Das „Chemo-Brain“

Verwirrt oder unkonzentriert nach einer Chemotherapie? Das ist womöglich mehr als nur ein Gefühl: Nach einer Chemo können sich Hirnaktivitäten verändern.

Vergesslich © Thinkstock
(München – 29.11.2012) Eine Chemotherapie gegen Krebs kann sich auf das Gehirn und die geistigen Fähigkeiten auswirken. Eine Erklärung dafür, warum einige Patienten nach der Behandlung über Konzentrationsschwächen und Gedächtnisstörungen klagen, haben jetzt US-amerikanische Forscher gefunden: Die aggressiven Mittel der Chemotherapie beeinträchtigen den Hirnstoffwechsel.

Chemo-Brain: mehr als ein subjektives Gefühl

Die Aktivität von Hirnarealen, die für die Planung und das Setzen von Prioritäten zuständig sind, ist auch nach Ende der Chemotherapie noch verringert. Das belegt, dass die häufig auch als „Chemo-Brain“ bezeichneten Störungen mehr seien als nur ein subjektives Gefühl oder eine Depression, berichten die Wissenschaftler auf der Jahrestagung der Radiological Society of North America (RSNA) in Chicago. Die durch die Chemotherapie ausgelösten funktionellen Veränderungen im Gehirn sind klar in Hirnscans nachweisbar.

Patienten beschreiben das Phänomen als „mentalen Nebel“

Patienten klagen nach einer Chemotherapie häufig über Probleme, den Alltag zu bewältigen. „Das Chemo-Brain-Phänomen wird von den Patienten oft als mentaler Nebel beschrieben“, erklärt Studienleiterin Rachel A. Lagos von der West Virginia University in Morgantown. Die Ursache dafür war aber bisher unklar.

Hirnscans vor und nach der Chemotherapie

Für ihre Studie untersuchten Lagos und ihre Kollegen die Hirnfunktion von 128 Brustkrebs-Patientinnen vor und nach der Chemotherapie. Sie nutzten dafür die sogenannte Positronen-Emissions-Tomographie (PET) – ein Verfahren, mit dem sich die Durchblutung und damit die Aktivität der verschiedenen Hirnbereiche abbilden lässt. Mithilfe einer speziellen Software suchten die Forscher in den Aufnahmen nach Veränderungen im Hirnstoffwechsel.

Bestimmte Gehirnareale verbrauchen durch Chemo weniger Energie

„Als wir uns die Ergebnisse anschauten, waren wir überrascht, wie offensichtlich die Veränderungen waren“, erklärt Lagos. Die PET-Aufnahmen nach der Chemotherapie zeigten für mehrere Gehirnregionen eine weitaus niedrigere Stoffwechselaktivität als vorher. Dieser Effekt ist umso stärker gewesen, je mehr die Patientinnen unter mentalen Störungen litten.  

„Die Auswertung ergab, dass es spezifische Areale im Gehirn gibt, die nach der Chemotherapie weniger Energie verbrauchen als vorher“, sagt die Studienleiterin. Die beeinträchtigten Hirnareale sind diejenigen, die für die Planung von Handlungen und für die Einordnung und Bewertung von Informationen und Reizen zuständig sind.

Nach Ansicht der Forscher könnte das Wissen um diese neurophysiologischen Folgen die Diagnose künftig erleichtern. Durch weitere Studien lasse sich möglicherweise zudem die Ursache für Chemo-Brain genauer eingrenzen. „Das könnte auch zu einer verbesserten Behandlung oder einer Vorbeugung führen“, prognostiziert die Studienleiterin.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 29.11.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
Suche nach Netzwerk- & Servicepartnern
Zertifizierung