Innere Uhr außer Takt

Wer an Schizophrenie leidet, hat ein anderes Zeitgefühl als gesunde Menschen. Das zeigt die Untersuchung mehrerer Studien.

Frau schaut auf viele Uhren © iStock
(Mainz – 06.06.2017) An Schizophrenie erkrankte Menschen haben ein anderes Zeitgefühl als gesunde: Die Wahrnehmung einer Zeitdauer schwankt bei schizophrenen Menschen stärker. Außerdem können sie zeitliche Abfolgen weniger präzise beurteilen. Das ergab eine Metastudie von Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Für ihre Untersuchung haben sie 68 internationale Veröffentlichungen aus den vergangenen 65 Jahren herangezogen und so die Daten von 957 Schizophreniepatienten mit 1.060 gesunden Kontrollpersonen verglichen.

Obwohl das Krankheitsbild der Schizophrenie schon seit Langem bekannt ist, ist der genaue Zusammenhang zwischen kognitiven und neurologischen Beeinträchtigungen auf der einen Seite und den Symptomen der Patienten auf der anderen Seite nach wie vor unklar. Eine gängige Theorie in der Schizophrenieforschung geht davon aus, dass dem Krankheitsbild Fehler in der zeitlichen Informationsverarbeitung zugrunde liegen könnten und es auf diese Weise zu den bekannten Symptomen wie Halluzinationen (­­­beispielsweise Stimmenhören) oder einem Auseinanderfallen von Handlungen und Gedanken kommt. Die Psychologen haben in der Metastudie untersucht, ob die theoretisch angenommene Störung von Zeitwahrnehmung und zeitlicher Verarbeitung bei Schizophreniepatienten tatsächlich vorliegt.

Unter „Zeitwahrnehmung“ wird in der Mainzer Metastudie die Beurteilung eines Zeitraums verstanden – zum Beispiel schätzten die Probanden, für wie viele Sekunden ein Quadrat auf einem Bildschirm zu sehen ist. Der Begriff „zeitliche Verarbeitung“ erfasst die Abfolge von Ereignissen – die Probanden beurteilten hier etwa, ob zuerst ein blaues und dann ein rotes Quadrat zu sehen war oder umgekehrt.

Bei Schizophrenie tickt die innere Uhr nicht im Rhythmus

Deutlich beeinträchtigt ist bei schizophrenen Menschen laut der psychologischen Studie die Präzision der Zeitwahrnehmung und der zeitlichen Verarbeitung. Das heißt, ihre Schätzungen waren im Vergleich zu der nicht erkrankten Kontrollgruppe viel variabler. Ein Beispiel: Sollte die Dauer der Präsentation eines Quadrats, das jeweils für eine Sekunde auf dem Bildschirm erscheint, 20-mal nacheinander geschätzt werden, wiesen die Schätzungen der Schizophreniepatienten wesentlich größere Schwankungen auf als die der Kontrollgruppe. Der Durchschnittswert – also die mittlere Schätzung in Sekunden – war jedoch bei beiden Gruppen gleich groß.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die innere Uhr bei Schizophrenie nicht unbedingt schneller oder langsamer tickt, sondern dass sie nicht konstant tickt: Der Rhythmus ist ungleichmäßig, so die Wissenschaftler. Die Probleme bei der Beurteilung von zeitlichen Abfolgen könnten aber auch unabhängig vom allgemeinen Zeitempfinden mit grundlegenden kognitiven Defiziten bei Schizophrenie zusammenhängen. „Man geht heute davon aus, dass die Verarbeitungsprozesse bei Schizophrenie beeinträchtigt sind, dass die Informationsübertragung im Gehirn etwas aus dem Takt geraten ist“, erklärt Oberfeld-Twistel vom Psychologischen Institut der JGU. Das könnte ein Grund sein, weshalb eine klare zeitliche Abfolge nicht als solche wahrgenommen wird.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 06.06.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Innere Uhr aus dem Takt: Unregelmäßige Zeitwahrnehmung bei Schizophrenie
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