Sind wir zu impfmüde?

2013 sind in Deutschland bereits mehr als 700 Masernfälle gemeldet worden. Prof. Dr. Roland Lang über Impfmüdigkeit und ihre Auswirkungen.

Impfbuch © Thinkstock
(Erlangen – 08.07.2013) Immer mehr Menschen in Deutschland stecken sich mit Krankheiten an, die viele bereits als ausgerottet ansahen: Jüngstes Beispiel sind die Neuinfektionen mit Masern in einigen deutschen Städten. Prof. Dr. Roland Lang, Professor für Angeborene Immunität und Pathogenerkennung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), erklärt die Ursachen und Auswirkungen von Impfmüdigkeit.

Professor Lang, wie steht es heute um den Impfschutz?

1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet – der Erfolg einer groß angelegten, globalen Impfkampagne. Erkrankungen mit dem Poliovirus, dem Erreger der Kinderlähmung, sind in Europa und Amerika seit einigen Jahren nicht mehr aufgetaucht, ebenfalls ein Erfolg der flächendeckenden Impfung.

Auf der Basis dieser Erfolge hat sich die WHO in den 1990er-Jahren die Elimination von Polio und des Masernvirus weltweit auf die Fahnen geschrieben. In beiden Fällen konnten allerdings die ursprünglichen Ziele einer Ausrottung bis 2010 nicht eingehalten werden: Die Polio ist seit einigen Jahren auf vier Länder beschränkt (Nigeria, Pakistan, Afghanistan, Indien) und die Zahl der Masernfälle ist weltweit deutlich gesunken, aber gerade in Europa kommt es immer wieder zu kleineren und größeren Masernausbrüchen. Im Jahr 2013 sind in Deutschland bereits mehr als 700 Erkrankungen gemeldet worden, die Mehrzahl davon in Bayern und Berlin.

Auffallend dabei ist der hohe Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter den Erkrankten, die zum größten Teil nicht oder nicht vollständig gegen Masern geimpft waren.

Warum lassen Eltern ihre Kinder nicht impfen?

Der große Erfolg der Impfungen gegen Erkrankungen, denen einst viele Kinder in den ersten Lebensjahren zum Opfer gefallen sind – wie Diphtherie, Wundstarrkrampf oder Pocken – hat dazu geführt, dass viele Eltern durch Impfen vermeidbare Erkrankungen wie Masern oder Diphtherie nicht mehr kennen. Wenn das Risiko einer schweren Infektion als sehr gering eingeschätzt wird, gleichzeitig aber die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung als schwerwiegend eingestuft werden, sinkt die Bereitschaft, die Kinder impfen zu lassen.

So sank – verständlicherweise – die Akzeptanz der Masernimpfung massiv, als 1998 eine Studie in der Fachzeitschrift Lancet die Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) mit dem Auftreten von Autismus bei Kindern in Verbindung brachte. Eine ganze Reihe von Folgeuntersuchungen konnte einen solchen Zusammenhang ausschließen und erfreulicherweise ist die Impfrate mit MMR bei Kleinkindern deutlich gestiegen.

Welche Impfungen werden aktuell empfohlen?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut gibt regelmäßig Impfempfehlungen heraus. Der Impfkalender für Säuglinge und Kleinkinder umfasst zunächst die Impfungen gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), Diphtherie, Pertussis (Keuchhusten), Hämophilus influenzae (Erreger von Hirnhaut- und Kehldeckelentzündung), Polio (Kinderlähmung), Hepatitis B und Pneumokokken. Diese Impfungen werden in der Regel als Kombinationsimpfstoffe verabreicht, was die Zahl der nötigen Injektionen reduziert. Im Alter von 11 bis 14 Monaten sollten dann die erste Impfung mit dem MMR-Lebendimpfstoff sowie die Impfung gegen Windpocken erfolgen. Ebenfalls früh im zweiten Lebensjahr wird die Impfung gegen Meningokokken empfohlen.

Darüber hinaus ist eine Reihe von Impfungen wichtig für besonders gefährdete Personen (zum Beispiel  Menschen mit chronischen Erkrankungen), bei beruflicher Exposition (zum Beispiel Beschäftigte im Gesundheitswesen) oder bei Reisen in Endemiegebiete (also in Regionen, in denen die Krankheiten vorkommen). Auch hier gibt die STIKO dezidierte Empfehlungen, auf deren Basis der Hausarzt Impfungen durchführt.

Was sind die Auswirkungen, wenn nicht ausreichend geimpft wird?

Ein Absinken der Impfbereitschaft bedeutet zunächst für den Einzelnen ein erhöhtes Risiko zu erkranken. Aufgrund fehlender Auffrischimpfungen gegen Tetanus gibt es beispielsweise auch in Deutschland gelegentlich Fälle von Wundstarrkrampf. Aus der Sicht des öffentlichen Gesundheitswesens besonders relevant ist die Frage, welcher Anteil der Bevölkerung geimpft sein muss, damit sich eine Infektion nicht epidemisch verbreiten kann. In diesem Fall spricht man von Herdenimmunität, die auch die (relativ wenigen) Nicht-Geimpften schützt.

Für sehr ansteckende Erreger wie das Masernvirus liegt dieser Wert mit 95 Prozent sehr hoch. Nicht überraschend, dass es nicht einfach ist, eine solch hohe Impfquote zu erzielen: Im Jahr 2012 hatten zwar mehr als 95 Prozent der Kinder bei Einschulung die erste Masernimpfung erhalten, aber nur etwas mehr als 90 Prozent auch die für einen sicheren Schutz nötige zweite Impfung.

Sollte es eine Impfplicht in Deutschland geben?

In einer Reihe von Ländern ist der Nachweis verschiedener Impfungen Voraussetzung für die Aufnahme von Kindern in Kindergarten und Schule, zum Beispiel in den USA. Die Freiwilligkeit der Teilnahme an Impfungen in Deutschland ist begründet in der Freiheit des Einzelnen, eine medizinische Behandlung abzulehnen. Stattdessen baut man in Deutschland auf Information und Aufklärung. Allerdings führt dieser Weg zu einer niedrigeren Impfquote – und in der Folge zu einem höheren Risiko für Ausbrüche von Infektionen, die durch Impfung verhindert werden können.

Umso wichtiger sind daher alle Bemühungen, die Akzeptanz von Impfungen zu erhöhen. Dies gilt auch und besonders bei all denen, die als Ärzte oder Pflegekräfte im Krankenhaus mit infektionsanfälligen Patienten umgehen. Die trotz dringlicher Empfehlung insgesamt niedrige Teilnahmerate von Beschäftigten im Gesundheitswesen an der jährlichen Grippeimpfung zeigt aber, dass der rationale Appell an das Verantwortungsgefühl nicht immer ausreicht. Die aktuell von Minister Bahr erwogene Einführung einer Impfplicht wird daher in der Fachliteratur schon länger diskutiert.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 08.07.2013
  • Autor/in: vitanet.de-cl
  • Quellen: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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