Botox gegen Schmerzen

Chronische Schmerzen durch Nervenschädigungen oder -erkrankungen belasten Betroffene sehr. Doch eine Studie zeigt: Eine Behandlung mit Botox könnte ihnen helfen.

(Berlin – 22.07.2016) Chronische neuropathische Schmerzen belasten allein in Deutschland Millionen Patienten – bei begrenzten therapeutischen Möglichkeiten. „Viele Patienten vertragen die gängigen Medikamente zur symptomatischen Therapie nicht oder haben Kontraindikationen“, sagt Prof. Claudia Sommer aus der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Würzburg. Sie ist Co-Autorin einer aktuellen klinischen Studie, in der Botulinumtoxin A – umgangssprachlich Botox – als wirksame und sichere Alternative für diese Patienten vorgeschlagen wird. In der Untersuchung konnten wiederholte subkutane Injektionen des Nervengifts die Schmerzintensität reduzieren.

Die Schmerzen entstehen durch Nervenschädigung oder -erkrankung

Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigung oder Erkrankung von Nervenstrukturen, die Körperwahrnehmungen an das Gehirn weiterleiten. Die lädierten Nerven entwickeln eine Eigenaktivität und senden elektrische Impulse ans ZNS, die dort als Schmerz wahrgenommen werden. Der chronisch neuropathische Schmerz ist meistens die Folge einer anderen chronischen Krankheit: Häufig betroffen sind zum Beispiel Patienten mit Diabetes mellitus, Nervenverletzungen, amputierten Gliedmaßen oder Rückenmarksverletzungen. Die Erkrankten quälen brennende Dauerschmerzen und spontan einschießende Schmerzattacken. Viele beschreiben ein Taubheitsgefühl in der betroffenen Region, gleichzeitig kann schon eine leichte Berührung wehtun. Das geht auf Kosten des Schlafs und der Lebensqualität und führt häufig zur Arbeitsunfähigkeit.

Botox hat sich in den vergangenen Jahren in der Neurologie bewährt

Botulinumtoxin A – kurz Botox – ist vielen als Lifestylemedikament zur Faltenbehandlung bekannt. Das Nervengift hat sich in den vergangenen Jahren aber auch für zahlreiche Anwendungen in der Neurologie bewährt. Laut den im April veröffentlichten Leitlinien der amerikanischen neurologischen Fachgesellschaft American Academy of Neurology zählen dazu Spastik nach Schlaganfall, Rückenmarks- und Nervenverletzungen, Verkrampfungen und Fehlhaltungen bei Dystonie oder der Blepharospasmus, ein willkürlich nicht zu beherrschender Lidkrampf. Unabhängig von seinem muskellähmenden Effekt wirkt Botulinumtoxin schmerzlindernd. Seit 2011 ist es in Deutschland für die Therapie chronischer Migräne zugelassen. Zur schmerzlindernden Wirkung von Botulinumtoxin A bei neuropathischen Schmerzen fehlten allerdings bisher Daten mit guter Evidenz.

Alternative Therapieoptionen notwendig

Wenn Nerven Schmerzen verursachen, bringt das auch die behandelnden Ärzte immer wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. „Unsere Behandlungsoptionen sind derzeit leider unbefriedigend“, sagt Sommer. „Es gibt viele Patienten mit chronischen neuropathischen Schmerzen durch periphere Nervenläsionen oder Polyneuropathien, die die gängigen Medikamente zur symptomatischen Therapie nicht vertragen oder Kontraindikationen haben“, so die Expertin. „Für diese Patienten bräuchten wir dringend eine wirksame Alternative.“

Subkutane Injektionen ins schmerzende Areal

Eine im Mai im Fachmagazin Lancet Neurology veröffentlichte Studie, an der Prof. Sommer als Co-Autorin mitgewirkt hat, rückt Botulinumtoxin A als mögliche Alternative in den Fokus. Die Studienteilnehmer hatten seit mindestens sechs Monaten täglich neuropathische Schmerzen, überwiegend in Hand oder Unterarm beziehungsweise Fuß oder Knöchel. Bei den meisten war der Schmerz Folge eines Traumas oder einer Operation.  

Etwa die Hälfte der Probanden erhielt Botulinumtoxin-A-Injektionen in die schmerzende Körperregion. Die Ärzte spritzten im Abstand von eineinhalb bis zwei Zentimetern je fünf Einheiten Botulinumtoxin A unter die Haut. Nach zwölf Wochen wurde das Procedere wiederholt. Die Placebogruppe bekam entsprechende Kochsalzinjektionen.

Deutlich weniger Schmerzen

„Wir konnten zeigen, dass Botulinumtoxin A die Schmerzintensität – verglichen mit Placebo – signifikant reduziert“, erklärt Sommer. Der von den Probanden berichtete Schmerzgrad auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (maximal vorstellbarer Schmerz) fiel in der Botulinumtoxin-A-Gruppe von 6,5 Punkten vor der Behandlung auf 4,6 Punkte in Woche 24 – also zwölf Wochen nach der zweiten Botulinumtoxin-Gabe. In der Placebogruppe sank der mittlere Schmerzgrad nur geringfügig von 6,4 auf 5,8 Punkte. Der Effekt war anhaltend. Eine zweite Gabe von Botulinumtoxin verstärkte den schmerzlindernden Effekt.  

Patienten mit Allodynie, denen schon leichte, für gesunde Menschen völlig harmlose Berührungen wehtun, sprachen besonders gut auf die Botulinumtoxin-Injektionen an. Abgesehen von Schmerzen bei der Injektion dokumentierten die Ärzte keine unerwünschten Wirkungen.

Therapie noch nicht zugelassen

Noch sei es allerdings zu früh, um Botulinumtoxin A im klinischen Alltag gegen neuropathische Schmerzen einzusetzen, sagt Prof. Hans- Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): „Die Therapie ist derzeit noch nicht zugelassen und kann nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Die Anwendung sollte auch nach einer eventuellen Zulassung auf Spezialsprechstunden für Botox und große neurologische Kliniken beschränkt bleiben.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 22.07.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Aktuelle Studie: Botulinumtoxin A, eine therapeutische Alternative gegen neuropathische Schmerzen
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