Akuter Bandscheibenvorfall: OP oder nicht?

Ein akuter Bandscheibenvorfall ist relativ selten die Ursache von Rückenschmerzen, eine Operation meist unnötig. Wie er konservativ behandelt wird und was den Rücken schützt.

Geschäftsfrau hat Rückenschmerzen © iStock
(Bremervörde – 28.01.2019) Auch wenn das Thema Bandscheibenvorfall in den Medien sehr präsent ist, machen akute Bandscheibenvorfälle weniger als fünf Prozent der Diagnosen im orthopädischen Praxisalltag aus. Die Angst, einen Prolaps nuclei pulposi, so die medizinische Bezeichnung für einen Bandscheibenvorfall, zu erleiden, ist in den meisten Fällen unbegründet. „Beschwerden, die auf der Grundlage eines Bandscheibenschadens auftreten, werden oft unnötigerweise operiert. Häufig liegt das daran, dass zu früh mit Hilfe von bildgebenden Verfahren Auffälligkeiten gesehen werden, die vermeintlich die Ursache für die Beschwerden sind“, sagt Dr. Buchholz, Facharzt für Chirurgie und Orthopädie. „Doch nicht alles, was auf einer Kernspinaufnahme zu sehen ist, verursacht auch tatsächlich die empfundenen Schmerzen.“

Was bei einem Bandscheibenvorfall passiert

Bei einem Bandscheibenvorfall tritt der Gallertkern der Bandscheibe durch den Faserring, der ihn umgibt. Drückt die ausgetretene Masse auf einen Nerv beziehungsweise auf das Rückenmark, kann dies starke Schmerzen und eventuell sogar ein Taubheitsgefühl in den Extremitäten verursachen. „Typisch für einen klassischen Bandscheibenschmerz ist, dass er gar nicht so stark dort auftritt, wo der Bandscheibenvorfall stattfindet, also im Bereich der Lendenwirbelsäule, sondern der Schmerz strahlt in Bein und Fuß aus“, sagt Dr. Buchholz.

Diagnostik eines Bandscheibenvorfalls

Meist beeinträchtigen die Schmerzen die Betroffenen so stark, dass sie umgehend einen Arzt aufsuchen. Um einen Bandscheibenvorfall zu diagnostizieren, sind normalerweise eine körperliche Untersuchung sowie die Lokalisation des Schmerzes und der Schmerzausstrahlung in Kombination mit einer neurologischen Untersuchung – also der Überprüfung von Nervenstörungen – ausreichend.

Unspezifische Rückenschmerzen sind häufiger die Ursache

Auch wenn sich starke Rückenschmerzen aufgrund ihrer Intensität anfühlen wie ein Bandscheibenvorfall, handelt es sich fast immer um unspezifische Rückenschmerzen ohne Beteiligung der Bandscheiben. „Rückenschmerzen werden von den Patienten fast immer mit einem Bandscheibenvorfall assoziiert. Allerdings ist nur in sehr seltenen Fällen ein akuter Bandscheibenvorfall Grund für die Beschwerden. Weitaus häufiger sind Verschleißerscheinungen als Folge von Fehl- oder Überbelastungen sowie funktionelle Schmerzen ohne konkrete Ursache Auslöser der Beschwerden“, sagt Dr. Buchholz. Meist bessern sich die Beschwerden durch Bewegung, Physiotherapie und der kurzzeitigen Einnahme von Schmerzmitteln wieder.

Therapie eines Bandscheibenvorfalls

Und auch, wenn die Diagnose Bandscheibenvorfall feststeht, ist in den meisten Fällen eine Operation nicht notwendig, denn häufig lässt sich ein akuter Bandscheibenvorfall mit konservativen Methoden behandeln. Eine bildgebende Untersuchung sollte zudem erst durchgeführt werden, wenn nach mindestens sechswöchiger konsequenter Therapie – meist ein Mix aus Schmerzmedikation, lokaler Infiltrationsbehandlung (Spritzen), leichter Bewegung und Physiotherapie – keine Besserung eingetreten ist. Eine alternative konservative Behandlungsmethode ist die sogenannte PRT (Periradikuläre Therapie). „Bei dieser Methode wird ein Schmerzmedikament, meist ein Lokalanästhetikum in Kombination mit einem Cortisonpräparat direkt an die betroffene Nervenwurzel gespritzt“, sagt Dr. Buchholz.

Zweitmeinung einholen

Untersuchungen der Krankenkassen zeigen, dass eine ärztliche Zweitmeinung im Falle einer OP-Empfehlung sinnvoll ist. Bis zu 90 Prozent der diagnostizierten Rückenoperationen werden in Folge der Beurteilung durch einen zweiten Arzt nicht durchgeführt.

Akuter Bandscheibenvorfall – wie geht es weiter?

Ein Bandscheibenvorfall ist zwar schmerzhaft und schränkt die Lebensqualität eine Zeit lang ein, aber danach sollten Betroffene wieder aktiv werden. „Während der akuten Phase eines Bandscheibenvorfalls ist zwar Schonung angebracht. Doch sobald es möglich ist, sollten sich die Patienten wieder bewegen. Gleichmäßige Belastungen wie beim Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking und Skilanglauf sind empfehlenswert“, sagt Dr. Buchholz.

Was schützt unsere Bandscheiben?

Wie bei allen Rückenleiden ist die beste Vorbeugemaßnahme, Fehlhaltungen und einseitige Belastungen zu vermeiden. „Besonders Drehbewegungen unter Last können zu einem Bandscheibenvorfall führen. Zusätzlich sollte der Rücken gut trainiert und Übergewicht vermieden werden. Auch ein rückengerecht gestalteter Arbeitsplatz kann wesentlich dazu beitragen, einen Bandscheibenvorfall zu verhindern. Besonders wichtig ist Bewegung. Ein aktiver Bürostuhl in Kombination mit einem Steh-Sitz-Arbeitsplatz sorgt im Büro für mehr Bewegung und damit für einen rückenfreundlichen Arbeitstag“, so Dr. Buchholz. „Generell sollte so viel Aktivität wie möglich in den Alltag integriert werden. Helfen können dabei Alltagsgegenstände, die aufgrund ihrer rückengerechten Konstruktion beziehungsweise deren Anwendung den Rücken unterstützen und zu Haltungswechseln anregen. Das AGR-Gütesiegel ist dabei eine gute Orientierungshilfe“.
Info
Unsere Wirbelsäule ist eine perfekt aufeinander abgestimmte Stützkonstruktion aus Wirbelkörpern, Facettengelenken, Bandscheiben, Muskeln, Sehnen und Bändern. Insgesamt 24 freie Wirbel bilden zusammen mit den beiden verschmolzenen Wirbeln Steißbein und Kreuzbein und den 23 Bandscheiben die charakteristische Doppel-S-Form. Die Bandscheiben setzen sich aus einem festen äußeren Ring mit hintereinander geschichteten Faserstrukturen und einem innenliegenden Kern aus Gallertmasse, zusammen. Wenn die Bandscheibe belastet wird, verliert sie an Flüssigkeit und schrumpft. Über Nacht saugen sich die Bandscheiben wieder mit Flüssigkeit voll und regenerieren sich. Die Aufnahme und Abgabe von Flüssigkeit versorgt die Bandscheibe mit Nährstoffen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 28.01.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung der Aktion Gesunder Rücken e.V. vom 22 Januar 2019: Ein akuter Bandscheibenvorfall – meist kein Grund für eine OP