App für Geschlechtskrankheiten

Digital und anonym Auffälligkeiten im Intimbereich vom Facharzt überprüfen lassen – eine neue App macht das möglich. Über die Chancen und Grenzen dieser App.

Frau liest etwas auf dem Handy © iStock
(Essen – 20.03.2019) Erstmalig können Betroffene aus ganz Deutschland jetzt digital und anonym Auffälligkeiten im Intimbereich von einem Facharzt überprüfen lassen. Der Antrag für die Smartphone-Applikation speziell für Geschlechtskrankheiten ist genehmigt. Entwickelt haben das digitale Angebot Mediziner der Essener Uni-Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen – zusammen mit Kollegen der Universitäts-Hautklinik in Heidelberg, dem Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen.

Geschlechtskrankheiten schneller erkennen und behandeln

Ziel der App „Intimarzt" ist die möglichst frühe Diagnose von Geschlechtskrankheiten. Aus Scham holen sich Betroffene meist erst sehr spät ärztlichen Rat. „In vielen Fällen möchte der Patient bei einem Problem im Geschlechtsbereich unerkannt bleiben und gleichzeitig aber wissen, ob die von ihm entdeckte Auffälligkeit in einer Praxis behandelt werden muss", sagt PD Dr. Stefan Esser, Leiter der Ambulanz für sexuell übertragbare Erkrankungen der Universitäts-Hautklinik am Universitätsklinikum Essen.

Kostenloser Download aber Service-Gebühr

Die App steht kostenlos zum Download für iPhones und Android Smartphones zur Verfügung. Um sich eine Erstmeinung einzuholen, müssen drei Fotos des intimen Problems in bestimmten Abständen aufgenommen und einige Fragen zu möglichen Symptomen beantwortet werden. Die Bilder und Informationen werden anschließend über eine verschlüsselte Verbindung an einen Facharzt für Geschlechtserkrankungen übermittelt. Befunden dürfen nur Fachärzte für Geschlechtskrankheiten mit mindestens zehn Jahren Praxiserfahrung.

Bisher sind fast ausschließlich Mediziner aus Baden-Württemberg die Ansprechpartner für die Online-Anfragen aus ganz Deutschland. Sie können den digitalen Service nach der Gebührenordnung für Ärzte abrechnen. Der Patient bezahlt eine Service-Gebühr von 24,95 Euro. „Diese Pauschale müssen die Patienten derzeit noch selbst tragen, jedoch zeigen sich auch die Krankenkassen interessiert an dem neuen Angebot", sagt Dr. Titus Brinker, Assistenzarzt an der Universitäts-Hautklinik Heidelberg und Leiter der App-Entwicklung am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg und am dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Das Fernbehandlungsverbot erlaubt den Ärzten in Nordrhein-Westfalen eine Behandlung per App bisher nur in Ausnahmefällen – daher werden für den Start der App nur Kollegen aus Baden-Württemberg befunden dürfen. Eine weitere Lockerung der gesetzlichen Bestimmungen in Nordrhein-Westfalen, wie sie auch in anderen Bundesländern bereits erfolgt ist, ist aber bald zu erwarten.

Evaluation

Die Projektgruppe konnte zeigen, dass die angebotene technische Lösung eine hohe Treffsicherheit und einen hohen Komfort für Patienten sowie für die angebundenen Fachärzte für Geschlechtskrankheiten bietet. Daten speziell zu Geschlechtskrankheiten sowie auch Daten aus Deutschland insgesamt fehlen jedoch.

Eine externe Evaluation der App findet am Universitätsklinikum Essen statt. Zentrale Fragestellungen dabei sind, wie oft die Ärzte tatsächlich anhand der eingesandten Patientendaten mit Diagnose und Handlungsempfehlung bei dem intimen Problem weiterhelfen können, mit welchen Geschlechtskrankheiten oder intimen Hautveränderungen Patienten vorstellig werden und wie diese Faktoren interagieren.

„Oft kommen Patienten durch falsche Scham zu spät in die Sprechstunde, wenn es um intime Hautveränderungen geht. Das hat einen negativen Einfluss auf die Prognose. Ich glaube, dass Intimarzt für Patientinnen und Patienten durch die anonyme Befundungsmöglichkeit eine schnellere fachärztliche Diagnostik ermöglichen kann und vor allem eine gegenüber Dr. Google deutlich überlegene erste Informationsquelle darstellen wird.", sagt Dr. Wiebke Sondermann, die die externe Evaluation leitet.

Ersetzt die App den Arztbesuch?

Die App verspricht den Betroffenen innerhalb von 48 Stunden eine Ersteinschätzung digital zu übermitteln. Rückfragen der Online-Ärzte und die Antworten werden in einem nur für Arzt und Patient zugänglichen und geschützten Datenraum gespeichert. Wer kein Smartphone hat, kann auch über eine Digitalkamera und die Webseite die Bilder des intimen Problems bereitstellen.

Die App liefert eine erste Einschätzung, inklusive einer Handlungsempfehlung. Dem Betroffenen bleibt der Arztbesuch sogar erspart, wenn er sich mit den empfohlenen, frei verkäuflichen Arzneien behandeln kann. Der Service kann damit die Lücke zwischen einer Internetrecherche und einem persönlichen Praxisbesuch schließen.

„Allerdings ersetzt die Befundung per Smartphone auch nur in manchen Fällen den Arztbesuch. Eine Erstmeinung über eine Telemedizin-Anwendung sollte als ein möglicher Schritt vor einem Arztbesuch gesehen werden. Bei Fällen, die digital nicht eindeutig zu beurteilen sind, werden die Fachärzte die App-Nutzer auch weiterhin in die Praxis einladen", sagt Dr. Titus Brinker

Weitere Einsatzmöglichkeit: Krebsdiagnostik

„Das anonyme Angebot ist auch für die frühzeitige Diagnose von Krebserkrankungen bedeutsam“, sagt Jochen Utikal, der die dermatoonkologischen Kooperationseinheit des Deutschen Krebsforschungszentrum leitet: „So sind zum Beispiel Vulva- oder Peniskarzinom, Hautflecken im Intimbereich oder Feigwarzen durch eine HPV-Infektion bei Frauen und bei Männern dringend auch onkologisch abzuklärende Veränderungen, die aber besonders ungern persönlich dem Arzt vorgestellt werden.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 20.03.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung vom Universitätsklinikum Essen vom 13. März 2019: Weniger Scham mit App Intimarzt