Depressiv im Wochenbett

Manche Frauen verspüren nach einer Geburt keine Freude – sie leiden an einer Wochenbettdepression. Welche Anzeichen es dafür gibt.

Depressive Frau mit ihrem Baby © Thinkstock
(Berlin – 04.09.2015) In manchen Fällen löst die Geburt eines Kindes bei Müttern keine Glücksgefühle aus, sondern kann den Beginn von psychischen Problemen einleiten. Bei etwa zehn bis 15 Prozent aller Mütter kommt es nach der Entbindung zu einer sogenannten Wochenbettdepression beziehungsweise postnatalen Depression. Sie entwickelt sich meist sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt, kann mehrere Monate anhalten und im Einzelfall auch schwer ausgeprägt sein. Ein großer Teil der betroffenen Mütter zeigt schon während der Schwangerschaft Frühsymptome einer Depression.

Anzeichen für eine Wochenbettdepression

„Eine Wochenbettdepression kann akut oder schleichend auftreten. Charakteristische Symptome sind unter anderem ein anhaltender Erschöpfungszustand, wenig Appetit, Niedergeschlagenheit sowie Antriebsmangel und Freudlosigkeit. Es können auch Angstzustände vorkommen. Oft werden solche Beschwerden von den Müttern sowie von den Angehörigen lediglich als eine Begleiterscheinung infolge der Belastung durch die neue Lebenssituation angesehen, aber nicht als Erkrankung wahrgenommen“, berichtet Prof. Dr. Sabine C. Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

„Bei vielen betroffenen Frauen kommt es zu Grübelgedanken, zu Versagens- und Schuldgedanken, die sich meist auf das Kind und die Mutterschaft beziehen. Einschießende Gedanken, sich oder dem Kind etwas anzutun, weil man nicht mehr weiter weiß, finden sich zuweilen auf dem Höhepunkt der Erkrankung und sind besonders quälend.“ Problematisch ist dabei, dass sich die Mütter oft schämen, über ihre Ängste und Beschwerden zu sprechen. Daher sollten der Partner oder andere nahe stehenden Menschen auf die Betroffene zugehen, Gespräche anbieten und sie dazu ermutigen und unterstützen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Betroffene Mütter sollten unbedingt Kontakt mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufnehmen, wenn sie länger als zwei Wochen unter den Symptomen leiden oder auch, wenn die Beziehung zum Kind gestört ist.

Postnatale Depression oder Baby Blues?

Unterschieden werden muss die postnatale Depression von den sogenannten Heultagen beziehungsweise dem Baby Blues, der meist kurz nach der Entbindung in den ersten drei bis fünf Tagen auftritt. „Heultage kennzeichnen sich durch rasche Stimmungswechsel, eine hohe emotionale Empfindlichkeit und die Neigung zum Weinen. Der entscheidende Unterschied zu einer Depression ist, dass die Beschwerden nach wenigen Tagen vorübergehen und insofern die Beziehung von Mutter und Kind nicht gefährden“, erklärt Prof. Herpertz.

Postnatale Depressionen bergen hingegen die Gefahr einer Bindungsstörung und gehen mit dem Risiko von langfristigen Entwicklungsstörungen beim Kind einher. Im Rahmen einer Therapie muss daher nicht nur die Mutter, sondern auch die gestörte Beziehung zum Kind behandelt werden. „Eine sofortige Psychotherapie mit Bindungsarbeit sowie die Aufklärung der Mutter über Scham- und Schuldgefühle, die als typische Begleiterscheinungen der depressiven Erkrankung aufzufassen sind, sind die ersten Maßnahmen der Behandlung. Eine Therapie kann meist ambulant erfolgen, in schweren Fällen allerdings sind stationäre Aufenthalte notwendig. Neben psychotherapeutischen und gegebenenfalls medikamentösen Maßnahmen werden die Bedürfnisse der Mütter abgeklärt, um individuelle Hilfsmaßnahmen wie beispielsweise eine Entlastung im Haushalt oder Hebammenhilfe anpassen zu können“, so die Expertin. Zudem ist es wichtig, den Partner und die Angehöriger mit einzubeziehen, um gegebenenfalls bestehende familiäre und partnerschaftliche Konflikte zu bearbeiten und Chancen der Entlastung zu besprechen. Die postnatale Depression ist gut behandelbar – insbesondere, wenn frühzeitig professionelle Hilfe erfolgt.

Geburt eines Kindes bringt viele Veränderungen mit sich

Entscheidend veränderte Lebenssituationen können unter anderem dazu beitragen, dass sich eine psychische Erkrankung entwickelt – selbst wenn sie grundsätzlich ein positives Ereignis darstellen. „Mit der Geburt eines Kindes gehen Veränderungen einher, die eine Neudefinition in verschiedenen Lebensbereichen notwendig machen. Neben körperlichen, beruflichen und sozialen Veränderungen sieht sich eine Mutter nach der Geburt damit konfrontiert, dass sich ihr zuvor selbstbestimmtes Leben, in dem sie letztlich nur für sich selbst verantwortlich war, in Pflichtgebundenheit gewandelt hat. In Verbindung mit den üblichen Symptomen einer Depression kann es dann vorkommen, dass das erwartete Lebensglück von dem Gefühl mangelnder Selbstwirksamkeit unterwandert wird, weil sich Gefühle von Überforderung, Hilflosigkeit und der Abhängigkeit des Säuglings von der Mutter einstellen“, erklärt Prof. Herpertz. „Grundsätzlich wirken jedoch zahlreiche körperliche, psychische, soziale und gesellschaftliche Faktoren bei der Entstehung einer postnatalen Depression zusammen.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 07.09.2015
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (www.psychiater-im-netz.org): Scham- und Schuldgefühle begleiten oft die Wochenbettdepression
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