Hilfe bei Angst- und Panikstörungen

Das Herz rast, die Hände zittern – Todesangst! Panikattacken kommen meist plötzlich und beeinträchtigen das Leben der Betroffenen der massiv. Welche Therapien bei Panikstörungen helfen.

Frau mit Depression © iStock
(Berlin – 08.03.2018) Angelika B. fasst sich an die Brust. Ihr Herz klopft. Sie schwitzt und bekommt keine Luft. Der Mund ist trocken. Mit zittrigen Händen knöpft sie ihre Jacke auf. Es ist Samstagvormittag. Die 36-jährige Frau steht in der Strumpfabteilung eines Kaufhauses. Um sie herum drängen sich die Menschen. Auf einmal kribbeln ihre Beine und drohen zu versagen. Im Magen macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Angelika B. taumelt auf eine Verkäuferin zu. „Rufen Sie den Notarzt“, presst sie hervor, „mit meiner Pumpe stimmt etwas nicht.“

Bis zu zwanzig Panikattacken im Monat

Angelika B. leidet an einer Panikstörung, eine der häufigsten Angsterkrankungen. Die Betroffenen haben bis zu zwanzig Panikattacken im Monat, manche sogar mehrere am Tag. „Dabei treten die körperlichen Symptome alle gleichzeitig auf“, erklärt Professor Borwin Bandelow von der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung, „und zwar innerhalb von Millisekunden.“ Eigentlich ist das ganz normal. Droht Gefahr, startet der Mandelkern, der im evolutionsbiologisch Jahrmillionen alten Stammhirn liegt, ein Notfallprogramm. In Bruchteilen von Sekunden bereitet es den Körper auf Flucht- oder Kampf vor. Das Problem: „Bei den Betroffenen setzt es ein, auch wenn sie nicht in einer bedrohlichen Situation sind, – als würden in einem Auto die Airbags losgehen, obwohl es auf dem Parkplatz steht.“ Die meisten Menschen mit einer Panikstörung haben zusätzlich eine Agoraphobie. Sie werden zum Beispiel in Menschenmengen, engen Räumen oder Fahrstühlen von Angstanfällen überwältigt. Andere trifft es aus heiterem Himmel, wenn sie gemütlich auf dem Sofa sitzen, mit Freunden reden oder spazieren gehen.

Ursachen von Panikstörungen: Gene und belastende Lebensereignisse

Doch wie kommt es zu der peinigenden Angst? „Zu rund 50 Prozent ist die Erkrankung vererbt“, sagt der Göttinger Psychiater. Den übrigen Teil machen psychosoziale Faktoren aus: Manchmal sind Menschen mit einer Panikstörung in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden, ihre Eltern haben sich getrennt oder sind verstorben. „Die Erziehung der Eltern spielt dagegen nur eine sehr geringe Rolle bei Panikstörungen.“ Auch belastende Lebensereignisse, wie eine Trennung zum Beispiel, die noch nicht lange zurück oder noch in der Luft liegen, können ebenfalls eine Panikstörung verschlimmern.

Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie

Wissenschaftler vermuten, dass bei den Betroffenen die Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten. Mit Arzneien beispielsweise, die dafür sorgen, dass mehr Serotonin – auch bekannt als Glückshormon – für die Hirnzellen zur Verfügung steht, lassen sich Panikstörungen gut behandeln. Sie reichen aber nicht aus, um der Panik vollends zu entkommen. „Nach dreißig Jahren Erfahrung empfehle ich eine Kombination von Medikamenten und Psychotherapie“, betont der Experte. In der Kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen unter anderem, sich ihrer Angst in den furchtauslösenden Situationen zu stellen. „Das evolutionsgeschichtlich uralte Stammhirn versteht keine Worte“, erklärt Professor Bandelow, „es muss durch Handlungen lernen, dass keine Gefahr droht.“ Mit professioneller Hilfe hat es Angelika B. geschafft. Sie geht zwar immer noch nicht gern samstags einkaufen, aber sie hat keine Angst mehr, wenn es doch einmal sein muss.

Hintergrund: Welche Angststörungen gibt es?

Es gibt verschiedene Angsterkrankungen. Die Symptome können von Mensch zu Mensch variieren und auch sehr verschieden ausgeprägt sein. Ein Überblick über die häufigsten Angststörungen:
  • Panikstörung
    Die Betroffenen werden von plötzlichen Panikattacken überfallen. Sie haben auf einmal massive Angst, ihr Herz rast, schlägt unregelmäßig, sie zittern und schwitzen. Die Angst schnürt ihnen die Kehle zu. „Ich habe jedes Mal Angst, ihn Ohnmacht zu fallen oder zu ersticken“, sagt eine von ihnen. Viele fürchten, die Kontrolle zu verlieren, wahnsinnig zu werden oder zu sterben. Die Panikattacken können aus heiterem Himmel auftreten, aber auch nur in speziellen Situationen oder an bestimmten Orten. Das in den meisten Fällen so; sie haben zusätzlich eine Agoraphobie.
  • Agoraphobie
    Wenn Menschen Angst haben, zum Beispiel in Bus, Bahn oder Flugzeug zu reisen, einen Fahrstuhl zu betreten, im Supermarkt einzukaufen oder wegen der vielen Menschen ein Konzert zu besuchen, leiden sie an einer Agoraphobie, die häufig mit einer Panikstörung einhergeht.
  • Generalisierte Angststörung
    Ständige Sorgen, auch wenn dafür kein Grund besteht, quälen die Betroffenen. Sie leben in ständiger Anspannung und Furcht, dass zum Beispiel sie selbst, Angehörige oder Freunde schwer erkranken, einen Unfall erleiden, sie verarmen oder eine Katastrophe eintreten könnte. Wie Menschen mit einer Panikstörung leiden auch sie an den körperlichen Symptomen wie etwa Herzklopfen, Zittern und Schwindel, allerdings dauerhaft. Sie sind unkonzentriert, die Muskeln verkrampft, gereizt und können nur schwer einschlafen.
  • Soziale Phobie
    Kennzeichen dieser Erkrankung ist, Situationen zu vermeiden, in denen man fürchtet, sich zu blamieren oder von anderen negativ beurteilt zu werden. Sich in einem Meeting zu Wort zu melden, vor Gericht als Zeuge auszusagen, Behördengänge, einem Mann/einer Frau zu begegnen, löst bei den Betroffenen Angst aus. Sie erröten häufig, ihre Hände zittern, das Herz schlägt bis zum Hals, ihnen ist übel, die Blase drückt, die Beine sind weich. Die Folge: Sie vermeiden den Kontakt mit anderen Menschen, was bis hin zur sozialen Isolation führen kann.
  • Spezifische Phobie
    Den Menschen jagen beispielsweise Katzen, Mäuse, Vögel oder Spinnen, furchtbare Angst ein. Ihre Angst kann sich aber auch auf tiefes Wasser, hohe Berge, Gewitter, Dunkelheit, den Arztbesuch oder Injektionen beziehen. Das heißt, sie fürchten sich vor einem bestimmten Objekt oder einer ganz speziellen Situation.

Wichtig zu wissen

Info
Betroffene sind der Angst nicht hilflos ausgeliefert. Sich die Angsterkrankung eingestehen, sich belesen, von seinem Hausarzt einen Psychiater für Beratung und Behandlung empfehlen zu lassen, sind entscheidende Schritte, um der Furcht die Macht zu nehmen. Rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen kriegen die krankhafte Angst mit professioneller Hilfe in den Griff. Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson können – nach Absprache mit dem Arzt – dazu beitragen. Regelmäßiger Ausdauersport wappnet ebenfalls gegen die Angst.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 08.03.2018
  • Autor/in: vitanet.de; Anja Dolski
  • Quellen: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN); Themendienst zum Hauptstadtsymposium: Deutschland – ein Ort der Angst?
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