Wenn Babys ständig schreien

Schreibabys können Eltern zur Verzweiflung bringen. Schreiambulanzen helfen Eltern und Kind zur Ruhe zu kommen.

Baby schreit. © Thinkstock
(Hamburg/ München – 20.08.2012) Kuscheln, wiegen, stillen, Kinderwagen schieben: So stellen sich viele Eltern die Zeit mit ihrem Baby vor. „Die Realität sieht in vielen Familien leider anders aus“, sagt Margarete Ziegler, Leiterin der Münchner Sprechstunde für Schreibabys am kbo-Kinderzentrum. Als Schreikind werden Kinder bezeichnet, die durch häufiges Weinen auffallen, tagsüber wenig schlafen und nur schwer zu beruhigen sind. Ein US-Kinderarzt stellte 1954 die Dreierregel auf: Schreibabys schreien mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen die Woche und das über mehr als drei Wochen lang. Kinderärztin Ziegler relativiert diese Definition: „Wir messen nicht die Zeit, sondern schauen, wie es Eltern und Kind geht. Belastungsgrenzen kann man nicht allgemein erfassen, sondern man muss sie individuell wahrnehmen.“

Schnell entsteht ein Teufelskreis

Koliken, Bauchweh, das erste Zähnchen: Die Liste der möglichen Ursachen ist lang und ebenso die Liste der Ratschläge. Dennoch haben Eltern oft das Gefühl, irgendwas falsch zu machen. „Der Druck ist hoch und sehr belastend“, weiß Sabine Ulrich, Therapeutin an der Hamburger Schreiambulanz. Sie kennt die Nöte der Eltern: „Viele versuchen, das Problem irgendwie selbst in den Griff zu bekommen.“ Dann wird stundenlang gewiegt, getragen und getröstet. Oft wälzen Eltern Ratgeber und durchstöbern Internetforen.  

Wenn sich die Situation nicht bessert, steigt die Verzweiflung. „Eltern geraten dann immer mehr in Stress“, erklärt die Expertin, die seit 14 Jahren Vorträge zu dem Thema in Krankenhäusern und Elternschulen hält. Der Stress überträgt sich wiederum auf das schreiende Kind. „Ein Teufelskreis“, sagt Ziegler. Viele Mütter können kaum noch schlafen, so mancher Vater pendelt besorgt und ausgelaugt zwischen Job und Familie und die Babys sind vor lauter Schreien meist sehr müde. „Der Familienalltag kann sich extrem zuspitzen“, so die Kinderärztin.

Frühzeitige Hilfe lohnt sich

Fast überall in Deutschland gibt es mittlerweile Schreiambulanzen und Sprechstunden, die gezielte Unterstützung und Fachwissen anbieten. „Grundsätzlich ist es für Eltern schon mal eine riesengroße Erleichterung, über ihre Verzweiflung offen sprechen zu können“, berichtet Ziegler. Denn: Viele schweigen aus Scham. „Oft fühlen Eltern sich irgendwie schuldig an der Lage ihres Kindes“, sagt Sabine Ulrich. Die Leiterin der Schreisprechstunde versucht betroffenen Eltern deutlich zu machen, dass sie keine Schuld an dem ständigen Schreien des Kindes tragen. „Tatsächlich sind die Ursachen für übermäßiges Schreien sehr vielfältig und bis heute noch nicht ausreichend erforscht. Das sollten Eltern wissen“, erläutert Margarete Ziegler.

Diagnose Schritt für Schritt

Um herauszufinden, warum das Baby schreit, wird zunächst immer eine kinderärztliche Untersuchung angeordnet, sagt Sabine Ulrich. „So kann man organische Ursachen oder eine Lebensmittelunverträglichkeit ausschließen.“ Oft kann jedoch erst in weiteren Gesprächen die potentielle Ursache für das Schreien herausgearbeitet werden. „Wir wissen, dass Stress während der Schwangerschaft die Reizbarkeit eines Babys erhöhen kann“, erläutert Ziegler. Auch Probleme in der Partnerschaft, Depressionen der Mutter oder ein hektischer Alltag mit Geschwisterkindern können ursächlich sein. „Manchmal ist es auch einfach nur das Temperament des Kindes.“                                                          
  
In der Schreisprechstunde erfahren Eltern, wie sie ihr Kind wieder zum Einschlafen bringen können. Neben gezielten Beruhigungstechniken lernen Eltern auch, wie sie selbst ruhiger und gelassener werden können. Dafür ist es zum Beispiel wichtig, den Alltag zu entlasten und sich selbst wieder Freiräume zuzugestehen. „Eine Behandlung in den Schreiambulanzen dauert nur selten lange“, sagt Ziegler: „Die meisten Familien kommen nur vier bis fünf Mal zu uns, dann ist wieder ein normaler Alltag möglich.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 20.08.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
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