Punktgenaue Strahlentherapie

Bei Hirnmetastasen wird meist das ganze Gehirn bestrahlt. Doch Experten sprechen sich jetzt für eine punktgenaue Bestrahlung als Alternative aus.  

Arzt analysiert Computertomogramm eines Gehirns © iStock
(Düsseldorf – 20.07.2017) Vor allem Lungenkrebs, Brustkrebs und der bösartige schwarze Hautkrebs (Melanom) bilden häufig Metastasen, die sich im Gehirn ansiedeln. Einzelne dieser Tochtergeschwulste können heute chirurgisch entfernt werden. „Mit der Operation allein wird jedoch selten eine dauerhafte lokale Tumorkontrolle erzielt“, erklärt Prof. Stephanie E. Combs von der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). Zum Therapiestandard gehöre deshalb eine anschließende Radiotherapie.

Die derzeit übliche Ganzhirnbestrahlung hat jedoch Nebenwirkungen, zu denen neben Haarverlust und Abgeschlagenheit auch Gedächtnisstörungen und andere kognitive Einschränkungen gehören. „Viele Patienten schrecken deshalb vor einer Strahlentherapie zurück, obwohl diese den Tumor nachweislich für viele Monate zurückdrängen kann“, sagt die Direktorin der Klinik und Poliklinik für RadioOnkologie und Strahlentherapie am Universitätsklinikum der Technischen Universität München (TUM).

Punktgenaue Bestrahlung der Metastasenregion

Eine schonende Alternative ist die lokalisierte, hochdosierte Strahlentherapie – zum Beispiel die stereotaktische Radiotherapie. Die Behandlung erfolgt mit einem Spezialgerät, das eine punktgenaue Bestrahlung ermöglicht. Dieser Punkt wird zuvor mittels präziser, hochauflösender Bildgebung – unter anderem einer Magnetresonanztomografie – bestimmt. Diese Bestrahlung kann genutzt werden, um die Operationshöhle nach einer Entfernung der Hirnmetastase zu bestrahlen. „Diese Behandlung ist dann ganz fokussiert auf die ehemalige Metastasenregion. Wir sprechen von einer fokalen Bestrahlung, die in nur wenigen Behandlungstagen durchgeführt wird – in vielen Fällen sogar ohne einen Krankenhausaufenthalt“, erklärt Combs.

Studien zeigen: Kaum kognitive Störungen durch die Bestrahlung

Diese punktförmige Bestrahlung schont die übrigen Regionen des Gehirns. „Kognitive Störungen werden weitgehend vermieden“, so die Expertin. Combs bezieht sich hierbei auf die Ergebnisse von zwei aktuellen Studien.

Strahlenmediziner vom MD Anderson Cancer Center in Houston verglichen in einer Studie mit insgesamt 132 Patienten die postoperative stereotaktische Bestrahlung mit einer Operation allein hinsichtlich der lokalen Tumorkontrolle. Die Studienteilnehmer hatten eine bis drei Hirnmetastasen (mit einer Größe von vier Zentimetern oder mehr) und wurden nach der operativen Entfernung der Tochtergeschwulste per Los einer Behandlung mit lokaler Strahlentherapie oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Im ersten Jahr nach der Behandlung mit der fokalen Bestrahlung blieben 72 Prozent der Patienten ohne neue Hirnmetastasen. In der Kontrollgruppe wurde dieses Ziel nur bei 43 Prozent der Patienten erreicht. Die Gesamtüberlebenszeit war bei beiden Gruppen ähnlich. Am besten waren die Ergebnisse bei Patienten mit kleinen Hirnmetastasen. „In dieser Gruppe waren 91 Prozent nach einem Jahr noch ohne Rückfall“, sagt Combs.

Eine größere Studie, an der 48 Institutionen und insgesamt 194 Patienten aus den USA und Kanada teilnahmen, untersuchte den Effekt der stereotaktischen Radiochirurgie auf kognitive Einschränkungen und das Gesamtüberleben im Vergleich mit der bislang als Standard verwendeten Ganzhirnbestrahlung. Nach sechs Monaten zeigte sich in der Gruppe der stereotaktisch bestrahlten Patienten, dass sie verglichen mit der Ganzhirnbestrahlungsgruppe weniger häufig unter kognitiven Einschränkungen litten: 52 Prozent gegenüber 85 Prozent. In Bezug auf das Gesamtüberleben gab es bei beiden Gruppen keinen Unterschied.

„Beide Studien belegen, dass die Patienten bei der stereotaktischen Bestrahlung nach der Operation deutlich weniger kognitive Einschränkungen haben.“, sagt Prof. Dr. Wilfried Budach, Präsident der DEGRO und Leiter der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Die Lebensqualität bleibt damit erhalten und viele Patienten können wieder am Alltagsleben teilnehmen. Die Tatsache, dass der Tumor noch einmal zurückgedrängt wurde, ist für viele Patienten von großer Bedeutung.“ Die gezielte stereotaktische Bestrahlung kann daher als Alternative zur Ganzhirnbestrahlung angeboten werden, so die DEGRO-Experten.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 20.07.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Hirnmetastasen: Gezielte Strahlentherapie drängt Krebs länger zurück
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