Impfungen kein Risikofaktor für Multiple Sklerose

Menschen mit Multiple Sklerose ließen sich die Jahre vor Auftreten der Erkrankung seltener impfen als Vergleichsgruppen. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und MS ist somit unwahrscheinlich.

Frau erhält Spritze vom Arzt. © iStock
(München – 30.08.2019) Daten von über 12.000 Patienten mit Multipler Sklerose (MS) dienten als Grundlage für die Studie der Technischen Universität München, die das Impfverhalten der Bevölkerung im Zusammenhang mit MS untersuchte. Sie zeigte, dass sich MS-Erkrankte fünf Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen. Impfungen sind daher vermutlich kein Risikofaktor für Multiple Sklerose.

Multiple Sklerose – eine neurologische Autoimmunerkrankung

Man geht heute davon aus, dass die MS eine neurologische Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das Gehirn und Rückenmark attackiert. Sie tritt vermehrt bei jungen Menschen bis zum 40. Lebensjahr auf. Als Risikofaktoren werden auch Impfungen diskutiert. Wissenschaftler der medizinischen Fakultät und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns haben nun einen großen bevölkerungsrepräsentativen Datensatz der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern von über 200.000 Personen ausgewertet, darunter mehr als 12.000 MS-Erkrankte. Die Studie wurde im Fachjournal Neurology veröffentlicht.

Geringere Impfraten vor der MS-Erkrankung

Es zeigte sich, dass Personen fünf Jahre vor einer MS-Diagnose weniger Impfungen bekommen hatten, als Vergleichsgruppen, die keine MS entwickelten. Dies galt für die untersuchten Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das Humane Papilloma Virus (HPV), Hepatitis A und Hepatitis B, FSME und Grippe. Bei den drei Letztgenannten fiel der Effekt besonders deutlich aus: Hier ließ sich die Kontrollgruppe deutlich häufiger impfen als die späteren MS-Patienten.

„Die Ursachen kennen wir noch nicht. Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten. Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab. Letztlich können wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht", sagt Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie.

Effekt bei Morbus Crohn und Schuppenflechte nicht sichtbar

Die Forscher wollten zudem ausschließen, dass die Ergebnisse ein grundsätzlicher Effekt von chronischen Krankheiten sein könnten. Sie werteten deshalb zusätzlich die Daten von zwei weiteren Patientengruppen aus: Menschen mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn und mit der chronischen Hautkrankheit Schuppenflechte. Auch bei ihnen waren die Impfungen fünf Jahre vor ihrer Diagnose erfasst worden.

Diese Patienten ließen sich aber ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe. „Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten", sagt Bernhard Hemmer: „Auch aus anderen Studien wissen wir, dass MS-Erkrankte lange vor der Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig sind. Sie leiden zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder. All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist. Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren. Das sehen wir als eine unserer wichtigsten Aufgaben."
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.08.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung der Technischen Universität München vom 31.07.2019: Impfungen kein Risikofaktor für Multiple Sklerose
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