Burnout – dem Ausbrennen vorbeugen

Was kann man tun, um sich vor Burnout zu schützen? Ein Interview mit Dr. med. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, die seit Jahren Berufstätige und Unternehmen zur Burnout-Prävention berät.

Burnout: Den Begriff hört man heute überall. Wird er Ihrer Meinung nach zu inflationär verwendet?

Dr. med. Dagmar Ruhwandl
Ja sicher. Burnout ist etwas, bei dem sich jeder ein bisschen angesprochen fühlt. Häufig wird dann nicht mehr hinterfragt, ob es wirklich Burnout ist. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite haben sich die Arbeits- und Lebensbedingungen schon sehr in die Richtung entwickelt, dass man gefährdeter ist, zu erschöpfen. Dass Burnout zunimmt, ist also wahrscheinlich ein Fakt. Aber dass es so extrem ist, ist möglicherweise auch ein Produkt der häufigen Publikationen.

Bei welchen Anzeichen sollte ich bei mir selbst aufhorchen und an Burnout denken?

Das wichtigste Anzeichen ist, dass man sich nicht mehr erholen kann. Das heißt, die normalen Erholungsmechanismen – zum Beispiel ein bestimmtes Hobby oder ein freies Wochenende – funktionieren nicht mehr. Warnstufe Rot ist dann, wenn man sich selbst im Urlaub nicht mehr erholen kann. Ich hatte einmal eine Klientin, die sagte, sie hätte zwei Wochen Urlaub gehabt, aber es wäre ihr vorgekommen wie eine halbe Stunde. Der Fachbegriff dafür lautet: Verlust der Fähigkeit, zu regenerieren.

Wenn ich merke, dass ich schlechter regeneriere, was kann ich selbst im privaten Bereich tun?

In erster Linie sollte man überlegen: Wie konnte ich denn früher regenerieren? Was habe ich da gemacht? Wie habe ich das gemacht? Und in welchem Rhythmus habe ich das gemacht? Und dann sollte man versuchen, genau das wieder zu tun.

Was kann ich selbst im Beruf ändern?

Da die Berufe sehr verschieden sind, ist es schwierig, eine Generalempfehlung zu geben. Jemand, der in einer großen Firma arbeitet, hat ganz andere Belastungen als jemand in einer kleinen Firma oder jemand der selbstständig ist. Ein Pädagoge hat andere Belastungen als ein Facharbeiter. Ein guter Ratschlag ist jedoch, sich seiner Belastungen bewusst zu werden. Man kann zum Beispiel ein Stresstagebuch führen, in dem man alle stressigen Momente notiert.

Wenn man seine Belastungen nun kennt, ist es dann empfehlenswert, den Chef darauf anzusprechen?

Auch da kann man schwer einen pauschalen Ratschlag geben. Es gibt Chefs und Abteilungen, in denen das gut möglich ist. Und es gibt Chefs, da ist das sehr schwierig. Grundsätzlich ist ein Gespräch mit dem Chef jedoch zu empfehlen. Man kann – wenn man in einem ersten Schritt analysiert hat, was die eigenen Belastungen sind – überlegen, auf welche der Belastungen der Chef Einfluss nehmen kann. Das sind ja wahrscheinlich nicht alle. Diese Belastungen kann man dann herausnehmen und gezielt ansprechen.

Wenn ich mich neu in einem Unternehmen bewerbe: Gibt es Punkte, an denen ich ein gutes Unternehmen – was Burnout-Prävention angeht – erkenne?

Diese Frage finde ich sehr wichtig. Denn wer sich vorher gut informiert, hat schon einen gewissen Schutz vor Burnout. Dabei sollte man folgende Aspekte klären: Kümmert sich das Unternehmen um betriebliches Gesundheitsmanagement? Gibt es Gesundheitsangebote für Mitarbeiter in der Firma, zum Beispiel regelmäßige Gesundheitschecks oder eine gesunde Kantine? Werden die Führungskräfte darin geschult, wie sie richtig mit Mitarbeitern umgehen und die Gesundheit der Mitarbeiter schützen? Gibt es flexible Arbeitszeiten? Besteht zum zukünftigen Chef eine gewisse Sympathie? All das spielt eine Rolle und wirkt sich auf die Burnout-Gefährdung der Mitarbeiter aus.

Wenn ich als Unternehmer etwas zur Burnout-Prävention tun möchte, wie gehe ich dann vor?

Als Unternehmer empfiehlt es sich, vor allem die Führungskräfte zu schulen. Das ist von der Kosten-Nutzen-Relation her am besten. Zum einen, weil Führungskräfte einen großen Einfluss auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter haben. Man sagt, die Führungskraft nimmt ihren Krankenstand mit. Man hat eine große Untersuchung gemacht und festgestellt, dass wenn ein Abteilungsleiter von einer Abteilung mit einem Krankenstand von 3,0 Prozent in eine Abteilung mit einem Krankenstand von 6,0 Prozent wechselt, der Krankenstand der neuen Abteilung ebenfalls auf 3,0 Prozent fällt. Zum anderen ist es natürlich viel teurer, wenn man alle Mitarbeiter schult. Und die Führungskräfte sind diejenigen, die ihr Wissen am schnellsten weitergeben. In vielen Unternehmen müssen mittlerweile alle Führungskräfte Schulungen zum Thema „Wie führe ich gesund?“ durchlaufen.

Wenn ich bei einem Kollegen erste Anzeichen von Burnout bemerke, wie kann ich ihm helfen? Wie sollte ich mich verhalten?

Kollegen können am besten helfen, indem sie zeigen, dass sie selbst Hilfe annehmen können oder einmal Hilfe angenommen haben. Denn das Grundproblem bei vielen Burnout-Erkrankten ist, dass sie von ihrer Persönlichkeit her keine Hilfe annehmen können.

Wie kann man jemanden vorsichtig darauf hinweisen, dass er Hilfe bräuchte?

Am besten ist es, zu sagen: „Ich mache mir Sorgen um dich!“ Man kann von einer konkreten Situation berichten und erklären, dass man unsicher war, wie man reagieren sollte. Was man nicht tun sollte, ist, dem anderen Vorwürfe zu machen oder zu fordern. Darauf wird der Burnout-Betroffene in der Regel mit noch mehr Engagement und noch mehr Arbeit reagieren. Wenn man dagegen von seiner eigenen Betroffenheit spricht – das gilt im Übrigen auch für Angehörige – dann wird der Betroffene eher selbst etwas tun können. Das ist der erfolgversprechendste Ansatz, wie man diese Menschen zum Handeln bringt.

Welche Berufsgruppen sind besonders Burnout-gefährdet? Warum?

Es gibt bestimmte Belastungen, die zu Burnout führen. Dazu gehört in erster Linie, wenn man im Beruf viel kommunizieren muss. Deshalb sind vor allem soziale Berufe betroffen. Zunehmend betrifft Burnout aber auch alle möglichen anderen Berufe, in denen man heutzutage immer mehr kommunizieren muss. Ein Beispiel: Die Anforderungen an einen modernen Ingenieur gehen immer mehr in Richtung Kommunikation. Ingenieure haben heute Tag und Nacht Konferenzen über verschiedenste Erdteile hinweg. Und wer da kommunikativ nicht fit ist, der kann leicht ausbrennen.

Sie arbeiten ja auch in einer solchen Branche. Was tun sie persönlich, um nicht auszubrennen?

Sehr wichtig für mich ist, dass ich meine Ruherhythmen habe: Verlässliche Zeiten, in denen keine Anforderungen anstehen und auf die sich Körper und Seele einstellen können. Bei mir ist das Mittwochvormittag. Da weiß ich, ich habe keine Patienten, die Kinder sind nicht zu Hause und ich kann mir meinen Tag so einteilen, dass ich etwas Freiraum habe.

Vielen Dank für das interessante Interview, Frau Dr. Dagmar Ruhwandl!
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.05.2014
  • Autor/in: Christina Wiener, Medizinredakteurin, vitapublic GmbH; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin;
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