Zu frühe Elektroschocks

Eine Studie zeigt: Defibrillatoren, die bei Herzrhythmusstörungen implantiert werden, geben meist zu früh Elektroschocks ab. Das kann den Herzmuskel beschädigen.

Ein Mann fasst sich an die Brust. © Thinkstock
(Los Angeles – 08.11.2012) Die meisten Defibrillatoren sind auf die falsche Herzrate eingestellt. Dadurch geben die kleinen, gegen Herzrhythmusstörungen eingesetzten Implantate Elektroschocks zu früh ab. Sie ängstigen damit nicht nur die Patienten, sondern schädigen auch deren Herz. Das hat ein internationales Forscherteam herausgefunden, als es rund 1.500 Patienten mit einem solchen Schockgeber über zwei Jahre hinweg beobachtete.  

Bisher sind die meisten Geräte darauf programmiert, bei einer Herzrate von über 170 Schlägen pro Minute zu reagieren. Die Studie zeige jedoch, dass es ausreiche, das Herz erst ab einer Frequenz von 200 Schlägen pro Minute mit Elektroschocks zur Ruhe zu bringen, berichteten die Wissenschaftler am Mittwoch auf den „American Heart Association Scientific Sessions“ in Los Angeles. Eine einfache Umprogrammierung des Geräts könne nicht nur unnötige Elektroschocks vermeiden, sie senke auch die Sterberate von Patienten, wie die Untersuchung belege.

200.000 neue Defibrillatoren jährlich in den USA eingesetzt

Ein Defibrillator wird ähnlich wie ein Herzschrittmacher in die Brust der Patienten implantiert. Das Gerät gibt immer dann einen Elektroschock an das Herzgewebe ab, wenn der Herzmuskel zu schnell schlägt. Dadurch soll es den plötzlichen Herztod als Folge von Kammer- oder Vorhofflimmern verhindern. Da diese Therapie als hoch effektiv gilt, werden jährlich allein in den USA 200.000 neue Defibrillatoren in kranke Herzen implantiert. „Doch die Art und Weise, wie wir Defibrillatoren in den letzten 20 Jahren benutzt haben, war nicht optimal“, sagt Studienleiter Arthur Moss von der University of Rochester.

Studie: Defibrillatoren reagieren bei unterschiedlicher Taktrate

Für ihre Studie beobachtete das internationale Forscherteam von September 2009 bis Oktober 2011 Patienten aus 98 Krankenhäusern in den USA, Kanada, Europa, Israel und Japan. Alle Studienteilnehmer hatten Herzrhythmusstörungen und wurden mit Hilfe eines implantierten Defibrillators therapiert. Dem heutigen Standard entsprechend, waren die Geräte bei den meisten darauf eingestellt, einen Elektroschock abzugeben, wenn das Herz des Patienten schneller als 170 Mal pro Minute schlug. „Doch Raten von 180 oder 190 Schlägen sind nicht immer bedrohlich, da sie normalerweise nur kurz auftreten und auch von erhöhter sportlicher Aktivität ausgelöst werden können“, erklären die Kardiologen. Ein geringerer Anteil der Studienteilnehmer trug einen Defibrillator, der erst bei 200 Schlägen pro Minute reagierte.

Späteres Anspringen des Defibrillators lässt Todesrate sinken

Die Auswertung ergab, dass im Studienverlauf mehr Patienten mit einem herkömmlich eingestellten Defibrillator an Herzversagen starben als mit einem auf 200 Schläge eingestellten. Das erst spätere Anspringen des Schockgebers habe das Sterberisiko der Patienten um 55 Prozent gesenkt, berichten die Forscher. „Es gibt bereits eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass jeder Elektroschock den Herzmuskel etwas beschädigt“, betont Studienleiter Moss. Dieser Effekt erkläre auch die Ergebnisse ihrer Untersuchung.

Unnötige Schocks belasten Herz und Psyche

In der Studie zeigte sich zudem, dass die auf herkömmliche Taktraten eingestellten Geräte in 79 Prozent der Fälle unnötig feuerten, berichtet das Forscherteam. Der Defibrillator gab einen Elektroschock ab, obwohl keine gefährlichen Herzrhythmusstörungen aufgetreten waren. Diese unnötige Belastung für das Herz hätte man mit einem auf 200 Schläge eingestellten Gerät vermeiden können. Hinzu käme, dass jeder nicht erfolgte Schock auch die Psyche der Herzkranken schone, erklären die Wissenschaftler. Denn jeder dieser Eingriffe sei für den Patienten deutlich spürbar und löse Ängste aus. Langfristig könne dies sogar zu Depressionen führen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 08.11.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
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