Entzündete Mandeln

Eine neue Leitlinie zu Mandelentzündungen empfiehlt: Nicht immer muss operiert werden – und oft sind auch keine Antibiotika notwendig.

Arzt untersucht bei kleinem Mädchen den Hals © Thinkstock
(Düsseldorf – 02.05.2016) Jedes Kind erkrankt im Verlauf der ersten Lebensjahre mehrfach an Rachen- und Mandelentzündungen. Für den Körper ist es eine normale Abwehrreaktion, denn die Mandeln gehören zum menschlichen Immunsystem. Krank ist das Kind erst, wenn sich Schluckschmerzen und Allgemeinsymptome wie Fieber entwickeln. Die Mandelentzündung ist dann Anlass für einen Besuch beim Kinderarzt, der zusammen mit den Eltern entscheidet, ob ein Antibiotikum oder sogar ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist. „Die Tonsillitis ist eine der häufigsten Anlässe für den Arztbesuch und Mandeloperationen gehören zu den 20 häufigsten Anlässen für Krankenhausbehandlungen in Deutschland“, erklärt Prof. Dr. Jochen Windfuhr, Chefarzt am Krankenhaus Maria Hilf in Mönchengladbach. Er hat die neue Leitlinie „Therapie entzündlicher Erkrankungen der Gaumenmandeln“ maßgeblich mitentwickelt.

Meist sind Antibiotika bei Mandelentzündung wirkungslos

„Die akute Mandelentzündung wird zu 70 bis 95 Prozent der Fälle durch Viren ausgelöst“, sagt Windfuhr. „Antibiotika sind dann wirkungslos – sie können nur bei Entzündungen durch Bakterien helfen.“ Wann dies der Fall ist, kann der Arzt allein durch einen Blick in den Rachen nicht entscheiden. Die Leitlinie stellt zwei altersabhängige Punktesysteme vor. Diese bewerten neben der Schwellung der Mandeln auch Fieber, Husten und Lymphknotenschwellung mit Punkten. „Erst ab einem bestimmten Punktewert wird ein Antibiotikum empfohlen“, sagt der Experte. „Zusätzliche Untersuchungen wie Rachenabstriche sind nur noch für seltene Einzelfälle vorgesehen.“

Bei schweren Mandelentzündungen muss nicht immer eine OP sein

Nicht bei jeder schweren Mandelentzündung ist eine Operation erforderlich. Entscheidungsgrundlage ist die Anzahl an Halsschmerzepisoden in den vergangenen zwölf Monaten. Bei weniger als drei Episoden raten die Leitlinien von einer Operation ab. Bei drei bis fünf Episoden „kann“ die Tonsillektomie durchgeführt werden, bei sechs oder mehr Episoden ist sie „eine therapeutische Option“. „Bei mehrfach wiederkehrenden Mandelentzündungen hat sich die Mandelentfernung bewährt“, sagt Windfuhr. Sie sei aber keine Notoperation. „Nur in besonders schweren Fällen sollte die Operation zügig erfolgen. Bei moderaten und milden Formen raten wir dazu, zunächst ein halbes Jahr abzuwarten. Nur wenn es in dieser Wartezeit trotz wiederholter Antibiotikumtherapie zu weiteren Entzündungen kommt, ist die Mandelentfernung der bessere Weg“.

Teilentfernung der Mandeln als neue Möglichkeit

Bei besonders großen Mandeln müssen bei der Operation nicht die ganzen Mandeln entfernt werden. Eine Teilentfernung – Tonsillotomie genannt – ist eine neue Option, die in den Leitlinien erstmals empfohlen wird. „Sie hat sich in schwedischen Studien bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewährt“, so Windfuhr. „Die Tonsillotomie ist für die Patienten sehr viel weniger belastend. Anfängliche Bedenken, dass in den Mandelresten Entzündungskomplikationen programmiert sind, haben sich nicht bestätigt“.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 02.05.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Mandelentzündungen: Leitlinie soll Operation und Einsatz von Antibiotika vereinheitlichen
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