Gefahr fürs Ungeborene

Rauchen schwangere Frauen, beeinflusst das die Entwicklung des Immunsystems ihres Kindes. Das Risiko für Allergien und Neurodermitis ist erhöht.

Frau raucht © Thinkstock
(Leipzig/Halle – 12.11.2013) Dem Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ist es gelungen, neue Erkenntnisse über den Einfluss von Tabakrauch auf das ungeborene Kind zu gewinnen. Erstmals konnte bei rauchenden Schwangeren und deren Kindern gezeigt werden, wie Tabakrauch auf molekularer Ebene die Entwicklung des humanen Immunsystems beeinflusst. Im Fokus standen dabei kurze Abschnitte der RNA, sogenannte microRNA, die im komplexen Netzwerk der Genregulation eine wichtige Rolle spielen.

Einfluss von Tabakrauch auf die Entwicklung des Immunsystems wurde untersucht

Der Zusammenhang zwischen den Umweltbedingungen während der Schwangerschaft und dem Allergierisiko bei Neugeborenen ist seit Längerem ein wichtiges Thema des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Im Rahmen der Langzeitstudie LINA haben sich die Leipziger Umweltimmunologen nun aktuell mit dem Faktor Tabakrauch beschäftigt. Im Vordergrund stand, dessen Einfluss auf die Entwicklung des Immunsystems beim Kind aufzudecken – und zwar auf molekularer Ebene. Als Ergebnis, aktuell veröffentlicht im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“, steht fest: „Erstmals konnten wir den Effekt einer vorgeburtlichen Umweltbelastung auf die Regulation von microRNA beschreiben“, so Dr. Gunda Herberth vom UFZ.

Welche molekularen Mechanismen liegen Entwicklungsstörungen zugrunde?

Frühere Studien belegen, dass Rauchen das ungeborene Kind schädigen kann: Neugeborene weisen ein geringes Geburtsgewicht und eine eingeschränkte Lungenfunktion auf. Im weiteren Lebensverlauf können unter anderem Atemwegsinfekte, Diabetes mellitus Typ 2, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinzukommen. Doch welche molekularen Mechanismen und Prozesse derartigen Entwicklungseinschränkungen und -störungen zugrundeliegen, war bislang ein weißer Fleck in der Forschung.

Aus diesem Grund haben sich Dr. Gunda Herberth und Dr. Irina Lehmann vom UFZ dem relativ jungen Forschungsgebiet der microRNA zugewandt. Beim Menschen sind inzwischen mehr als 1.200 verschiedene dieser kurzen RNA-Moleküle benannt, von denen ein Teil bei der Regulation der Immunantwort eine wichtige Funktion übernimmt. Unter anderem beeinflussen sie maßgeblich die Differenzierung der regulatorischen T-Zellen, die wiederum eine überschießende Aktivierung des Immunsystems bis hin zu Autoimmunerkrankungen verhindern. Gibt es zu wenige dieser regulatorischen T-Zellen oder ist ihre Funktion gestört, mindert dies die Fähigkeit des Immunsystems zur Selbstregulation. Allergische Erkrankungen können die Folge sein.

Blut der Schwangeren und Nabelschnurblut des Kindes wurden untersucht

Um den Zusammenhang zwischen vorgeburtlichem Rauchen einerseits und Allergierisiko der Kinder andererseits belegen zu können, haben die Leipziger Wissenschaftlerinnen die microRNA-223, die microRNA-155 und die regulatorischen T-Zellen untersucht – und zwar sowohl im Blut der Schwangeren (36. Schwangerschaftswoche) als auch im Nabelschnurblut der Kinder (bei der Geburt). Parallel wurden Fragebögen erhoben und der Urin der Schwangeren untersucht, um die Belastung durch Tabakrauch beziehungsweise durch die flüchtigen organischen Verbindungen, die durch das Rauchen entstehen, exakt zu belegen.

Höheres Risiko für Allergien und Neurodermitis

Die Untersuchungen ergaben, dass Rauchen mit hohen Werten für microRNA-223 einhergeht. Parallel dazu stellten die Forscher fest, dass erhöhte Werte für microRNA-223 im Nabelschnurblut der Kinder auch eine geringere Anzahl an regulatorischen T-Zellen bedeuten. Und eine niedrige Anzahl an diesen Zellen im Nabelschnurblut ist wiederum ein Indiz dafür, dass die betroffenen Kinder bis zum dritten Lebensjahr eher eine Allergie entwickeln als Kinder mit normalen Werten. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Neurodermitis zu erkranken, ist bei diesen Kindern zwei Mal höher.

„Nachdem wir in unserer LINA-Studie früher bereits den Einfluss des mütterlichen Rauchens auf die Anzahl der regulatorischen T-Zellen im Nabelschnurblut zeigen konnten, dringt die aktuelle Untersuchung noch eine Stufe tiefer in die molekularen Prozesse ein“, resümieren Dr. Gunda Herberth und Dr. Irina Lehmann. „Jetzt wissen wir mehr über die molekularen Prozesse, die eine Rauchbelastung während der Schwangerschaft auslöst.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 12.11.2013
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
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