Kunstlinsen bei grauem Star

Trifokale Kunstlinsen ermöglichen Patienten mit grauem Star, auf jede Distanz ohne Brille scharf zu sehen. Doch sie sind nicht für jeden geeignet.

Mann wird vom Augenarzt untersucht © iStock
(Berlin – 06.10.2017) Patienten mit einem grauen Star (Katarakt), die sich für die Implantation einer trifokalen Kunstlinse entscheiden, können in mehr als 90 Prozent der Fälle nach dem Eingriff auf eine Brille für Fern-, Nah- und mittlere Sicht verzichten. Die neueste Generation von Kunstlinsen ist jedoch nicht für alle Menschen geeignet, wie aus aktuellen Untersuchungsergebnissen hervorgeht. Warum es bei der Wahl der Kunstlinse unter anderem auch auf den Beruf ankommt.

Bei Monofokallinsen muss sich der Patient für einen Brennpunkt entscheiden

In Deutschland werden jedes Jahr etwa 700.000 bis 800.000 Augen wegen eines grauen Stars operiert. Die Behandlung besteht aus der Entfernung der getrübten Linse, die durch eine Kunststoff-Linse ersetzt wird. Erhalten die Patienten eine sogenannte Monofokallinse auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse, müssen sie wählen, ob der Brennpunkt der Kunstlinse scharfe Sicht auf nahe oder weite Distanz ermöglichen soll. „Das Implantat kann – anders als die natürliche Linse – nicht auf verschiedene Entfernungen scharf stellen“, erklärt Prof. Dr. Thomas Kohnen von der Deutschen Ophtalmologischen Gesellschaft (DOG). Patienten mit Monofokallinsen sind daher weiterhin auf eine Lese- oder Gleitsichtbrille angewiesen.

Mulifokallinsen ermöglichen scharfes Sehen in Nähe und Ferne

Seit den späten 1980er-Jahren gibt es auch Sonderlinsen mit mehreren Brennpunkten. „Die meisten dieser Multifokallinsen verfügen über zwei Brennpunkte, sodass sie Patienten sowohl in der Nähe als auch in der Ferne eine Brillenfreiheit ermöglichen“, sagt der Direktor der Klinik für Augenheilkunde an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. „Der Nahpunkt der Kunstlinsen ist so eingestellt, dass die Patienten bequem lesen oder andere Tätigkeiten in kurzer Distanz durchführen können.“

Inzwischen haben sich die Bedürfnisse jedoch verändert: Die mittlere Sehdistanz – der Zwischenbereich – rückt immer stärker in den Fokus. Der Grund: Zunehmend arbeiten Menschen auch im Alter an Laptops oder Tablets, die in Entfernung einer Armlänge von etwa 60 bis 70 Zentimetern gehalten werden. „Die Bifokallinsen haben in diesem Bereich eine Schwäche“, so Kohnen. „Viele Patienten, die sonst ohne Brille auskommen, benötigen für mittlere Abstände eine Sehhilfe.“

Neueste Linsengenerationen: Tri- und Quadrifokallinsen

Diese Lücke wird seit Kurzem durch Tri- und neuerdings sogar Quadrifokallinsen mit drei oder vier Brennpunkten geschlossen. „Damit haben wir eine neue Qualität erreicht“, sagt Kohnen. „Die trifokalen Linsen haben definitiv die bifokalen abgelöst, was das Ziel der Brillenfreiheit anbelangt.“ Eine Übersichtsarbeit, die visuelle Ergebnisse verschiedener Linsenarten vergleicht, bestätigt diese Einschätzung. „Die beiden gängigen trifokalen Linsenmodelle ermöglichen eine gute Sehschärfe im Zwischenbereich – und mehr als 90 Prozent der Patienten kamen nach einer Eingewöhnungsphase auf allen Sichtdistanzen ohne Brille aus“, so Kohnen. Auch die Zufriedenheit der Patienten war hoch.

Für wen die neuen Linsen nicht geeignet sind

Der Experte rät nicht allen Patienten zu den High-Tech-Linsen, deren Zusatzkosten in Höhe von etwa 1.000 bis 3.000 Euro pro Auge der Patient selbst tragen muss. Liegt ein Grauer Star vor, beteiligt sich die Kasse an den Kosten. Grund für die Zurückhaltung des Ophthalmologen: Linsen mit mehreren Brennpunkten haben prinzipielle optische Grenzen – Abstriche gibt es etwa beim Kontrastsehen, zudem können Phänomene wie Blendempfindlichkeit, Lichtringe (Halos) oder Sterne (Starburst) auftreten.

„Zwar gewöhnen sich die Augen meist in kurzer Zeit an Halos – und das Gehirn filtert sie gewissermaßen weg“, sagt Kohnen. Die Patienten müssten aber über diese Nachteile aufgeklärt werden, die vor allem in der Dämmerung oder im Dunkeln auftreten. Für Berufsgruppen, die auf ein sehr gutes Sehen in der Ferne, bei schlechten Lichtverhältnissen oder in der Nacht angewiesen sind (zum Beispiel LKW-Fahrer), sind bi- oder trifokale Linsen daher nicht unbedingt geeignet.  

Viele Patienten berichten jedoch auch, keine Probleme beim nächtlichen Fahren nach Implantation dieser Intraokularlinsen zu haben. „Am meisten profitieren Berufsgruppen mit Überkopfarbeiten wie Mechaniker und Handwerker von trifokalen Linsen“, erklärt Kohnen. Sie können bei ihren Tätigkeiten auf eine Brille verzichten, die häufig als störend empfunden wird.

Forschung: Linsen, die auf jede Distanz spontan scharf stellen können

„Der nächste Schritt werden Kunstlinsen sein, die die natürliche Fähigkeit des menschlichen Auges imitieren, auf jede Distanz spontan scharf stellen zu können“, so Kohnen. An solchen akkommodierenden Linsen, deren Anwendung der Experte im nächsten Jahrzehnt erwartet, werde derzeit mit Hochdruck geforscht.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 06.10.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Ophtalmologischen Gesellschaft: Trifokale Kunstlinsen bei Grauem Star – Ohne Brille lesen, am Computer arbeiten und Autofahren
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