Demenz und Morbus Alzheimer: Expertenrat

Experten-Interview zur Alzheimer-Krankheit

Zurzeit leiden 1,2 Millionen Menschen in Deutschland an der Alzheimer-Demenz. Wegen der steigenden Lebenserwartung wird sich die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahrzehnten weiter erhöhen. Schätzungen zufolge sind 24 Millionen Menschen weltweit von der Krankheit betroffen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist diese Form der Altersdemenz „eines der größten medizinischen Probleme der heutigen Welt“.

Doch woran erkennt man die Krankheit? Was sind die frühen Symptome der Alzheimer-Demenz? Wie sollen sich Angehörige verhalten? Das Interview mit Dr. Elisabeth Stechl, Neuropsychologin und Geriatrie-Forscherin der Charité Berlin, klärt über die wichtigsten Fragen zum Thema Alzheimer-Demenz auf.

Welches sind die ersten Anzeichen einer Alzheimer-Demenz?

Die ersten Symptome sind schwach ausgeprägt, weshalb Familie und Freunde sie auch kaum bemerken. Es treten erste Gedächtnisstörungen auf, die sich vor allem durch Schwierigkeiten bei der Verarbeitung neuer Information äußern. Hinzu kommen Konzentrationsstörungen. So fällt es dem Betroffenen zum Beispiel schwer, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen. Auch hat er Wortfindungsstörungen und kann komplexere Zusammenhänge nicht mehr vollständig erfassen, wie die Steuererklärung oder andere geschäftliche Angelegenheiten – diese Sachen geben die Betroffenen dann oft an Angehörige weiter.

Es sind anfangs oft Kleinigkeiten, die auffallen: Der Betroffene wirkt häufiger gedankenverloren oder hat Probleme, sich in einer neuen Umgebung zu orientieren – dies fällt dann oft im Urlaub auf. Zu beobachten ist auch, dass Menschen mit einer beginnenden Alzheimer-Demenz komplizierte Aktivitäten oder Hobbys aufgeben, was sich auch in einem sozialen Rückzug äußert. Typisch ist außerdem das vermehrte Zettelschreiben.

Merken die Betroffenen im Frühstadium der Alzheimer-Demenz, dass mit ihnen etwas nicht stimmt?

Sie bemerken ihre Defizite und versuchen sie zu kompensieren. Doch führt nicht jeder die Veränderung gleich auf eine Demenz zurück. Viele Betroffene und auch Angehörige sagen sich, dass Gedächtnisstörungen im Alter normal sind.

Einige Betroffene schöpfen aber durchaus Verdacht und haben Angst, dass andere ihre Veränderung bemerken. Sie fürchten, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und als „bekloppt“ zu gelten. Aus diesem Grund versuchen sie, die Veränderungen und Fehler zu verbergen und einer Defizitkonfrontation aus dem Weg zu gehen. So wehren sie sich beispielsweise dagegen, ihre Defizite fachärztlich – etwa in einer Gedächtnisambulanz – abklären zu lassen.

Diese Ängste wirken sich natürlich auch auf die Gesamtstimmung der Betroffenen aus. Sie können niedergeschlagen wirken und Symptome einer Depression zeigen. Oder sie reagieren ohne ersichtlichen Grund gereizt oder aufbrausend.

Was kann etwa eine Ehefrau unternehmen, die bei ihrem Mann eine Demenz vermutet?

Am besten ist, sie macht ihrem Mann behutsam den Vorschlag, die Gedächtnisprobleme abzuklären. Es gibt einige hilfreiche Argumente, um ihn zu überzeugen: zum Beispiel, dass bei einer Alzheimer-Demenz noch viel gemacht werden kann, wenn sie früh erkannt wird. Überzeugend wirkt auch der Hinweis, dass sich nicht in jedem Fall eine Demenz hinter den Gedächtnisstörungen verbergen muss. Es könnte sich auch um eine andere Krankheit handeln, die sich gut behandeln lässt – zum Beispiel Depressionen. Schließlich sind sich die Depression und die Demenz im Frühstadium in ihrer Symptomatik recht ähnlich, oftmals treten sie aber auch gleichzeitig auf.

Zur Abklärung der Demenz eignet sich am besten eine spezialisierte Institution wie eine Gedächtnissprechstunde oder Memory-Klinik, wo Angehörige verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten – etwa Geriater, Neurologen, Psychiater und Neuropsychologen. Meistens weiß der Hausarzt, wo sich die nächste Spezialeinrichtung befindet, auch die Deutsche Alzheimergesellschaft kann Auskunft geben. Apropos Hausarzt: Wenn der Mann mit seiner Frau nicht so gern über seine Defizite spricht, wäre – sofern ein vertrauensvolles Verhältnis besteht – vielleicht auch dieser der richtige Ansprechpartner.

Gibt es wirksame Medikamente gegen die Alzheimer-Demenz?

Medikamente wie Acetylcholinesterasehemmer oder Memantine können den Verlauf hinauszögern. Damit ist schon viel gewonnen. Doch gibt es derzeit keine Heilung. Allerdings ist die Forschung sehr aktiv. Es lohnt sich für Betroffene und ihre Angehörigen, sich auf dem Laufendem zu halten und sich immer wieder neu bei Fachärzten zu informieren.

Was ist außer Medikamenten bei einer Alzheimer-Demenz zu empfehlen?

Der Betroffene sollte versuchen, offen über seine Krankheit, seine Defizite, Ängste und Bedürfnisse zu reden. Die Demenz verändert das Leben und den Alltag. Angehörige und Bekannte merken das – alle müssen sich darauf einstellen, dass die geistige Leistungsfähigkeit des Betroffenen langsam nachlässt. Es muss auch dem Betroffenen klar werden, dass es zu Konflikten kommt und er auch nicht mehr ernst genommen wird, wenn er offensichtliche Defizite leugnet.

Für den Betroffenen gilt die Devise: Weniger ist mehr und immer mit der Ruhe. Denn er braucht jetzt mehr Zeit für alltägliche Aufgaben als früher. Er sollte sich Ruhepausen gönnen und trotzdem aktiv bleiben, sprich, Sport treiben und auch geistig aktiv bleiben. Wichtig für den Betroffenen ist, sich mit Sachen zu beschäftigten, die ihm Freude bringen. Stures Auswendiglernen bringt nicht viel, Hirnleistungstraining ist nur zu empfehlen, wenn es Freude macht und nicht überfordert.

Hilfreich kann auch sein, sich bei einer Alzheimergesellschaft nach Aktivitäten oder nach psychotherapeutischer Unterstützung und Selbsthilfegruppen zu erkundigen.

Was müssen die Angehörigen beachten?

Für die Angehörigen gilt: Fordern Sie Ihr Familienmitglied, ohne es zu überfordern. Schaffen Sie eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der Ihr Familienmitglied seine Sorgen offen äußern und über seine Defizite reden kann. Dies ist sehr wichtig, weil es den Betroffenen entspannt, was sich wiederum positiv auf seine geistige Leistungsfähigkeit auswirkt. Wenn er hingegen darauf bedacht sein muss, seine Defizite zu verbergen, kommt es zu Stress und dieser beeinträchtigt seine geistige Leistungsfähigkeit zusätzlich. Hilfreich ist auch, wenn Sie den Tag gemeinsam strukturieren, das gibt dem Betroffenen Halt und Orientierung. Planen Sie Aktivitäten, aber nehmen Sie sich nicht zu viel vor, denn Stress wirkt sich, wie gesagt, kontraproduktiv aus.

Ganz wichtig ist auch, die Konfrontation mit Fehlern zu vermeiden, weil die ständige Defizitkonfrontation am Selbstwertgefühl nagt. Räumen Sie Ihrem Familienmitglied auch das Recht auf Fehler ein. Wenn er sich einmal mit dem Bus verfährt, sollte dies nicht Anlass sein, das selbstständige Busfahren grundsätzlich zu unterbinden. Jeder hat eine zweite und dritte Chance verdient. Es gilt, sorgfältig abzuwägen, denn einerseits will man die Selbstständigkeit fördern, andererseits aber auch eine Selbstgefährdung des Betroffenen vermeiden.

Es ist außerdem hilfreich, wenn sich die Angehörigen gut über die Alzheimer-Demenz informieren – das fördert das Verständnis für viele Verhaltensweisen. Typisch für viele Betroffene ist beispielsweise, dass Sie die Krankheit verleugnen. Daraus darf aber nicht voreilig geschlossen werden, sie bekämen nichts mehr mit. Räumen Sie Ihrem Familienmitglied das Recht auf Krankheitsverleugnung ein. Manche Betroffenen können den Begriff Demenz nicht akzeptieren, weil sie Angst vor der Krankheit und deren Folgen haben. Sie würden aber sehr wohl zugeben, dass sie unter Gedächtnisstörungen leiden.

Wie kann man sich vor Alzheimer schützen?

Grundsätzlich kann es jeden erwischen, er muss nur alt genug werden. Bei den über 90-Jährigen ist mindestens jeder Dritte betroffen. Es kann geistig aktive Menschen ebenso erwischen wie weniger aktive, Vegetarier genauso wie Fleischesser oder Fischesser. Die genauen Ursachen für die Alzheimer-Krankheit sind nach wie vor ungeklärt, vermutlich sind mehrere Faktoren beteiligt. Beim klassischen Alzheimer treten Schäden durch Eiweißablagerungen zwischen und in den Gehirnzellen auf, die letztlich die Gehirnzellen zerstören. Es gibt bislang keine gesicherten Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen Alzheimer und Lebensstil.

Allerdings kann ein gesunder Lebensstil der vaskulären Demenz vorbeugen, die aufgrund von Gefäßschäden – etwa durch Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen – entsteht. In gewissem Maße kann man also der vaskulären Demenz oder auch den Mischformen, die bei den Hochbetagten relativ häufig sind, präventiv entgegenwirken. Nur beim klassischen Alzheimer ist mir noch nichts bekannt.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 18.02.2015
  • Autor/in: Kirsten Gaede, Medizin-Journalistin, EGZB / Charité Berlin; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin.
  • Quellen: Universität Witten/Herdecke: Leitlinie für Betroffene, Angehörige und Pflegende: Demenzkrankheit (Alzheimer und andere Demenz-Formen) (http://www.patientenleitlinien.de/Demenz/demenz.html)