Wissen über Depression

Schokolade als Therapie? Das erste Deutschland-Barometer Depression zeigt: In der Bevölkerung gibt es viele Irrtümer über die Erkrankung.

Frau mit Depressionen © iStock
(Leipzig/Berlin – 30.11.2017) Die Mehrheit der Deutschen ist im Laufe des Lebens von Depression betroffen – entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehöriger (37 Prozent). Dennoch gibt es in der Bevölkerung große Irrtümer bezüglich der Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Depression. So wird die Depression vor allem als psychische Reaktion auf widrige Lebensumstände angesehen und weniger als Erkrankung im medizinischen Sinne, die jeden treffen kann und bei der Betroffene ärztliche Hilfe benötigen. Das zeigt das erste „Deutschland-Barometer Depression“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung. Für die Studie zu Einstellungen und Wissen zur Depression in der Bevölkerung wurden 2.000 Personen zwischen 18 und 69 Jahren. Ergänzt wurde diese Befragung der Allgemeinbevölkerung durch eine Onlineumfrage unter Depressionsbetroffenen.

Biologische Ursachen der Depression nur wenig bekannt

Die Studie zeigt, dass in der deutschen Bevölkerung die Bedeutung von belastenden Lebensereignissen für die Entstehung von depressiven Erkrankungen überschätzt und gleichzeitig die Bedeutung der Veranlagung unterschätzt wird. Nahezu alle Befragten sehen die Ursachen der Depression in Schicksalsschlägen (96 Prozent) und Belastungen am Arbeitsplatz (94 Prozent). Dass die Depression auch biologische Ursachen hat, ist dagegen weniger bekannt. So kennen nur 63 Prozent die große Relevanz der erblichen Komponente bei Depression. Nur zwei Drittel wissen, dass während der Depression der Stoffwechsel im Gehirn gestört ist.

„Während der Depression nehmen Betroffene alles wie durch eine dunkle Brille wahr. Bestehende Probleme wie Partnerschaftskonflikte oder Arbeitsstress erscheinen vergrößert. Deshalb bewerten viele diese äußeren Faktoren über und gehen davon aus, dass die Depression dadurch ausgelöst wurde“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Besonders deutlich werden die Wissenslücken über Depression in der Bevölkerung bei folgenden Aussagen: Über die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Depression durch eine „falsche“ Lebensführung ausgelöst wird. Knapp ein Drittel hält Charakterschwäche für eine Depressionsursache.

Jeder Fünfte hält Schokolade für ein Mittel gegen Depression

Auch bei den Behandlungsmöglichkeiten der Depression wissen die Deutschen noch nicht ausreichend Bescheid. So glaubt rund jeder fünfte Befragte, dass „Schokolade essen“ oder „Sich zusammenreißen“ geeignete Mittel gegen die schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung seien. „Depressionen werden gemäß der nationalen Versorgungsleitlinien mit Antidepressiva und/oder Psychotherapie behandelt“, sagt Hegerl. Die psychotherapeutische Behandlung genießt bei den Befragten einen besseren Ruf als medikamentöse Behandlungsmethoden. Diese unterschiedliche Einschätzung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass vier von fünf Deutschen glauben, Antidepressiva würden süchtig machen oder den Charakter verändern.

„Antidepressiva machen nicht ‚high‘, sie wirken in erster Linie gestörten Funktionsabläufen im Gehirn entgegen. Auch die Persönlichkeit wird nicht verändert. Die Depression selbst dagegen führt zu schweren Veränderungen im Erleben und Verhalten. Wenn es unter der Behandlung mit Antidepressiva zum Abklingen der Depression kommt, berichtet die große Mehrheit der Patienten, sich wieder wie im gesunden Zustand zu fühlen“, erklärt Hegerl.

Onlineangebote zur Selbsthilfe

Insgesamt erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen, unipolaren Depression. Davon erhält nur eine Minderheit eine optimale Behandlung – das belegen aktuelle Studien. Oftmals müssen Patienten lange Wartezeiten überbrücken, bis sie einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten erhalten und eine adäquate Behandlung erfahren. Aufgrund dieser angespannten Versorgungslage ist die Stärkung der Selbsthilfe eine wichtige Ergänzung im Versorgungsangebot. Digitale Angebote haben dabei in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Gegenüber Online-Hilfsangeboten bei Depression bestehen in der Bevölkerung jedoch noch Bedenken, wie das Deutschland-Barometer Depression zeigt. Die Teilnehmer der Befragung sehen vor allem den Datenschutz als kritisch an und schätzen die Programme als zu unpersönlich ein. Die Betroffenen selbst hingegen sehen sie als hilfreiche Ergänzung an – aber zu Recht kaum als Alternative zur psychotherapeutischen oder pharmakologischen Behandlung.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.11.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Volkskrankheit Depression – So denkt Deutschland
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