Schmerzende Hoden

Leiden Jungen an akuten starken Hodenschmerzen, sollten diese sofort von einem Arzt abgeklärt werden – es könnte eine Hodendrehung dahinterstecken.

Jugendlicher hat Hodenschmerzen © Thinkstock
(Berlin – 02.06.2016) Wenn Jungen über plötzliche und starke Hodenschmerzen klagen, sollten das Eltern immer ernst nehmen und mit ihrem Kind schnellstmöglich einen Kinderchirurgen oder Kinderurologen aufsuchen. Denn in etwa einem Fünftel der Fälle liegt eine „Hodendrehung“ (Hodentorsion) vor, die innerhalb weniger Stunden operiert werden sollte. Der Grund: Bei einer Hodendrehung ist die Blutzirkulation über die versorgenden Gefäße gestört. Wird dies nicht rechtzeitig behandelt, kann bereits nach sechs bis acht Stunden Hodengewebe absterben. Dauerhaft verminderte Fruchtbarkeit und ein äußerlich beeinträchtigtes Genital sind dann die Folge.

Starke Schmerzen, Schwellung und Rötung

Die Hoden sind – je nach Alter – etwa oliven- bis pflaumengroße Organe, die sich im Hodensack, dem Skrotum, in voneinander getrennten Fächern des Hodensacks befinden. Ihre Hauptfunktion besteht darin, männliche Geschlechtshormone wie Testosteron und – mit einsetzen der Pubertät – auch Samenzellen (Spermien) zu produzieren. „Dreht sich der Hoden mit dem Nebenhoden um den Samenstrang, sprechen wir von einer Hodentorsion“, erklärt Prof. Dr. Christian Lorenz, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie am Klinikum Bremen-Mitte. Dabei wird die Blutversorgung des betroffenen Hodens vermindert, was zu plötzlichen starken Schmerzen, Schwellung und Rötung eines, seltener beider Hodenfächer führen kann. „Hodengewebe ist sehr empfindlich“, sagt Dr. Tobias Schuster, Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Augsburg. Ist die Blutzufuhr komplett unterbrochen, sterben die spermienbildenden Zellen nach spätestens sechs bis acht Stunden ab. Die hormonproduzierenden Zellen, die sogenannten Leydig-Zellen, gehen nach etwa zwölf Stunden zugrunde – es droht der Verlust des Hodens.

Hodendrehungen in jedem Alter möglich

Hodentorsionen können in jedem Lebensalter auftreten. Ursache sind oft besonders locker befestigte und damit im Hodenfach sehr bewegliche Hoden. Aber auch Kinder mit einem verspäteten, also nicht bis zur Geburt erfolgten Abstieg eines oder beider Hoden in den Hodensack haben ein bis zu zehnfach erhöhtes Torsionsrisiko. „Im Kindes- und Jugendalter gibt es jedoch Besonderheiten gegenüber Erwachsenen, die Diagnose und Therapie erschweren“, so Lorenz.  

Das hängt auch mit den beiden Altersgipfeln der Hodendrehung bei jungen Patienten zusammen: Neben Kindern im ersten Lebensjahr sind vor allem Jungen zwischen dem 12. und 18. Geburtstag betroffen. Das Erkrankungsrisiko liegt hier bei 1:4000. Während sich sehr junge Patienten noch nicht präzise äußern können, sagen betroffene Jungen in der Pubertät oft aus Scham nichts – oder zu spät. „Dies kann dazu führen, dass die Drehung oft schon Stunden zurückliegt, bis wir die Patienten sehen, und die Prognose für den Hoden trotz zügig eingeleiteter Operation entsprechend schlecht ist“, sagt der Experte. Deshalb sei ein akutes Skrotum, also plötzliche heftige Schmerzen im Hodensack, immer ein Notfall mit höchster Dringlichkeit.

Gründliche Untersuchung erforderlich

Für die Diagnose ist eine gründliche Untersuchung des gesamten Genitals und seiner Umgebung entscheidend. Diese sollte immer auch eine Ultraschalluntersuchung einschließlich des sogenannten Farbdopplers beinhalten. „Damit können wir die Qualität der Durchblutung der Hoden überprüfen“, so Lorenz. Zudem gelte es, weitere infrage kommende Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen oder sie angemessen zu behandeln – dann in der Regel mit anderen Therapien, die als ersten Schritt nicht unbedingt eine Operation vorsehen. Zu diesen Erkrankungen gehören etwa eine Torsion von Anhangsgebilden an Hoden oder Nebenhoden (sogenannte Hydatiden), Hodenentzündungen oder Hodentumore.    

„Besteht trotz zeitgerechter Ausschöpfung aller Untersuchungstechniken der geringste Zweifel an einer ausreichenden Durchblutung des betroffenen Hodens, ist eine notfallmäßige operative Eröffnung des betroffenen Hodenfaches mit Inspektion des Hodens und adäquater Therapie die zwingend gebotene Maßnahme“, so Professor Dr. Bernd Tillig, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).

Durch Operation wird Durchblutung wieder möglich

Bei der Operation wird der betroffene Hoden in seine ursprüngliche Lage zurückgedreht, sodass die Durchblutung wieder möglich ist und der Hoden erhalten werden kann. Auch wird er mit zwei bis drei Nähten gesondert im Hodenfach befestigt - dieser Teil des Eingriffs wird auch als Orchidopexie bezeichnet. Die sogenannte Orchidopexie wird auch für den bislang unauffälligen zweiten Hoden empfohlen, um so einer möglichen Torsion vorzubeugen.  

„Nur wenn der Hoden unwiederbringlich geschädigt ist, muss er entfernt werden“, betont Tillig. Eine prothetische Versorgung des leeren Hodenfaches ist heute Teil der Nachsorge für alle Patienten, die einen Hodenverlust erlitten haben und deren Körperwachstum abgeschlossen ist. Dabei setzen die Chirurgen ein Implantat aus Kunststoff ein, das aussieht und sich auch anfühlt wie ein Hoden.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 02.06.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Gefahr der Zeugungsunfähigkeit – Hodenschmerzen sind bei Jungen immer ein Notfall
Suche nach Netzwerk- & Servicepartnern
Zertifizierung