Oxytocin: kein Liebesbote

Das Hormon Oxytocin kann emotionale Bindungen beeinflussen. Doch: Bestimmte Hormonparfüms fördern nicht Vertrauen und Zweisamkeit, wie Hersteller vorgeben.

Frau sprüht sich ein. © Thinkstock
(München – 03.10.2012) Vertrauen schaffen und emotionale Bindungen stärken – diese Wirkungen versprechen Hersteller vieler Hormon-Parfüms: Vieler dieser geruchsneutralen und farblosen Wässerchen enthalten Oxytocin, auch bekannt als Kuschelpheromon. Der Botenstoff beeinflusst das Sozialverhalten von Säugetieren und soll – so die Hersteller – in Form des Pheromonsprays die Zweisamkeit von Männern und Frauen fördern. Und nicht nur das: Wird es in Geschäften versprüht, soll sich das Parfüm auch auf Verkaufsabwicklungen positiv auswirken.

Bereits vor der Markteinführung der vielversprechenden Flüssigkeit hegten Mediziner und Psychiater Hoffnungen, mit Oxytocin einen Botenstoff gefunden zu haben, der Patienten mit Schwierigkeiten im Sozialverhalten (Autismus, soziale Ängste, bestimmte Persönlichkeitsstörungen) helfen könnte. Doch wie und wo wirkt Oxytocin tatsächlich? Kann es wirklich soziale Hemmungen abbauen und soziale Beziehungen fördern?

So wirkt Oxytocin

Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Diskussion um das Kuschelpheromon war Markus Heinrichs Beitrag in „Nature“ 1. Der Psychologe, heute mittlerweile an der Universität Freiburg tätig, beschreibt darin, wie Oxytocin die Angstzentrale im Gehirn reguliert und die Belohnungsareale anregt. Je mehr Oxytocin im limbischen System wirkt, desto geringer ist die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut. Dementsprechend positiv ist auch die Einstellung anderen Menschen gegenüber.

Diese Wirkungsweise konnte Heinrichs mit einem Experiment belegen: Sprühten sich Probanden Oxytocin anstelle eines Placebos in die Nase, brachten sie in einem fiktiven Investorenspiel ihren Mitspielern mehr Vertrauen entgegen und gaben ihnen in der Folge größere Geldsummen.2 Doch damit ist mit Oxytocin noch kein Wunderwasser für soziale Bindungen geschaffen: „Oxytocin ist nicht das Wundermittel, das jeden glücklich und kontaktfreudig macht“, sagt Heinrichs im New Scientist.3

Wirkung unter Wissenschaftlern umstritten

So manch anderer Forscher sieht Heinrichs Ergebnisse skeptisch: „Die Wirkungen in Heinrichs Studien erkläre ich mir damit, dass Oxytocin auch im restlichen Körper an Rezeptoren andockt und dort die Darmtätigkeit herabsetzt, den Blutdruck leicht steigert und den Cortisolspiegel vermindert“, sagt Valerie Grinevich vom Max-Planck-Institut für medizinische Forschung zu doccheck.com 1. Dadurch würden sich die Probanden entspannter fühlen und mehr soziale Verhaltensweisen zeigen.

Die Wissenschaftlerin zweifelt daran, dass Oxytocin per Nasenspray ins Gehirn gelangt: Versuche bei Ratten deuten für sie darauf hin, dass das Hormon im Gehirn nur dann eine Wirkung zeigt, wenn das Original von den Nervenzellen der Umgebung stammt.

Kuschelhormon kann Neid und Schadenfreude auslösen

Zahlreiche Forschungsergebnisse deuten momentan darauf hin, dass die Wirkung des Hormons von anderen Faktoren abhängig ist, wie zum Beispiel der Erbmasse, dem Geschlechtschromosom Y und der persönlichen Beziehung zur Gesprächsperson. In einigen Studien löste der Botenstoff Neid und Schadenfreude aus. Bei besonders ängstlichen und sozial unsicheren Menschen verringerte es sogar Vertrauen und Kooperationsbereitschaft. Positive Gefühle intensivieren sich durch das Pheromon nur, so Psychologin Jennifer Bartz von der McGill Universität in Montreal, wenn dem Betroffenen die Kontaktperson bekannt ist.

Ein Hormon mit vielen Wirkungen

Das Hormon Oxytocin ist ein eher einfach gebautes Neuropeptid und hat neben dem Einfluss auf die sozialen Bindungen zahlreiche Wirkungen. Es beeinflusst den Orgasmus beim Geschlechtsverkehr, den Milcheinschuss zum Stillen und auch das Einsetzen der Geburtswehen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 03.10.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: 1 http://www.nature.com/nrn/journal/v12/n9/abs/nrn3044.html
  • 2 Vgl. Pompl, Moritz: Ein Nasenspray gegen die Angst. In: Süddeutsche Zeitung (53, 3./ 4. 3.2012): S. 22.
  • 3 http://www.newscientist.com/article/mg21328512.100-dark-side-of-the-love-hormone.html
  • 4 Im Gespräch mit Dr. Erich Lederer http://news.doccheck.com/de/article/211179-oxytocin-das-schmusehormon-rudert-zurueck/?utm_source=DC-Newsletter&utm_medium=E-Mail&utm_campaign=Newsletter-DE-Arzt%20%285x%2FWoche%29-2012-10-01&mailing=41401&dc_user_id=55ffc98f23221cd3aee91df812270a30&cide=dce106178&t1=1349107026&t2=34b21d8b85fdfb6dde6c7d30a8de6fdb607d9c44
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