Trauma nach Brustkrebs

Viele Patientinnen leiden nach der Diagnose Brustkrebs unter posttraumatischen Belastungssymptomen – oft noch ein Jahr danach.

Besorgte Frau © Thinkstock
(München – 04.03.2016) Die Diagnose Brustkrebs kann posttraumatische Belastungssymptome auslösen. Wie eine Studie des Brustzentrums der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München nun zeigt, sind diese bei der Mehrheit der Frauen noch ein Jahr nach der Diagnose messbar. Im Rahmen der Studie Cognicares hat das Team um Dr. Kerstin Hermelink und ihre Doktorandin Varinka Voigt mehr als 160 Brustkrebspatientinnen über einen Zeitraum von einem Jahr wissenschaftlich begleitet und mit 60 Frauen ohne eine Krebsdiagnose verglichen. Zu drei Zeitpunkten wurden alle Teilnehmerinnen auf Symptome posttraumatischer Belastung untersucht.

Seelische Belastung durch die Krankheit hält lange an

82,5 Prozent aller Patientinnen zeigten vor Beginn der Behandlung posttraumatische Belastungssymptome wie ständige, unabweisbare Gedanken an die Erkrankung, das Gefühl emotionaler Taubheit, große Reizbarkeit mit Wutausbrüchen und übermäßige Schreckhaftigkeit. Ein Jahr später hatten zwar nur wenige Patientinnen (zwei Prozent) eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, aber mehr als die Hälfte (57,3 Prozent) litt noch immer unter posttraumatischen Symptomen.  

„Es ist bemerkenswert, dass die hohe seelische Belastung durch die Erkrankung über einen so langen Zeitraum bestehen bleibt“, sagt Hermelink. Wie schwer die Diagnose Krebs wiegt, zeigt auch ein Vergleich mit anderen Auslösern von Traumata: Von den Patientinnen, die bereits vor ihrer Erkrankung und Diagnose ein anderes Trauma erlebt hatten, etwa durch einen schweren Unfall oder einen gewalttätigen Angriff, hielten 40 Prozent die Diagnose Brustkrebs für die schlimmere Erfahrung.  

„Cognicares ist eine der ganz wenigen Längsschnittstudien, die es zu traumatischen Störungen nach der Diagnose Brustkrebs gibt“, so Hermelink. Die Daten basieren nicht auf Selbstauskunft, sondern wurden mithilfe eines diagnostischen Interviews von Psychologen erhoben. Untersucht wurden nur Patientinnen ohne Metastasen, die also berechtigte Hoffnung auf eine Heilung haben konnten. Zudem wurden Frauen mit psychischen Vorerkrankungen und fehlenden Deutschkenntnissen ausgeschlossen. „Wir gehen daher davon aus, dass unsere Daten die Verbreitung posttraumatischer Belastungssymptome bei Brustkrebspatientinnen und gesunden Frauen eher unterschätzen“, sagt die Wissenschaftlerin.

Manche Patientinnen leiden länger

Die Forscher haben in ihren Daten nach Einflussfaktoren gesucht, warum nicht alle Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome entwickelten und warum die Belastung bei einigen länger anhielt. „Einen Einfluss der Operationsart oder einer Behandlung mit Chemotherapie konnten wir nicht nachweisen. Dagegen zeigte sich deutlich, dass Bildung einen günstigen Effekt hat. Offenbar ist Bildung ein Marker für Ressourcen, die es erlauben, sich schneller wieder von der psychischen Belastung durch eine Krebsdiagnose zu erholen“, erklärt Hermelink.  

Die Studienergebnisse sind auch vor dem Hintergrund interessant, dass das Klassifikationssystem DSM, das in der Psychiatrie als Leitfaden für Diagnosen verwendet wird, seit dem Jahr 2013 lebensbedrohliche Erkrankungen nicht mehr als potenzielle Auslöser für Traumata aufführt. „Vor dem Hintergrund unserer Studienergebnisse und meiner Erfahrungen aus der Arbeit mit Brustkrebspatientinnen als Psychoonkologin halte ich das für falsch“, sagt Hermelink. „Ärzte sollten sich bewusst sein, dass nach einer Brustkrebsdiagnose ein Großteil der Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome entwickelt und eine entsprechende Unterstützung benötigt.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 04.03.2016
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München: Brustkrebs – Traumatische Diagnose
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