Krebs überlebt, trotzdem nicht gesund

Immer mehr Menschen überleben eine Krebserkrankung. Dennoch leiden viele Betroffene noch Jahre später unter körperlichen, seelischen und sozialen Folgen.

Ärztliche Untersuchung © iStock
(Heidelberg – 18.03.2019) Die gute Nachricht: Immer mehr Menschen überstehen ihre Krebserkrankung. Sie werden geheilt oder können mit der Krankheit langfristig leben. Doch der Krebs selbst, wie auch seine Behandlung haben oft langfristig negative Auswirkungen: Viele Betroffene leiden noch Jahre und Jahrzehnte später unter körperlichen, seelischen und sozialen Folgen, wie Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrum herausgefunden haben. Experten fordern daher eine gesetzlich geregelte und umfassende Langzeit-Nachsorge für diese Menschen.

Krebs überstanden: Cancer Survivors

Wer nach der Diagnose Krebs mehr als fünf Jahre weiterlebt, gilt als Krebs-Langzeitüberlebender, auch „Cancer Survivor" genannt. Davon leben in Deutschland ungefähr 4,4 Millionen Männer und Frauen. Tendenz steigend. Die Gründe, warum immer mehr Menschen die Erkrankung überleben sind zum einen, dass durch den demographischen Wandel die Zahl der Neuerkrankungen steigt und zum anderen, dass dank der Erfolge der biomedizinischen Forschung Krebs früher erkannt, diagnostiziert und therapiert werden kann.

Die Lebenssituation der Krebs-Überlebenden kann individuell sehr unterschiedlich sein. Manche sind fast beschwerdefrei und kehren nach der Therapie zu einem normalen Leben zurück, andere haben schwerwiegende Probleme. Die Belastungen sind oft vorübergehend, können aber auch andauern. Das Risiko für Spätfolgen ist abhängig von der Krebserkrankung und ihrer Behandlung. Auch Veranlagung, Lebensführung und Umweltfaktoren spielen eine Rolle.
© Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum © iStock

Spätfolgen beeinträchtigen die Lebensqualität

„Bandbreite und Ausmaß der Spätfolgen sind sehr vielfältig. Patienten und Angehörige, die uns kontaktieren, berichten von Fatigue, Neuropathie, Depressionen und Angst ebenso wie von familiären, beruflichen und finanziellen Problemen. Hinzu kommen Organschäden, zum Beispiel an Herz, Lunge und Nieren. Auch über Störungen der Fruchtbarkeit und Sexualität klagen viele“, sagt Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums.

„Ich habe Krebs“: Identität als Krebspatient

Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum haben über 6.000 Langzeit-Krebsüberlebende befragt: So sehen sich etwa ein Drittel der Teilnehmenden auch fünf bis 15 Jahre nach der Diagnose noch als Krebspatient. Das kann daran liegen, dass Betroffene durch Spätfolgen körperlich belastet sind, Angst vor einem Rückfall haben und ihre Lebensqualität beeinträchtigt ist. Die Befragung wurde im Rahmen einer Studie an sechs Krebsregistern in Deutschland durchgeführt. „Die Ergebnisse der Befragung zeigen, wie wichtig für Langzeitpatienten die Aspekte individuelle Erfahrung und subjektive Wahrnehmung sind. Beides sollte bei der Entwicklung von neuen Versorgungsmodellen unbedingt Berücksichtigung finden.", sagt Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Langzeit-Nachsorge dringend erforderlich

Angesichts der wachsenden Zahl an Personen, die mit und nach Krebs leben und der Spätfolgen, sind viele Experten der Meinung, dass ein Konzept zur Langzeit-Nachsorge notwendig ist. Die Betroffenen sollen dabei ‒ entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse ‒ von einem interdisziplinär aufgestellten Team umfassend und langfristig betreut werden. Ziel ist es, ihnen ein weitestgehend gesundes und aktives Leben mit einem möglichst hohen Maß an Lebensqualität zu ermöglichen.

Die Realität sieht zurzeit allerdings noch anders aus: Zwar werden erste Modelle zur Rundum-Versorgung ehemaliger Krebspatienten erprobt, Nachsorgeprogramme stehen allerdings längst nicht allen Cancer Survivors zur Verfügung. Auch Zuständigkeiten und Finanzierung sind bislang nicht geklärt.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 18.03.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft vom 26. Februar 2019: Den Krebs überlebt, aber trotzdem nicht gesund
  • Thong MSY, Wolschon EM, Koch-Gallenkamp L, Waldmann A, Waldeyer-Sauerland M, Pritzkuleit R, Bertram H, Kajüter H, Eberle A, Holleczek B, Zeissig SR, Brenner H, Arndt V (2018). Still a cancer patient. “Still a cancer patient” - Associations of cancer identity with patient-reported outcomes and health care use among cancer survivors. JNCI Cancer Spectrum, 2(2).