Schrittmacher für die Zunge

Für Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe, die mit der Standardtherapie nicht zurechtkommen, gibt es eine neue Option: einen Zungenschrittmacher.

Mann schläft © iStock
(Langenhagen – 20.09.2016) Mit zunehmendem Alter leiden vor allem Männer während des Schlafens unter wiederholten Atemstillständen (sogenannten Apnoen), da ihre Muskeln im Rachen-Zungen-Raum zusehends erschlaffen. Das kann zu einem wiederkehrenden Verschluss der oberen Atemwege beim Atmen führt – dann handelt es sich um eine obstruktive Schlafapnoe, kurz OSA. Für OSA-Patienten, die mit der bisherigen Standardtherapie, der CPAP-Therapie, nicht zurechtkommen, gibt es jetzt eine neue Therapieoption, die möglicherweise besser für sie geeignet ist: Die sogenannte Nervus-hypoglossus-Stimulation der oberen Atemwege – auch Zungenschrittmacher genannt.

Auswirkungen einer unbehandelten Schlafapnoe

Bei der OSA wechseln sich Atemstillstände, die zwischen 10 und 90 Sekunden andauern und pro Nacht hundertfach auftreten können, mit heftigem Luftschnappen und lautem Schnarchen ab. Denn die Atempausen verursachen einen Sauerstoffmangel im Gehirn, den der Körper mit einer Weckreaktion zu kompensieren versucht, bei der die Atembemühungen unter Erhöhung der Muskelspannung, des Blutdrucks und der Herzfrequenz gesteigert werden. „Dieser häufige Wechsel zwischen Atemstillständen und Luftschnappen verhindert den normalen Schlafablauf, verringert die Erholsamkeit des Schlafes und führt so zu einer erhöhten Tagesmüdigkeit mit weiteren Einbußen der Lebensqualität – auf lange Sicht aber auch zu Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle“, sagt Prof. Dr. Ulrich Koehler, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums des Universitätsklinikums Marburg und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Lungenstiftung.

So funktioniert das neue Verfahren

Die bisherige Standardtherapie der obstruktiven Schlafapnoe ist die sogenannte CPAP-Methode (Abkürzung für continuous positive airway pressure) – also eine kontinuierliche Überdruckbeatmung, die über eine Nasen- oder Mund-Nasen-Maske erfolgt und dem Patienten während des Schlafens stetig Raumluft mit geringem Überdruck zuführt. Auf diese Weise werden die oberen Atemwege beim Ein- und Ausatmen offengehalten. Allerdings gibt es Patienten, die das nächtliche Schlafen mit einer Maske auf Dauer nicht akzeptieren. Für diese bietet sich jetzt eine mögliche Therapiealternative an: Ein Zungenschrittmacher, der die erschlafften Zungenmuskeln über einen gezielten Nervenimpuls (des Nervus hypoglossus) stimuliert und somit verhindert, dass die oberen Atemwege während der Atmung kollabieren. Dazu wird dem Patienten ein Gerät eingesetzt – bestehend aus einem Sensor, der die Atemzüge misst und damit Atempausen registriert, und einem Pulsgenerator, der diese Atmungsdaten verarbeitet und für die Nervenstimulation sorgt, die den Zungenmuskel aktiviert.

Diese auch als Nervus-hypoglossus-Stimulation der oberen Atemwege bezeichnete Therapieform erreicht nachweislich vergleichbar gute Therapieeffekte wie die CPAP: Die Anzahl der Atemstillstände wird verringert, es kommt zu einer besseren Sauerstoffversorgung der Patienten. Daraus ergibt sich weniger Tagesschläfrigkeit, mehr Lebensqualität und ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und zwar auch auf lange Sicht, wie jetzt eine aktuelle Studie über einen Beobachtungszeitraum von drei Jahren hinweg belegt hat. Unerwünschte Nebenwirkungen sind außerdem selten.

Der Zungenschrittmacher ist nicht für alle Patienten geeignet

Mehr als die Hälfte der Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe sind auch fettleibig. „Vermehrte Fettablagerungen im Rachen- und Zungenbereich begünstigen eine Apnoe. In solchen Fällen ist zunächst einmal eine deutliche Gewichtsreduktion angezeigt“, erklärt Prof. Koehler. „Außerdem handelt es sich bei der Nervus-hypoglossus-Stimulation um ein invasives Verfahren, bei dem ein Zungenschrittmacher eingesetzt wird, was sich nur mit einem chirurgischen Eingriff wieder rückgängig machen lässt. Deshalb ist für die Auswahl geeigneter Patienten eine möglichst sichere Vorhersage des Therapieerfolgs wünschenswert. Daher sollte vor Einsatz der Nervus-hypoglossus-Stimulation in jedem Falle eine spezielle Untersuchung des Patienten – eine sogenannte medikamentös induzierte Schlafvideoendoskopie – erfolgen, um das Verschlussmuster der oberen Atemwege genauer beurteilen zu können. Ein konzentrischer beziehungsweise vollständiger Kollaps auf Höhe des Weichteilgaumens wäre zum Beispiel ein Ausschlusskriterium, weil dies den Therapieeffekt erheblich beschneiden würde“, so der Experte.

Auch wenn von der Nervus-hypoglossus-Stimulation zunächst nur eine kleines Patientenkollektiv profitieren dürfte, handelt es sich nach Meinung der Lungenärzte der Deutschen Lungenstiftung um eine sehr vielversprechende Therapieoption, die sich in Zukunft stärker etablieren könnte – insbesondere für Patienten, die andere Verfahren wie CPAP oder Unterkiefer-Protrusions-Schienen nicht akzeptieren.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 20.09.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Lungenstiftung (www.lungenaerzte-im-netz.de): Zungenschrittmacher – eine neue Therapieoption für obstruktive Schlafapnoe
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