Diagnose: ADHS

Laut Arztreport der Krankenkasse Barmer GEK wird ADHS heute viel häufiger diagnostiziert als noch vor wenigen Jahren. Besonders auffällig: die regionalen Unterschiede.

Aufgedrehtes Kind © Thinkstock
(Berlin – 01.02.2013) Immer mehr Kinder werden als chronischer „Zappelphilipp" eingestuft und mit Medikamenten behandelt. Dies belegt der Arztreport 2013, den die Barmer GEK veröffentlichte. Danach stieg die Zahl sogenannter Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) von 2006 bis 2011 bei Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre an. Bei Jungen wurde ADHS deutlich häufiger als bei Mädchen diagnostiziert: In dieser Altersgruppe erhielten etwa 470.000 Jungen und 150.000 Mädchen diese Diagnose.

Besorgnis vor einer „ADHS-Generation“

Über diese Entwicklung zeigt sich der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker besorgt: „Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass die ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren." Pillen gegen Erziehungsprobleme seien der falsche Weg: „Ritalin darf nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein", sagte Schlenker.

Ritalineinnahme von 2006 bis 2011 gestiegen

Die Verordnungsrate von Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, sei zwischen 2006 und 2011 gestiegen, wobei die Menge der verordneten Tagesdosis nach 2010 erstmals zurückging. Die höchste Verordnungsrate finden sich bei Kindern im Alter von elf Jahren. 2011 erhielten rund sieben Prozent der Jungen in diesem Alter und zwei Prozent der Mädchen Ritalin verschrieben. Insgesamt müssten 20 Prozent aller Jungen einmal im Laufe des Lebens mit der ADHS-Diagnose rechnen – und 10 Prozent aller Jungen mit einer Arzneimittelverordnung, sagte Schlenker.

Knapp 760.000 Personen mit ADHS-Diagnose

Insgesamt wurde dem Arztreport zufolge rund 336.000 Personen Ritalin verschrieben. Altersübergreifend gab es 2011 etwa 757.000 ADHS-Betroffene: 558.000 von ihnen seien männlichen Geschlechts, knapp zwei Drittel der Betroffenen Jungen bis 19 Jahre. Der Gesamtanteil von Patienten mit ADHS-Diagnose stieg damit von 0,61 auf 0,92 Prozent der Bevölkerung – ein Plus von 49 Prozent.

Besonders hohe Raten seien zum Ende des Grundschulalters vor dem Übergang auf weiterführende Schulen zu verzeichnen, erläuterten Thomas Grobe und Friedrich Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover. Dies könne unter anderem auch die Erwartungshaltungen der Eltern widerspiegeln. „In Deutschland wird immer häufiger ADHS diagnostiziert, obwohl das öffentliche und fachliche Bewusstsein für dieses Erkrankungsbild bei uns schon seit mehr als einem Jahrzehnt hoch ist", betonte Schwartz.

Regionaler ADHS-Boom

Auffällig seien die regionalen Unterschiede, wobei die Region Würzburg hervorsteche, erklärte Grobe. Während die ADHS-Diagnoserate bei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren im Jahr 2011 im Bundesdurchschnitt bei knapp 12 Prozent lag, haben Ärzte in Unterfranken diese Diagnose bei etwa 19 Prozent der Jungen dieser Altersgruppe gestellt. Laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermuten Wissenschaftler einen Grund für die Häufung der Diagnosen im großen Angebot von Kinder- und Jugendpsychiatern in der Gegend. Letztlich sind die Ursachen für den ADHS-Boom im Raum Würzburg aber nicht sicher festgestellt.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 01.02.2013
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: dapd
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.01.2013): „Würzburg ist die ADHS-Welthauptstadt“ (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/kinder-wuerzburg-ist-die-adhs-welthauptstadt-12043796.html)
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