Musik und Berührung

Forscher konnten zeigen: Je betörender wir die Musik finden, die wir gerade hören, desto verführerischer nehmen wir Berührungen wahr.

Mann und Frau berühren sich © iStock
(Leipzig – 06.09.2017) Musik berührt – was bisher eher im übertragenen Sinne gemeint war, kann für bestimmte Musikstücke offenbar auch wörtlich genommen werden: Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) haben herausgefunden, dass wir eine Berührung unterschiedlich wahrnehmen – je nachdem, welche Musik wir in dem Moment hören. Je betörender wir diese Musik empfinden, desto sinnlicher nehmen wir auch die Berührung war – selbst wenn wir wissen, dass wir statt von einem Menschen von einem Roboter berührt werden.

Je betörender die Musik, desto verführerischer die Berührungen

Zu dieser Erkenntnis gelangten die Neurowissenschaftler mithilfe von inkognito-Berührungen. Dabei ließen sie Studienteilnehmer ihren Unterarm durch einen Vorhang strecken und dahinter mit einer genau kontrollierten Bewegung durch einen Pinselroboter streicheln. Gleichzeitig hörten die Teilnehmer verschiedene Musikstücke, die sie hinterher selbst auf einer Skala zwischen „überhaupt nicht sexy“ bis „extrem sexy“ eingeordnet hatten.

Das Interessante dabei: Selbst als die Probanden vor dem Experiment erfuhren, dass sie nicht von einem echten Menschen, sondern von einem Roboter gestreichelt werden, beeinflusste die Musik, wie sexy die Berührung wahrgenommen wurde. Dieser Roboter – ein automatisch gesteuerter Pinsel – sollte zum einen die Berührung in ihrer Länge und Intensität kontrollieren. Gleichzeitig konnte dessen Einsatz auch zeigen, dass die beobachteten sogenannten Transfereffekte von Musik auf Berührung auf sehr basalen Mechanismen beruhen müssen – und nicht etwa auf der Vorstellung, von einer Person eines bestimmten Geschlechts und Attraktivitätslevels, die der gleichen verführerischen Musik lauscht, berührt zu werden.

Einen aggressiven Klang verarbeitet das Gehirn wie eine aggressive Berührung

„Musik scheint unsere Wahrnehmung von mechanischen Berührungsreizen zu verändern. Bestimmte Merkmale der Musik scheinen sich also auf den Berührungsreiz zu übertragen“, so Studienleiter Tom Fritz. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass der emotionale Ausdruck einzelner musikalischer Klänge der gleichen Dynamik folgt wie der einer Berührung. Ein trauriger Klang wird somit in Bezug auf ihren Rhythmus ähnlich verarbeitet wie eine traurige Berührung, ein aggressiver Klang wie eine aggressive Berührung. Dementsprechend greifen wir zur genaueren Verarbeitung von Musik auf Bereiche im Gehirn zu, die sowohl für Berührung als auch Bewegung zuständig sind.

Solche Transfereffekte, bei denen sich Sinneswahrnehmungen entsprechend der Musik verändern, wurden auch schon in anderen Bereichen festgestellt. So entscheiden wir uns etwa für sattere, leuchtendere Farben, je lauter die Musik ist, die wir gerade hören.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen auch, welche evolutionäre Bedeutung Musik als soziale Technologie hat“, sagt der Neurowissenschaftler. Indem sie je nach Musikstück unsere Interpretation von Berührung und anderen Sinneseindrücken beeinflusst, lenkt sie auch unser Verhalten in Gruppen und damit letztlich sogar potenziell unsere sexuelle Selektion und unsere Fortpflanzung.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 06.09.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften: Schuld war nur der Bossa Nova: Wie Musik unsere Wahrnehmung von Berührung verändert
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