Parasit versus Gedächtnis

Wissenschaftler haben herausgefunden: Eine Toxoplasmoseinfektion kann die Gedächtnisleistung im Alter beeinträchtigen.

Senior schaut auf Kalender © iStock
(Dortmund – 31.10.2016) Eine Maus, die Katzen provoziert. Nicht etwa aus Wagemut, sondern weil sie ihr Gegenüber für harmlos hält. Sie ist manipuliert beziehungsweise hat sich mit dem Erreger Toxoplasma gondii infiziert. Der Parasit vermehrt sich nur im Darm von Katzen. Über den Katzenkot finden die robusten Parasiteneier ihren Weg in fremde Organismen – beispielsweise von Mäusen oder Vögeln. Um wieder zurück zum Stammwirt zu gelangen, reduziert der Erreger das Vermeidungsverhalten des Zwischenwirts, wie frühere US-Studien bereits zeigten.

Infektion kann Gedächtnisleistung im Alter verschlechtern

Menschen infizieren sich häufig durch Kontakt mit kontaminiertem Wasser, Gemüse oder nicht durchgegartem Fleisch von infizierten Nutztieren. Jeder zweite Deutsche trägt den Erreger in seinem Körper. Gefährlich kann Toxoplasmose für Schwangere und den Fötus sowie für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem werden. Im Großteil der Fälle bleibt die Infektion aber unbemerkt. Die magensäureresistenten Erreger können jedoch die Blut-Hirn-Schranke passieren und sich lebenslang in Nervenzellen einnisten – eine sognannte latente Infektion. Ob dadurch kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt werden, wurde nun erstmals Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) erforscht. Sie konnten in einer Doppelblindstudie mit Senioren zeigen, dass eine latente Infektion Gedächtnisleistungen und die subjektive Lebensqualität verschlechtern kann.  

Aus einer Kohorte von gesunden Probanden ab 65 Jahren wurden zwei Gruppen mit je 42 Personen ausgewählt: Senioren, bei denen im Blut entsprechende T. gondii-Antikörper gefunden wurden, kamen in die erste Gruppe. Senioren mit negativem Nachweis bildeten die Kontrollgruppe. Alle Probanden beantworteten Fragen zu Lebenssituation und Lebensqualität. Danach folgten verschiedene PC-Tests zu Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung.

Betroffene schätzen ihre Lebensqualität schlechter ein

Die Probanden sollten zum Beispiel in einer schnellen Abfolge von einzelnen Buchstaben immer dann eine Taste drücken, wenn der vorletzte Buchstabe mit dem aktuell gezeigten übereinstimmte. Dabei müssen Buchstaben im Kurzzeitgedächtnis gespeichert und kontinuierlich mit den neuankommenden Buchstaben verglichen werden. Dazu ist ein intaktes Arbeitsgedächtnis notwendig, das für die vorübergehende Informationsspeicherung und gleichzeitige Verarbeitung zuständig ist. Das Ergebnis: Die Leistungen des Arbeitsgedächtnisses waren bei den toxoplasmosepositiven Probanden um 35 Prozent geringer als bei den Nichtinfizierten. Zudem schätzen die betroffenen Personen ihre körperliche, psychische und soziale Lebensqualität signifikant schlechter ein.  

Objektiviert wurden die gefunden Defizite in der Gedächtnisleistung mit EEG-gestützten Untersuchungen. Während die Probanden die Aufgaben bearbeiteten, wurde die Hirnaktivität gemessen. Dabei zeigte sich unter anderem ein deutlich geringerer Ausschlag der Hirnpotenziale, die mit Arbeitsgedächtnisfunktionen wie Aktualisierung von Gedächtnisinhalten assoziiert werden.

Studien zum Zusammenhang von Toxoplasmose und Demenz

„Der Unterschied in der Arbeitsgedächtnisleistung zwischen Infizierten und Nichtinfizierten entspricht in etwa der Differenz zwischen gesunden jungen Erwachsenen und Senioren“, sagt Studienautor Dr. Patrick Gajewski. Für die Effekte wird ein durch die Toxoplasmoseinfektion verursachtes Ungleichgewicht des neuronalen Botenstoffhaushalts von Dopamin und Norepinephrin verantwortlich gemacht. In Folgestudien sollte laut den Wissenschaftlern daher ein Zusammenhang von Toxoplasmose und Demenz untersucht werden, da in beiden Fällen die Gedächtnisfunktion als erstes in Mitleidenschaft gezogen wird. „Die hohe Prävalenz der Toxoplasmoseinfektion und eine wachsende Anzahl von älteren Menschen verdeutlicht die sozioökonomische Bedeutung der Befunde“, so Gajewski.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 31.10.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund: Toxoplasmose: Parasit beeinflusst Gedächtnisleistung
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