Löst das Coronavirus SARS-CoV-2 Schlaganfälle aus?

In letzter Zeit verdichten sich die Hinweise, dass vermehrt Schlaganfälle und Herzinfarkte nach einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten. Verschiedene Studien werten diese Hinweise aus – und liefern mögliche Erklärungen für die Ursache.

MRT_Gehirn © iStock
(Berlin – 24.04.2020) In einer aktuellen Studie aus Wuhan1 wiesen 40 von 88 Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen neurologische Symptome auf. Allein fünf von ihnen hatten einen Schlaganfall erlitten. Ob diese Krankheitserscheinungen eine direkte Infektionsfolge sind oder bei schwerkranken Covid-19-Patienten häufiger auftreten, weil sie in der Regel mehr Schlaganfall-begünstigende Begleiterkrankungen aufweisen, muss weiter untersucht werden. 

Die Studie zeigt jedoch: Covid-19-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden, erlitten häufig neurologische Ereignisse. Insgesamt traten bei 36,4% der insgesamt 214 Patienten neurologische Symptome auf. Auffällig war zudem, dass diese bei Patienten mit schweren respiratorischen Verläufen (schwere Symptomatik der Atemwege) vermehrt auftraten. Die Rate betrug in dieser Gruppe sogar 45,5% (40 von 88 Patienten mit schwerem Verlauf wiesen neurologische Symptome auf). 

Darüber hinaus kam es in dieser Gruppe nicht nur zu gehäuften, sondern auch zu schwereren neurologischen Ereignissen: Vier Patienten erlitten einen ischämischen Schlaganfall – einen Schlaganfall durch einen Verschluss von Gefäßen im Gehirn, ein Patient einen hämorrhagischen, dies ist ein Schlafanfall aufgrund eines geplatzten Gefäßes mit anschließender Blutung. Bei 13 Patienten traten Bewusstseinsstörungen und bei einem ein Krampfanfall auf.

Ursachenforschung: Warum COVID-19-Patienten häufiger Schlaganfälle erleiden

Die Autoren erklären die vermehrten neurologischen Ereignisse damit, dass SARS-CoV-2, genauso wie die bereits bekannten Coronaviren SARS und MERS auch in das zentrale Nervensystem (ZNS) beziehungsweise in das Gehirn eindringen können – insbesondere in den Hirnstamm. Darauf weist eine weitere Publikation hin2. Dieser Infektionsweg konnte in Tierexperimenten nachgewiesen werden. Die Infektion verläuft von der Nasenschleimhaut über sogenannte freie Nervenendigungen bis zum Gehirn. Das würde auch erklären, warum viele Betroffene bei einer Infektion den Geruchs- und Geschmackssinn verlieren.

Blutwerte liefern weitere Erklärung

Die Wissenschaftler der Studie aus Wuhan untersuchten auch die Laborparameter der schwer betroffenen Covid-19-Patienten. Die Blutwerte zeigten, dass Patienten mit neurologischen Symptomen eine geringere Lymphozytenzahl aufwiesen. Das deutet auf eine herabgesetzte Immunabwehr hin. Außerdem hatten die Betroffenenniedrigere Thrombozytenzahlen und höhere Blut-Harnstoff-Stickstoff-Spiegel. Die Gruppe der Patienten mit schweren Atemwegssymptomen wies insgesamt auch höhere D-Dimer-Spiegel auf.

„D-Dimere steigen bei einer Sepsis an, können aber auch auf eine Aktivierung des Gerinnungssystems hinweisen, wie sie auch bei anderen schweren Virusinfektionen bekannt sind. SARS-CoV-2 könnte so Schlaganfälle begünstigen“, sagt Professor Dr. Götz Thomalla, Sprecher der DGN-Kommission Zerebrovaskuläre Erkrankungen Hamburg. Interessant sei außerdem, dass bei Myopathien – Erkrankungen der Muskeln – im Rahmen der SARS-Infektion eine Entzündung der Gefäße nachgewiesen werden konnte, so Professor Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Daher könnte auch die Entzündung der Gefäße, eine sogenannte Vaskulitis, als Ursache für die Schlaganfälle in Frage kommen.

Ursache und Wirkung? Vorerkrankte Patienten haben schwerere COVID-19-Verläufe

Ein Editorial in der Fachzeitschrift JAMA Neurology3 befasst sich ebenfalls mit der erhöhten Schlaganfallrate bei Patienten mit schweren Covid-19-Erkrankungen. Die Verfasser heben hervor, dass es vor allem multimorbide Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Bluthochdruck sind, die schwer an Covid-19 erkranken. Die höhere Schlaganfallrate könnte demnach daraus resultieren, dass vor allem Menschen mit entsprechenden Vorerkrankungen schwere Verläufe von COVID-19 aufweisen. Die Schlaganfälle wären somit keine direkte Infektionsfolge. „Ob ein Schlaganfall nun direkte Folge der schweren SARS-CoV-2-Infektion oder Resultat der Tatsache ist, dass Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen gleichzeitig auch zerebrovaskuläre Risikopatienten sind, ist eine wichtige Forschungsfrage, der wir gezielt nachgehen müssen. Wichtig ist aktuell aber, dass Schlaganfälle auch bei beatmeten Patienten rechtzeitig erkannt und behandelt werden“, sagt Professor Berlit. 

Die Autoren des Editorials sprechen sich ebenfalls dafür aus, die neurologische Beteiligung bei Covid-19 weiter zu untersuchen. Sie sehen aber bereits jetzt genügend Hinweise, um die Rolle der Neurologen im Kontext von SARS-CoV-2 neu zu bewerten und sie verstärkt in den Kampf gegen die Pandemie einzubeziehen. „In der Tat ist es so, dass uns nahezu täglich neue Daten zu neurologischen Begleitsymptomen bei Covid-19-Patienten erreichen – und der hohe Prozentsatz dieser Symptome, zum Teil auch ihr Auftreten ohne jedwede Atemwegsbeteiligung, deutet darauf, dass Covid-19 kein rein pneumologisches Krankheitsbild ist, sondern unbedingt neurologische Expertise gefragt ist. Die Neurologie ist aus der Versorgung von Covid-19-Patienten daher nicht wegzudenken“, so Berlit.

Literatur: 
[1] Mao L, Jin H, Wang M et al. Neurologic Manifestations of Hospitalized Patients With Coronavirus Disease 2019 in Wuhan, China. JAMA Neurol. Published online April 10, 2020. doi:10.1001/jamaneurol.2020.1127

[2] Li YC, Bai WZ, Hashikawa T. The neuroinvasive potential of SARS-CoV2 may play a role in the respiratory failure of COVID-19 patients. J Med Virol 2020 Feb 27. doi: 10.1002/jmv.25728. [Epub ahead of print] DOI: https://doi.org/10.1007/s00405-020-05965-1

[3] Pleasure SJ, Green AJ, Josephson SA. The Spectrum of Neurologic Disease in the Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 Pandemic Infection: Neurologists Move to the Frontlines. JAMA Neurol. 2020 Apr 10. doi: 10.1001/jamaneurol.2020.1065

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Autoren und Quellen Aktualisiert: 24.04.2020
  • Autor/in: vitanet.de; Anja Dolski, Medizinredakteurin; Leitung Redaktion und Öffentlichkeitsarbeit
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. vom 16.04.2020: Ist SARS-CoV-2 ein Schlaganfallauslöser?
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