Zöliakie: Das sollten Eltern wissen

Zöliakie: Unter der Glutenunverträglichkeit leiden mehr Kinder und Jugendliche, als gedacht. Alles, was Eltern über Symptome, Diagnose und eine erfolgreiche Behandlung wissen sollten.

Frau hat Glutenunverträglichkeit © iStock
(München – 02.01.2019) „Zöliakie?? Keine Angst!“, heißt es auf dem Informations-Portal, das von der Stiftung Kindergesundheit gemeinsam mit dem Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München erarbeitet wurde. Das Lernprogramm ist Teil eines EU-Projekts und soll Betroffenen aktuelles und umfassendes Wissen zu Zöliakie bieten und medizinische Sachverhalte anschaulich erklären.

Zöliakie – was ist das überhaupt?

„Obwohl mindestens ein Prozent der europäischen Bevölkerung von Zöliakie betroffen ist, wissen nur wenige, worum es sich dabei wirklich handelt“, sagt Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselspezialist der Universitätskinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Zöliakie ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Sie kann bei Personen mit einer genetischen Veranlagung in jedem Lebensalter auftreten, häufig beginnt sie aber bereits im frühen Kindesalter. Auslöser für die Zöliakie ist das Getreideeiweiß Gluten. Es wird auch als Klebereiweiß bezeichnet, weil es für den Zusammenhalt des Teigs in Nudeln, Brot und anderen Backwaren sorgt. Gluten findet sich vor allem in Weizen, einschließlich Dinkel, Grünkern, Einkorn, Emmer und Kamut sowie in Roggen und Gerste.

Wenn Zöliakie-Betroffene Gluten essen

Gluten kann bei Personen mit Zöliakie eine Reaktion des Immunsystems im Dünndarm auslösen, bei der die Schleimhaut des Dünndarms geschädigt wird. Dadurch verkümmern die Darmzotten, die für eine Vergrößerung der Oberfläche und eine bessere Nährstoffaufnahme sorgen. Eine häufige Folge der Zöliakie sind deshalb Nährstoffdefizite, zum Beispiel eine unzureichende Versorgung mit Eisen, Calcium oder Vitaminen.

Die Symptome des „klinischen Chamäleons“

Aber auch eine Vielzahl anderer Beschwerden sind möglich. Eine davon ist der aufgetriebene und vorgewölbte Bauch, auf den der Name der Krankheit zurückgeht. Zöliakie ist abgeleitet von „koilia“, auf Griechisch die „bauchige Krankheit“, wie sie bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus beschrieben wurde.

Diesen Blähbauch findet man häufig bei Kleinkindern mit Zöliakie, meist in Kombination mit einer Gedeihstörung und chronischem Durchfall. Doch in den meisten Fällen und mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit dieser deutlichen Anzeichen eher ab. Meist handelt es sich dann um unspezifische Beschwerden, die auch Ärzte nicht immer sofort an eine Zöliakie denken lassen. Dazu zählen: allgemeine Verdauungsprobleme, chronische Müdigkeit und Abgeschlagenheit (meist bedingt durch einen Eisenmangel und Blutarmut), Konzentrationsstörungen, chronischen Kopfschmerzen, depressive Stimmung, Haarausfall oder brüchige Nägel, Zahnschmelzdefekt oder eine Neigung zu Knochenbrüchen (Osteoporose). Auch juckende Hautausschläge können eine Form der Zöliakie sein, die dann als Dermatitis herpetiformis Duhring bezeichnet wird. Es gibt auch eine stumme Verlaufsform, bei der die Betroffenen nichts von der Zöliakie bemerken. Aufgrund des breiten Spektrums an möglichen Symptomen und Anzeichen wird die Zöliakie auch als ein „klinisches Chamäleon“ bezeichnet.

Es gibt bestimmte Risikogruppen mit einem höheren Risiko für Zöliakie, dazu zählen Personen mit anderen Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 oder Autoimmuner Schilddrüsenerkrankung (Hashimoto Thyreoiditis) sowie nahe Verwandte (Eltern, Kinder oder Geschwister) von Zöliakiebetroffenen oder Menschen mit Chromosomenstörungen (Down Syndrom oder Turner Syndrom).

Zöliakie – zu selten diagnostiziert

Zöliakie kommt häufiger vor als bisher angenommen. In Deutschland schätzte man früher, dass von 2000 Personen, eine von Zöliakie betroffen ist. Heute weiß man: Es gibt deutlich mehr Betroffene. Im Rahmen der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland  (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts wurden die Blutproben von 12.741 Kindern und Jugendlichen im Alter von null bis 17 Jahren auf die Zöliakie-spezifischen Auto-Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (tTG) untersucht. Die Analyse ergab: 0.8 Prozent der Kinder zeigten erhöhte tTG-Spiegel, eine Zöliakie ist in diesen Fällen sehr wahrscheinlich. Zusätzlich gab es 13 Kinder (0.07 Prozent) mit bereits bekannter Zöliakiediagnose. Diesen Angaben zufolge sind 0.9 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Zöliakie betroffen. „Die Erkrankung ist also häufig, aber sie wird zu selten erkannt“, sagt Professor Berthold Koletzko. Kinderärzte, Allgemeinmediziner und Internisten sollten deshalb mehr als bisher an eine Zöliakie denken und nicht nur dann, wenn der Patient an heftigen Magen-Darm-Beschwerden leidet. „Ärzte haben auch heute noch oft das klassische Bild der Zöliakie mit heftigen Durchfällen und Bauchschmerzen im Kopf oder gehen davon aus, dass sie nur bei Kindern vorkommt. Vor allem bei Patienten mit weniger deutlichen Beschwerden bleibt die Zöliakie manchmal lange Zeit unerkannt.“, sagt Dr. Katharina Werkstetter, Projektleiterin des Online Kurses am Dr. von Haunerschen Kinderspital.

Diagnose mit Bluttests und Darmspiegelung

Der erste Schritt zur Abklärung einer Zöliakie ist eine einfache Blutuntersuchung. Bei Zöliakie produzieren die Immunzellen Autoantikörper gegen das körpereigene Enzym. Diese Autoantikörper werden „Gewebstransglutaminase“, auch „Transglutaminase Typ 2“ genannt, kurz: tTG, TG oder TG2. Bei Betroffenen ist dieser Wert in der Regel erhöht. Der Test auf anti-tTG kann in den meisten Fällen daher sehr gut zeigen, ob eine Zöliakie vorliegt oder nicht.

Ist der Bluttest positiv, dann wird, um die Diagnose zu sichern, in der Regel eine Magenspiegelung durchgeführt. Hier werden winzige Gewebeproben aus dem Dünndarm entnommen und unter dem Mikroskop auf die typische Abflachung der Darmzotten hin untersucht. „Wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, kann ein auf Magen-Darmerkrankungen spezialisierter Kinder- und Jugendarzt (Kindergastroenterologe) die Zöliakie mittlerweile auch ohne Magenspiegelung verlässlich diagnostizieren. Dazu sind zwei Blutabnahmen notwendig, die tTG-IgA müssen mindestens das 10-fache über dem Grenzwert liegen und ein weiterer Blutwert positiv sein“, sagt Professor Berthold Koletzko.

Erfolgreiche Behandlung: lebenslange Diät

Bei Zöliakie hilft nur eine lebenslange, strenge Diät, bei der alle glutenhaltigen Getreideprodukte und daraus hergestellten Speisen weggelassen werden müssen. Das bedeutet gerade zu Beginn oft eine sehr große Umstellung für die Betroffenen, denn es müssen auch kleinste Spuren von Gluten gemieden werden. Deshalb müssen nicht nur beim Einkaufen ganz genau die Zutatenlisten studiert werden. Auch das Essen außer Haus ist eine Herausforderung. Denn, selbst wenn das Gericht grundsätzlich glutenfrei ist, kann es bei der Zubereitung verunreinigt werden.

Trotz aller Einschränkungen lernen die meisten Patienten mit der Zeit die Ernährungsumstellung im Alltag gut umzusetzen. Unter der streng glutenfreien Ernährung erleben die Betroffenen in aller Regel eine schnelle und dauerhafte Besserung ihrer Symptome. Doch auch bei gutem Verlauf kann es gerade bei Erwachsenen mit Zöliakie ein bis drei Jahre dauern, bis die Schleimhaut sich vollständig erholt und die Darmzotten wieder die übliche Länge erreicht haben.

Wird die glutenfreie Ernährung nur unzureichend oder gar nicht eingehalten, kann es bei Kindern zu Störungen der Entwicklung und des Wachstums kommen, auch erwachsene Patienten können wieder Symptome entwickeln. Doch selbst ohne Beschwerden sind gesundheitliche Langzeitfolgen möglich, dazu zählt insbesondere das Risiko für Knochenbrüche aufgrund einer Osteoporose. Auch eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit und ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Fehl- und Frühgeburten wird im Zusammenhang mit unbehandelter Zöliakie beschrieben. Eine seltene aber sehr gefürchtete Komplikation ist eine bösartige Erkrankung des Verdauungstraktes (Dünndarmlymphom).
Autoren und Quellen Aktualisiert: 02.01.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung der Stiftung Kindergesundheit vom 22.11.2018: Was Eltern über Zöliakie wissen sollten
Suche nach Netzwerk- & Servicepartnern
Zertifizierung