Bluthochdruck: Warum niedrige Grenzwerte nicht helfen

Wo beginnt Bluthochdruck? Die Diagnose Bluthochdruck, wird in den USA bei niedrigeren Werten gestellt als in Deutschland. Ein Nutzen hat das nicht – und schadet vermutlich.

Messung Blutdruck © iStock
(München – 14.12.2018) 130-139 mmHg zu 80-89 mmHg: Eine Person mit diesen Blutdruckwerten würde in den USA wegen zu hohem Blutdruck behandelt werden, in Deutschland nicht. Auf die Frage wo Bluthochdruck beginnt, geben Ärzteorganisationen unterschiedliche Antworten. Ein Team der Technischen Universität München und des Helmholtz Zentrums München kommt zu dem Schluss, dass eine niedrigere Schwelle für eine Behandlung nicht vor tödlichen Herzerkrankungen schützt – sie könnte sogar negative Auswirkungen für die Psyche der Betroffenen haben.

US-Leitlinien: zusätzliche Kategorie für Bluthochdruck

Seit 2017 gibt es in den Leitlinien des American College of Cardiology eine zusätzliche Kategorie für Bluthochdruck: „Stage1 Hypertension“. Personen mit entsprechenden Werten (130-139 mmHg / 80-89 mmHg) müssen demnach behandelt werden. Die European Society of Cardiology sieht bei diesen Werten noch einen „erhöht normalen Blutdruck“ und keinen zwingenden Handlungsbedarf.

„Die Idee hinter den US-Leitlinien ist, Bluthochdruck möglichst früh zu senken und durch die Diagnose einer Erkrankung Patienten zu motivieren, gesünder zu leben“, sagt Prof. Karl-Heinz Ladwig, Forscher an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des TUM-Universitätsklinikums rechts der Isar und am Helmholtz Zentrum München.

Viele stellen trotz Diagnose ihren Lebensstil nicht um

Anhand der Daten von knapp 12.000 Betroffenen, hat sich das Münchner Forscherteam ein Bild der Situation in Deutschland verschafft. „Wir haben untersucht, wie hoch innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren das Risiko für Menschen in den verschiedenen ‚Blutdruck-Kategorien‘ war, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben und welche anderen Risikofaktoren jeweils vorlagen“, sagt Seryan Atasoy, Erstautorin der Studie und Epidemiologin am Helmholtz Zentrum München und der Ludwig-Maximilians-Universität München.

In der neugeschaffenen Kategorie „Stage 1 Hypertension“ waren das Risiko an einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben nicht signifikant höher als bei normalem Blutdruck. „Auch der Motivations-Effekt ist fraglich“, sagt Karl-Heinz Ladwig. Bei Personen mit gefährlichem Bluthochdruck, die sowohl nach US- als auch nach europäischen Leitlinien mit Medikamenten behandelt werden sollen („Stage 2 Hypertension“), ist das Risiko, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu sterben, deutlich erhöht. „Gleichzeitig sind Risikofaktoren wie Rauchen und Bewegungsmangel besonders ausgeprägt. Das zeigt, dass viele trotz Diagnose ihren Lebensstil nicht umstellen.“

Das Etikett „krank“ und seine Auswirkung auf die Psyche

Während Menschen mit gefährlichem Bluthochdruck grundsätzlich seltener depressiv waren als andere, lag der Wert bei bestimmten Personen deutlich höher: Bei rund der Hälfte, die wegen gefährlichen Bluthochdrucks Medikamente einnahm, wurden depressive Stimmungslagen festgestellt. Das war nur bei etwa einem Drittel der Nicht-Behandelten der Fall.

„Wir nehmen an, dass es sich um einen Labeling-Effekt handelt“, sagt Ladwig. „Wird man offiziell mit dem Etikett ‚krank‘ versehen, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus.“ In einer früheren Studie wurde gezeigt, dass Depressionen einen ähnlich hohen Risikofaktor für tödliche Herz-Kreislauferkrankungen darstellen wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit.

Mehr Kranke durch neue Richtlinien

„Das American College of Cardiology selbst hat errechnet, dass der Anteil der Erwachsenen mit der Diagnose Bluthochdruck durch die neue Leitlinie von 32 auf 46 Prozent steigt“, sagt Karl-Heinz Ladwig. „14 Prozent werden also zusätzlich psychischem Druck ausgeliefert – ohne dass für sie eine signifikant höhere Gefahr bestehen würde, eine tödliche Herz-Kreislauferkrankung zu entwickeln und ohne, dass eine Motivationswirkung der Diagnose zu erwarten wäre.“ Eine Übernahme der US-Leitlinien in Europa wäre daher aus seiner Sicht grundsätzlich falsch.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 14.12.2018
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung der Technischen Universität München vom 23. November 2018: Studie: Keine Vorteile durch frühe Behandlung
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