Fachrichtungen können eine entsprechende Ausbildung absolvieren und sich dann ebenfalls Psychotherapeut nennen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.04.2015
  • Autor/in: vitanet.de; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin;
  • Quellen: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression (http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2012-01_01.pdf)
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