Untergrenze für Blutdruck?

Forscher konnten zeigen: Den Blutdruck von Bluthochdruckpatienten zu stark zu senken, kann schädlich sein. Experten halten deshalb Untergrenzen für sinnvoll.

Frau beim Blutdruckmessen © iStock
(Mannheim/Homburg/Saar – 08.06.2017)  Ein möglichst niedriger Blutdruckwert ist bei Patienten mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko nicht unbedingt das optimale Behandlungsziel. Denn eine neue Studie zeigt: Sinkt der Blutdruck unter einen bestimmten Wert, steigt das Herz-Kreislauf-Risiko wieder an. „Das Festlegen einer Blutdruckuntergrenze könnte also sinnvoll sein“, sagt Studienleiter Prof. Michael Böhm.

Aktuelle wissenschaftliche Leitlinien empfehlen einen systolischen (oberen) Blutdruckzielwert von unter 140 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg), machen aber keine Vorgaben, wie niedrig der Blutdruck sinken sollte oder darf. Das Prinzip „Je niedriger, desto besser“, das häufig für das LDL-Cholesterin angenommen wird, scheint beim Blutdruck jedoch keine Gültigkeit zu haben. Das zeigt die Analyse der beiden Großstudien ONTARGET und TRANSCEND mit insgesamt rund 31.000 Hochrisikopatienten. „Bei manchen Patienten, deren Blutdruck während der Therapie auf zu niedrige Werte sinkt, könnte es sinnvoll sein, die Medikation zu reduzieren, um Nebenwirkungen zu vermeiden“, so Prof. Böhm.

Niedrige Werte steigern Risiko für manche Herz-Kreislauf-Ereignisse

Doch wo sollte eine Untergrenze definiert werden? In den Studien wurde die Wirksamkeit eines Blutdrucksenkers allein sowie in Kombinationen untersucht. Patienten, die während des mittleren Beobachtungszeitraums von 53 Monaten systolische Blutdruckwerte unter 120 mmHg erreichten, hatten ein um 14 Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse – mit Ausnahme von Herzinfarkt und Schlaganfall – als jene, deren Blutdruck zwischen 120 und 140 mmHg lag. Die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit stieg um 29 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um 28 Prozent.

Ähnlich sieht die Situation beim diastolischen (unteren) Blutdruck aus. Werte unter 70 mmHg standen mit einem um 31 Prozent erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse im Zusammenhang, verglichen mit Werten zwischen 70 und 80 mmHg. Auch das Risiko für Herzinfarkt und durch Herzschwäche bedingte Klinikeinweisungen war erhöht. Schlaganfälle kamen allerdings seltener vor, wenn die Werte darunter lagen.

Experten halten individualisierten Ansatz für sinnvoll

Das niedrigste Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatten Patienten, die unter der Blutdrucktherapie einen systolischen Blutdruck zwischen 120 und 140 mmHg und einen diastolischen Blutdruck um die 75 mmHg erreichten. Somit sei für die meisten Hochrisikopatienten ein Blutdruckzielwert von unter 130 mmHg, nicht jedoch ein Wert unter 120 mmHg sicher und wirksam, fassen die Studienautoren zusammen.

Sie gehen davon aus, dass sich der Vorteil einer erreichten Blutdruckhöhe individuell unterscheiden kann und vom jeweiligen Risikoprofil eines Menschen abhängt. Patienten mit einem besonders hohen Risiko für ein bestimmtes Ereignis – zum Beispiel einen Schlaganfall – könnten von einem noch niedrigeren Blutdruck profitieren, vermuten die Studienautoren, während dieser Bereich für Patienten mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko nachteilig ist. In der Praxis sind solche eindeutigen Prognosen allerdings oft schwierig. Außer Frage stehe, dass auch in der Bluthochdrucktherapie ein individualisierter Ansatz wünschenswert sei, so die Autoren.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 08.06.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung: Neue Studie: Zu niedriger Blutdruck ist schädlich, Untergrenzen könnten sinnvoll sein
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