Junge Krebspatienten: fruchtbar trotz Chemo

Neu: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bei Bedarf die Kosten einer Kryokonservierung für Kinder und Jugendliche mit Krebs. Das bedeutet, sie können – trotz Chemotherapie – später Kinder kriegen. 

zwei rosa Schleifen © iStock
(Berlin – 31.05.2019) Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das im Mai dieses Jahres in Kraft getreten ist, fallen die Kosten für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen für junge Menschen mit Krebs in die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen. Doch bevor die Kosten für die Kryokonservierung in der täglichen Praxis von den Kassen übernommen werden, muss der Gemeinsame Bundesausschuss noch eine Richtlinie erlassen. Unter Kryokonservierung versteht man die Konservierung von Zellen und organischen Geweben durch Einfrieren. Die Kryokonservierung wird insbesondere bei Eizellen und Spermien angewandt. Damit können später, im Rahmen einer künstlichen Befruchtung, Kinder der Spender gezeugt werden.

Verlust der Fruchtbarkeit durch Krebs, Chemo- und Strahlentherapie

80 Prozent der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Krebs können heute geheilt werden. Trotz dieser guten Chancen können sie häufig kein normales Leben führen. Denn sowohl die Krebserkrankung selbst als auch ihre Behandlung wie Chemo- oder Strahlentherapie können zu Langzeitfolgen führen, unter anderem zum Verlust der Fruchtbarkeit. Zwar ist es möglich, durch Maßnahmen wie der Kryokonservierung von Ei- und Samenzellen sowie von Keimzellgewebe die Chance auf eigene Kinder zu erhalten. Bisher mussten die jungen Betroffenen oder ihre Angehörigen aber selbst für die Finanzierung aufkommen. Viele waren nicht in der Lage, die notwendigen Mittel von bis zu 4.300 Euro aufzubringen. „Vielen jungen Krebspatientinnen und -patienten wurde damit die Chance auf eigene Kinder genommen, weil ihnen oder ihren Familien schlicht das Geld dafür fehlte", sagt Prof. Dr. med. Diana Lüftner, Vorstand der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.

Kryokonservierung wird von Kassen übernommen

„Mit dem Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungsgesetzes wird diese Ungerechtigkeit nun endlich beseitigt.", sagt Dr. Lüftner. Denn mit dem TSVG wird eine wesentliche Änderung im Sozialgesetzbuch V beschlossen, wonach die Kosten für die Kryokonservierung von Ei- und Samenzellen sowie Keimzellgewebe von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, wenn sich die Betroffenen einer keimzellschädigenden Therapie unterziehen müssen.

Stimmen von Betroffenen

„Es ist gut, dass dieser Teil des Gesetzes von den meisten Fraktionen im Bundestag unterstützt wurde", sagt Sebastian (28), der vor vier Jahren an einem Hodgkin-Lymphom erkrankt war und vor der Behandlung Samenzellen einfrieren ließ. „Durch die bisherige Gesetzeslage wurden wir diskriminiert und zusätzlich zu unserer Krebserkrankung mit dem Stigma der unfreiwilligen Kinderlosigkeit behaftet. Ich bin wahnsinnig froh, dass junge Krebspatientinnen und -patienten damit eine Erleichterung, Wertschätzung und Gerechtigkeit erfahren.", sagt Veronika (35). Sie hatte sich im vergangenen Jahr Eizellen entnehmen und dann einfrieren lassen – auf eigene Kosten.

Wer profitiert von dem neuen Gesetz?

Der neugefasste §27a Abs. 4 SGB V ermöglicht die Fruchtbarkeitserhaltung für Mädchen und Frauen bis zum vollendeten 40. Lebensjahr und für Jungen und Männer bis zum vollendeten 50. Lebensjahr. Eine Altersgrenze nach unten sieht das Gesetz nicht vor. Damit sind grundsätzlich etwa 11.000 Mädchen und Frauen sowie 22.000 Jungen und Männer eingeschlossen, die in Deutschland jährlich nach Zahlen des Zentrums für Krebsregisterdaten an Krebs erkranken, davon erhalten jedoch nicht alle eine keimzellschädigende Therapie.

Die Fruchtbarkeit kann bei Jugendlichen nach der Pubertät mit den gleichen Methoden wie bei den Erwachsenen erhalten werden. „Es ist gut, dass der Gesetzgeber die Kinder in die Regelung eingeschlossen hat. Das Gesetz wird nicht geändert werden müssen, wenn die Methoden zur Fruchtbarkeitserhaltung auch bei den kleinen Kindern in den nächsten Jahren medizinisch voll etabliert sein werden", sagt Prof. Dr. med. Ariane Germeyer leitende Oberärztin in der Abteilung Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen des Universitätsklinikums Heidelberg. „Doch nicht nur Krebspatienten profitieren: „Die neue gesetzliche Regelung im SGB V wird auch Betroffene entlasten, die sich im Rahmen der Behandlung von Autoimmunerkrankungen, Sichelzellkrankheiten oder Thalassämie einer keimzellschädigenden Therapie unterziehen müssen."
Autoren und Quellen Aktualisiert: 31.05.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilug der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. und der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs vom 09. Mai 2019: Erhalt der Fruchtbarkeit bei jungen Krebspatienten – jetzt gesetzlich anerkannt!
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