Antibiotika: wie lange einnehmen?

Studien zeigen, dass bei Antibiotika eine kürzere Einnahme – anders als bisher angenommen – oft besser ist. Einfache Faustregeln greifen jedoch zu kurz.  

Frau mit Tablette in der Hand © iStock
(Düsseldorf – 14.11.2017) Vielen Menschen ist folgende Regel geläufig: Ein Antibiotikum sollte man auch noch nach dem Abklingen der Symptome und stets bis zum Ende der Packung einnehmen. Doch diese Faustregel ist überholt. Untersuchungen der letzten Jahre liefern immer mehr Belege, dass bei vielen Infektionen eine kürzere Einnahmezeit genauso wirksam ist. Eine kürzere Therapie hat zudem den Vorteil, dass weniger resistente Erreger entstehen.  

Dennoch sollten Patienten Antibiotika nicht in Eigenregie absetzen, sobald sie sich besser fühlen. Es ist wichtig, diese Medikamente immer individuell abgestimmt auf die bakterielle Infektion und in enger Absprache mit dem Arzt einzunehmen und abzusetzen.Denn laut Deutscher Gesellschaft für Infektiologie (DGI) kann eine Pauschalisierung, dass nunmehr immer kurz therapiert werden darf, für manche Patienten gefährlich sein. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) anlässlich der WHO Antiotic Awareness Week (Weltantibiotikawoche), die in dieser Woche stattfindet, hin. Mit der WHO World Antibiotic Awareness Week möchte die Weltgesundheitsorganisation auf die Bedeutung eines verantwortungsvollen Umgangs mit Antibiotika aufmerksam machen, um die Ausbreitung von Resistenzen einzudämmen.

Kürzere Antibiotikaeinnahme: weniger Resistenzen und Nebenwirkungen

In den vergangenen Jahren mehrten sich Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass bei verschiedenen Infektionen kürzere Antibiotikatherapien einer längeren Therapie gleichwertig oder sogar überlegen sind. Beispielhaft zeigte dies etwa eine im Jahr 2016 veröffentlichte Untersuchung zur ambulant erworbenen Lungenentzündung: Eine fünftägige Antibiotikatherapie erwies sich in der Studie als ebenso wirksam wie eine zehntägige.

„Viele Jahre ist man davon ausgegangen, dass eine längere Antibiotikatherapie die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr der Infektion oder die Ausbildung von Resistenzen verringert“, sagt Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln und Vorsitzender der DGI. „Dahinter stand der Gedanke, möglichst alle krankmachenden Bakterien abzutöten. Heute wissen wir: Je länger die Bakterien dem Selektionsdruck eines antimikrobiellen Wirkstoffs ausgesetzt sind, desto wahrscheinlicher überleben überwiegend resistente, also gegen das Mittel unempfindliche Erreger.“ Eine kürzere Antibiotikatherapie hat nicht nur den Vorteil, dass weniger Resistenzen entstehen – sie geht auch mit weniger Nebenwirkungen einher.

Die Einnahmedauer ist von vielen Faktoren abhängig

„Dennoch bedeutet das nicht, dass Patienten ein Antibiotikum eigenhändig absetzen sollten, sobald ihre Symptome verschwunden sind“, so Prof. Dr. Winfried Kern, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg. „Für solch eine einfache Faustregel ist die moderne Antibiotikatherapie zu komplex.“ Vielmehr gilt: Es hängt von der Art der Erkrankung, ihrer Schwere, dem individuellen Verlauf und dem jeweiligen Bakterientyp ab, wie lange ein Antibiotikum eingenommen werden muss. „Bei einer Harnwegsinfektion kann es mitunter ausreichen, das Medikament nur einen Tag lang einzunehmen. Im Falle einer schweren Infektion mit Staphylokokken dagegen müssen Betroffene Antibiotika oft mehrere Wochen lang einnehmen. Hier beispielsweise könnte eine zu kurze Therapie zu Komplikationen und Resistenzbildung führen“, erklärt Fätkenheuer.

Antibiotika nicht eigenmächtig absetzen

Einen Königsweg im Umgang mit Antibiotika gibt es nicht. In welchen Fällen ein Mittel abgesetzt werden kann, sobald die Symptome abgeklungen sind, und in welchen Fällen nicht, kann nur ein Arzt entscheiden. Die DGI rät deshalb betroffenen Patienten, das Medikament nicht eigenmächtig wegzulassen und zudem darauf zu achten, die Therapie nicht zu unterbrechen oder Dosen zu vergessen. „Ein Arzt gibt idealerweise eine Einnahmedauer vor, die gezielt auf die jeweilige Infektion und ihren zu erwartenden Verlauf abgestimmt ist“, so Fätkenheuer. Sind die Symptome frühzeitig ausgeheilt oder schlägt das Mittel nicht an, sollte der Patient den Arzt kontaktieren und mit ihm das weitere Vorgehen besprechen. „Wie bei jedem anderen Medikament gilt auch für Antibiotika: Die Einnahme sollte so kurz wie möglich, aber so lange wie nötig erfolgen“, sagt der Experte.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 14.11.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Wie lange Antibiotika einnehmen? – Einfache Faustregeln greifen zu kurz
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