Neue Behandlungsmöglichkeit für viele Schlaganfallpatienten

Bisher galt: Eine Thrombolyse wird bei Schlaganfallpatienten nur durchgeführt, wenn der Symptombeginn bekannt ist und nicht länger als 4,5 Stunden zurückliegt.Nun zeigt eine Studie, dass, auch wenn der Zeitpunkt des Schlaganfalls unbekannt ist, diese Therapie helfen kann.

Mann hält sich Kopf © iStock
(Hamburg-Eppendorf – 11.06.2018) Die von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) geleitete Studie „WAKE-UP“ hat erstmals gezeigt, dass auch Patienten, die im Schlaf einen Schlaganfall erleiden und die Symptome erst nach dem Aufwachen am nächsten Morgen feststellen, von einer sogenannten Thrombolyse profitieren können. Die Wiedereröffnung des verstopften Blutgefäßes im Gehirn durch ein Medikament ist bisher nur möglich, wenn der Symptombeginn bekannt ist und nicht länger als 4,5 Stunden zurückliegt.

Schlaganfall: Ursache und Therapie durch Thrombolyse

Schlaganfall ist – in der westlichen Welt – die zweithäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für bleibende Behinderung im Erwachsenenalter. Ursache ist in der Regel der Verschluss eines Blutgefäßes im Gehirn (Ischämie) durch ein Blutgerinnsel (Thrombus). In der Folge stirbt das durch das verschlossene Gefäß versorgte Hirngewebe ab. Das Blutgerinnsel kann medikamentös durch die Behandlung mit einer Thrombolyse aufgelöst werden. Geschieht das rechtzeitig, können bleibende neurologische Symptome oder eine Behinderung verhindert werden.  

Die intravenöse Thrombolyse mit dem Wirkstoff Alteplase ist eine effektive und sichere Akutbehandlung für den ischämischen Schlaganfall, wenn der Therapiebeginn innerhalb der ersten 4,5 Stunden nach Symptombeginn erfolgt. „Bei rund 20 Prozent aller Patienten mit akutem Schlaganfall ist der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns jedoch unbekannt, etwa weil die Symptome erst beim morgendlichen Erwachen bemerkt werden oder weil Patienten unbeobachtet einen Schlaganfall erleiden und aufgrund von Sprachstörungen keine Auskunft über den Symptombeginn geben können“, sagt Prof. Dr. Thomalla, Erstautor der Studie und Leitender Oberarzt in der Klinik für Neurologie des UKE. Diese Gruppe von Betroffenen kam bislang aufgrund des fehlenden Wissens um das Zeitfenster für eine Thrombolyse nicht in Frage.

„Zunahme von 11,5 Prozent, die den Schlaganfall ohne Behinderung überstanden haben.“

Mittels MRT-Diagnostik wurden für die WAKE-UP-Studie 503 geeignete Personen mit akutem ischämischem Schlaganfall und unbekanntem Zeitpunkt des Symptombeginns im Alter von 18 bis 80 Jahren ausgewählt. Sie wurden entweder mit dem Wirkstoff Alteplase oder einem Scheinmedikament (Placebo) behandelt. „Nach 90 Tagen war das klinische Ergebnis in der mit Alteplase behandelten Gruppe signifikant besser als in der Placebogruppe“, sagt Prof. Dr. Thomalla. So erreichten 53,3 Prozent der mittels Thrombolyse behandelten Patienten ein sehr gutes klinisches Ergebnis – bei Patienten, die mit einem Placebo behandelt wurden, waren das nur 41,8 Prozent. „Das entspricht einer absoluten Zunahme von Patienten, die den Schlaganfall ohne Behinderung überstanden haben, von 11,5 Prozent.“, so Prof. Dr. Thomalla. Patienten in der Alteplasegruppe hatten eine um 62 Prozent höhere Chance, drei Monate nach dem Schlaganfall geringere neurologische Symptome oder Behinderungen zu haben als die Patienten der Placebogruppe. Auch in der Selbsteinschätzung – hinsichtlich Gesundheitszustand und Lebensqualität nach drei Monaten – hatten die Patienten in der Alteplasegruppe signifikant profitiert.

Auswirkungen auf die Behandlung von Schlaganfallbetroffenen

„Das positive Ergebnis der Studie ist ein großer Schritt zur weiteren Verbesserung der Behandlung von Schlaganfallpatienten, da die Studie die Möglichkeit eröffnet, eine große Zahl von Patienten mit einer Thrombolyse zu behandeln, die bisher davon grundsätzlich ausgeschlossen waren“, sagt Prof. Dr. Thomalla. Auch Prof. Dr. Christian Gerloff, Direktor der Klinik für Neurologie und Stellvertretender Ärztlicher Direktor des UKE, schätzt die Bedeutung der Studie ausgesprochen hoch ein. Er sagt: „Diese Studienergebnisse werden einen direkten Effekt auf die klinische Praxis der Schlaganfallbehandlung haben. Auf der Basis der Studienergebnisse werden wir in Zukunft bei vielen Schlaganfallpatienten eine bleibende Behinderung abwenden können.“

Hintergrundinformationen zur Studie

Ziel der Studie war der Nachweis der Effektivität und Sicherheit der MRT-basierten Thrombolyse mit dem Wirkstoff Alteplase bei Patienten, die Schlaganfallsymptome beim Erwachen bemerkt haben oder bei denen aus anderen Gründen der Zeitpunkt des Schlaganfalls unbekannt war. Das klinische Ergebnis wurde 90 Tage nach Schlaganfall anhand etablierter neurologischer Skalen beurteilt. Der primäre Endpunkt war dabei der Anteil der Patienten ohne neurologische Symptome beziehungsweise mit minimalen neurologischen Symptomen ohne Behinderung. Die Studienergebnisse wurden ebenso bei der European Stroke Organisation Conference in Göteborg präsentiert und im Fachmagazin New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 11.06.2018
  • Autor/in: vitanet.de; kw
  • Quellen: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vom 16.05.2018: UKE-Studie eröffnet neue Behandlungsmöglichkeit für viele Schlaganfallpatienten.
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