Alkoholismus schädigt das Gehirn auch nach Entzug

Die Schäden, die eine Alkoholsucht am Gehirn verursacht, schreiten noch mindestens sechs Wochen nach einem Entzug fort, fand eine Studie heraus. Außerdem können dauerhafte Schäden viel früher als bislang bekannt auftreten.

Flasche Alkohol © iStock
(Mannheim – 24.05.2019) Wer nach schwerem und langanhaltendem Alkoholkonsum eine Entzugskur beginnt, leidet noch eine ganze Weile unter den Folgeerscheinungen seiner Krankheit. Ein Forscherteam des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und des Instituto de Neurociencias de Alicante (Spanien) konnte nachweisen, dass alkoholbedingte Schädigungen im Gehirn noch für mindestens sechs Wochen fortschreiten, auch wenn der Betroffene in der Zwischenzeit völlig abstinent war.

Bisher war man davon ausgegangen, dass sich alkoholbedingte Schäden schnell zurückbilden, wenn man mit dem Trinken aufhört. Von den Schädigungen betroffen ist vor allem die weiße Substanz des Gehirns. Sie spielt eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnisbildung und besteht überwiegend aus Nervenfasern, die verschiedene Bereiche des Gehirns verbinden.

Studie: Veränderungen im Nervengewebe nach Alkoholentzug

In der nun veröffentlichten Studie untersuchten die Forscher bei mehr als 90 Patienten die Veränderung im Nervengewebe nach dem Alkoholentzug. Dazu nutzten sie eine spezielle Methode der Magnetresonanztomographie (MRT), durch die Diffusionsvorgänge, also die Verteilung, von Wassermolekülen im Gehirn, dargestellt werden können. Damit können die Forscher Veränderungen in der Mikrostruktur der weißen Substanz des Gehirns erkennen. Bei den Patienten konnten auf diese Weise ausgedehnte mikrostrukturelle Schädigungen nachgewiesen werden.

Mögliche Ursache für hohe Rückfallquote

Die Forscher stellten nun fest, dass die Schädigungen selbst über einen Zeitraum von mindestens sechs Wochen nach der Entgiftung noch fortschreiten. Die Forscher glauben, dass dies durch eine alkoholbedingte Entzündungsreaktion im Gehirn verursacht werden könnte. Diese Reaktion könnte auch für die hohe Rückfallrate von Patienten, insbesondere während der frühen Phase der Abstinenz, eine Rolle spielen.

Alkohol als Ursache der Hirnveränderungen

Um Alkohol als den ursächlichen Faktor der beobachteten Hirnveränderungen feststellen zu können, untersuchten die Forscher mit der gleichen Methodik eine Gruppe von Ratten. „Die Tiere zeigten im MRT genau die gleichen Hirnveränderungen wie die Patienten. Dies erlaubt es, den Ursachenzusammenhang klar festzustellen, was allein durch klinische Beobachtungen am Patienten nicht möglich gewesen wäre", sagt Prof. Dr. Wolfgang Sommer, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychopharmakologie und Oberarzt an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Andere Einflussfaktoren wie Rauchen, Ernährung, Schweregrad des Entzugs oder weitere Erkrankungen und geistige Einschränkungen konnten die Forscher so ausschließen.

Dauerhafte Schäden können viel früher auftreten als angenommen

„Die im Vergleich zu Menschen kurze und eher gemäßigte Trinkperiode der Tiere deutet darauf hin, dass permanente Gehirndefizite nach übermäßigem Alkoholkonsum viel früher auftreten können, als derzeit angenommen“, sagt Prof. Sommer. Da sich solche frühen Anzeichen von Gehirnschädigungen durch übermäßigen Alkoholkonsum mit Hilfe von Standard-MRT-Aufnahmen nicht erkennen lassen, arbeitet das Forscherteam nun an der Entwicklung einer MRT-basierten Screening-Methode zum Nachweis der Schädigung. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen zudem, wie wichtig langfristige Abstinenzperioden sind, um bleibende Schäden zu verhindern.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 24.05.2019
  • Autor/in: vitanet.de; Kristina Wagenlehner
  • Quellen: Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit vom 05.04.2019: Alkoholbedingte Hirnschäden schreiten während Abstinenz weiter fort
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