Ozanimod – neues Medikament gegen Multiple Sklerose (MS)

Der Wirkstoff Ozanimod könnte zukünftig die Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS) verbessern. Zwei umfassende Studien ergaben eine signifikant bessere Wirksamkeit von Ozanimod gegenüber der Therapie mit Interferon.

Arzt und Patientin mit Krücken. © iStock
(Berlin – 31.01.2020) Multiple Sklerose (MS) verläuft in zirka 80 Prozent der Fälle schubförmig. Nach über zehn Jahren kann sie allmählich in eine chronisch-fortschreitende Form mit kontinuierlich zunehmender Behinderung übergehen, die nicht mehr so gut zu behandeln ist wie die schubförmige Verlaufsform. Verlaufsmodifizierende (immunmodulierende) Dauertherapien können die Krankheitsaktivität reduzieren und die Schubrate erfolgreich senken. Der Übergang in die chronisch-fortschreitende Verlaufsform kann hinausgezögert werden. Mit Ozanimod, einer Weiterentwicklung von Fingolimod, könnte hier künftig ein neues, wirksames, relativ gut verträgliches Präparat zur Verfügung stehen. Zwei Phase-III-Studien wurden erfolgreich abgeschlossen.

Multiple Sklerose (MS): Verbreitung und Formen

Die Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, betrifft also Gehirn und Rückenmark. Weltweit sind etwa 2.5 Millionen, in Deutschland etwa 230.000 Menschen betroffen. MS ist eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem richtet sich fälschlicherweise gegen körpereigene Zellen und Gewebe und schädigt diese.

Es gibt verschiedene Verlaufsformen der MS. Zu Beginn der Erkrankung ist meist ein schubförmiger Verlauf vorhanden (rezidivierend-remittierende MS: RRMS), wobei zwischen den Schüben meist eine gute Erholung erfolgt. Viel seltener (zirka 10 Prozent) ist eine chronische, primär progrediente MS (PPMS), bei der die Erkrankung allmählich fortschreitet und langsam zunehmend zu Behinderungen führt. Nach vielen Jahren kommt es auch bei RRMS sehr häufig zu einem sekundär progredienten Verlauf (SPMS).

Behandlung von Multiple Sklerose

Heute ist MS relativ gut behandelbar, aber nicht heilbar. Therapeutisch steht bei einem akuten Schub die Unterdrückung der aktuellen Entzündung beziehungsweise des Immunsystems mit Kortisonpräparaten im Vordergrund. Die zweite Säule ist eine langfristige, verlaufsmodifizierende beziehungsweise immunmodulierende Therapie, die die Zahl der Schübe, Krankheitsaktivität und Krankheitslast in der Kernspintomografie reduziert und verhindern soll, dass eine RRMS in eine SPMS übergeht. Dabei stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung, es wird zwischen Basistherapie (Interferon-beta und Glatirameracetat) und Eskalationstherapie (mit stärker wirksamen Substanzen) unterschieden. Die Forschung arbeitet mit Hochdruck daran, immer bessere und sicherere Präparate zu entwickeln.
Wie Ozanimod wirkt
Ozanimod ist ein immunmodulierender Wirkstoff, der bei Patienten mit schubförmiger MS eingesetzt werden soll. Ozanimod gehört zur Gruppe der oralen Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren (S1P-Rezeptor-Agonisten). S1P-Rezeptor-Agonisten binden an S1P-Rezeptoren, wodurch verhindert wird, dass Immunzellen (Lymphozyten) Lymphknoten verlassen können – ihre Zahl im Blut sinkt ab.

Studien untersuchten Wirkungsweise von Ozanimod

Zwei aktuelle Phase-III-Studien untersuchten die Wirksamkeit und Sicherheit von Ozanimod bei einer großen Zahl RRMS-Patienten und verglichen die Ergebnisse mit den Daten von Patienten, die mit Interferon ß-1a behandelt wurden. Die Patienten waren zwischen 18 und 55 Jahre alt und ihr Behinderungsgrad (EDSS-Score) lag bei 0 bis 5,0. Sie hatten entweder mindestens einen Schub im Jahr vor Studieneinschluss oder mindestens einen Schub innerhalb von zwei Jahren davor plus mindestens einen Kontrastmittel-aufnehmenden T1 MS-Herd in der Kernspintomographie des Gehirns. Die Patienten wurden doppelblind in drei Gruppen randomisiert.

Studienergebnisse

Beide Studien mit insgesamt über 2.600 Patienten zeigten bei schubförmiger MS gegenüber der Interferon-Therapie eine signifikant bessere Wirksamkeit von Ozanimod, die Schubrate verringerte sich deutlich. Dasselbe traf für die kernspintomografischen Marker der Krankheitsaktivität und -last zu. In der SUNBEAM-Studie war die Ozanimod-Wirkung sogar noch etwas besser als in der RADIANCE-Studie. „Das effektive Verhindern neuer Schübe sowie der kernspintomografisch erfassbaren Krankheitsaktivität gehört zu den wichtigsten Therapiezielen bei der MS", sagt Prof. Dr. Hans-Peter Hartung, Direktor der Klinik für Neurologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Insgesamt wurde Ozanimod gut vertragen, das ist natürlich wichtig, um Therapieabbrüche zu vermeiden."

Nebenwirkungen von Ozanimod

„Als Nebenwirkung können S1P-Rezeptor-Modulatoren Herzfrequenzabfälle beziehungsweise Reizleitungsstörungen verursachen, daher erfolgt wie auch bei Fingolimod nach der ersten Gabe eine 6-stündige EKG-Überwachung gemäß einer speziellen Checkliste", so Prof. Hartung. „Es ist sehr erfreulich, dass in den beiden Studien mit dem selektiven Rezeptormodulator Ozanimod keine klinisch relevanten kardialen Nebenwirkungen auftraten. Mit dieser Weiterentwicklung könnte künftig eine weitere neue Therapieoption mit starker Wirkung gegen die RRMS zur Verfügung stehen. Natürlich müssen alle Patienten unter Ozanimodbehandlung wie mit allen anderen MS-Therapien immer hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen individuell überwacht werden."
Autoren und Quellen Aktualisiert: 31.01.2020
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. vom 22.11.2019: Neues Medikament zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS)
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