Sucht: Pillen und Therapie

Eine neue Studie zeigt: Medikamente und Psychotherapie erhöhen bei Alkoholabhängigen die Wahrscheinlichkeit für Abstinenz.

Weinglas © Thinkstock
(Freiburg – 27.11.2013) Gezielte Medikation und individuelle Psychotherapie kommen bisher in der Behandlung von Alkoholabhängigen nur selten zum Einsatz. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass sich beide in gestuften Behandlungsprogrammen bewähren: Erhalten Patienten zunächst Medikamente und anschließend zusätzlich psychotherapeutische Betreuung, lassen sich schwere Rückfälle reduzieren oder hinauszögern. Entscheidend für den Behandlungserfolg ist jedoch eine hohe Motivation der Betroffenen zur Psychotherapie. Das ergab die Studie einer Forschergruppe um Prof. Dr. Michael Berner, Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg und Ärztlicher Direktor der Rhein-Jura-Klinik Bad Säckingen.

Bisher kein Standard

„Bisher werden Alkoholabhängige in Deutschland vorwiegend von Suchtberatern betreut“, sagt Prof. Berner. „Erst seit wenigen Jahren übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten für störungsspezifische, evidenzbasierte Psychotherapien. Nach wie vor lehnen jedoch viele Therapeuten alkoholabhängige Klienten aufgrund vermeintlich geringer Behandlungschancen ab.“ Ähnliches gelte für sogenannte Anti-Craving-Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol reduzieren können. Auch sie gehören bislang nicht zur Standardbehandlung.

In einer gemeinsamen Studie der Universitätskliniken Freiburg, Tübingen und Mannheim konnten Berner und seine Kollegen nun zeigen, dass sowohl Anti-Craving-Medikamente als auch Psychotherapie den nächsten Rückfall hinauszögern können. Bereits die Einnahme von Medikamenten verdoppelte die Chance abstinent zu bleiben. Wurden die Patienten zusätzlich psychotherapeutisch betreut, vervierfachte sich die Wahrscheinlichkeit dauerhafter Abstinenz.

Wichtig: Motivation zur Therapie

„Die prinzipielle Bereitschaft zur Therapie genügt aber nicht. Oft fehlt die Willenskraft, den Plan auch umzusetzen und einen fremden Therapeuten aufzusuchen. Hier kann eine enge Kooperation und Vernetzung von behandelnden Ärzten und Psychotherapeuten helfen“, so Berner. Auch die individuelle Anpassung der Therapie an die Bedürfnisse des Patienten sei entscheidend für den Behandlungserfolg.

„Sowohl die Behandlung mit Anti-Craving-Medikamenten als auch die umfassende Information über die Möglichkeit psychotherapeutischer Betreuung sollten unbedingt zu selbstverständlichen Bestandteilen der Behandlung von Alkoholabhängigkeit werden“, fordert Berner. Dafür sei jedoch auch ein öffentliches Umdenken nötig: Alkoholabhängigkeit müsse als psychische Störung begriffen werden. Bisher würden Patienten mit Alkoholproblemen oft nicht als Kranke gesehen. „Wenn man die Öffentlichkeit fragt, wo in der Versorgung oder in der Forschung gespart werden soll, werden immer die alkoholbezogenen Störungen zuerst genannt“, so Psychiater Berner.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 27.11.2013
  • Autor/in: vitanet.de-cl
  • Quellen: Universitätsklinikum Freiburg
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