Übergewicht und Persönlichkeit

Eine Analyse von 70 Studien zeigt: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erhöhen das Risiko, an Übergewicht oder einer Essstörung zu erkranken.

Frau isst Pizza © Thinkstock
(Bamberg – 28.05.2015) Die Behandlung von Übergewicht könnte effektiver werden, wenn die Persönlichkeit der Patienten berücksichtigt wird. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universitäten Bamberg und Bochum in einer Analyse von mehr als 70 einschlägigen Studien. Ihre Auswertungen zeigen, dass Übergewicht, Adipositas und „Essanfälle“ mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängen. Während impulsive Persönlichkeitszüge Essstörungen eher begünstigen, wirken Gewissenhaftigkeit und Selbstkontrolle als Schutzfaktoren vor Essstörungen. Die Ergebnisse der Literaturanalyse wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Obesity Reviews“ veröffentlicht.  

„Unser Wissen über den Zusammenhang von Persönlichkeit, Übergewicht und übermäßigem Essensgenuss hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert“, sagt Sabine Löber, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bamberg. „Wir können mittlerweile klar sagen, dass Menschen mit entsprechenden Essstörungen häufiger impulsiv und weniger selbstkontrolliert sind als Personen mit Normalgewicht“.

70 Studien aus den Jahren 1993 bis 2013

Die Forscher analysierten Studien, die zwischen 1993 und 2013 durchgeführt wurden und in denen jeweils der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Übergewicht beziehungsweise Adipositas (Fettleibigkeit) sowie Binge-Eating-Störung (sogenannte „Essanfälle") untersucht wurde. Den Untersuchungen lag in den meisten Fällen das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit zugrunde. Nach diesem Modell lässt sich die Persönlichkeit eines jeden Menschen mit diesen fünf Faktoren einordnen: 
  • Neurotizismus – dazu gehören Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Impulsivität und Verletzlichkeit
  • Extraversion – dazu gehören Geselligkeit, Selbstsicherheit und Abenteuerlust
  • Gewissenhaftigkeit – dazu gehören Kompetenz, Pflichtbewusstsein, Ehrgeiz und Selbstkontrolle
  • Verträglichkeit – dazu gehören Vertrauen, Geradlinigkeit und Empfindsamkeit
  • Offenheit – dazu gehören Fantasie, ästhetisches Empfinden und  Ideen

Impulsivität: Risikofaktor für Binge-Eating

Welche Persönlichkeitsfaktoren spielen eine Rolle bei Essstörungen und Übergewicht? Die Analysen zeigen: Übergewichtige Menschen sind neurotischer und insbesondere impulsiver als Normalgewichtige, das heißt, sie können ihr Handeln schlechter an langfristigen Konsequenzen ausrichten. Übergewichtige sind auch extravertierter und empfänglicher für Belohnungen als Normalgewichtige. Diese auch Belohnungssensitivität genannte Eigenschaft bezieht sich darauf, dass man zum Beispiel bei der Nahrungsmittelaufnahme besonderen Genuss empfindet. Impulsivität und Belohnungssensitivität scheinen zudem besonders bei Menschen ausgeprägt zu sein, die unter einer Binge-Eating-Störung leiden. Belohnungssensitivität ist insbesondere bei Männern ein Risikofaktor.

Schutz durch Selbstkontrolle

Gewissenhaftigkeit hingegen erweist sich für beide Geschlechter als Schutzfaktor gegen Übergewicht. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Selbstkontrolle, das heißt die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und längerfristig zu planen. Verträglichkeit und Offenheit scheinen dagegen nicht mit Übergewicht zusammenzuhängen.  

Doch sind Menschen nun dicker, weil sie neurotisch sind oder sind sie neurotischer, weil sie dick sind? Beide Zusammenhangsrichtungen sind möglich, doch zeigen die bisherigen Langzeitstudien, dass Neurotizismus tatsächlich einen Risikofaktor und Gewissenhaftigkeit einen Schutzfaktor für späteres Übergewicht darstellt.

Nutzen für die Therapie von Übergewicht

„Die Therapie von Adipositas kann von diesen Erkenntnissen profitieren“, sagt Sabine Löber. „Bei der Entstehung von Übergewicht spielen individuelle Merkmale eine wichtige Rolle. Diese Aspekte sollten in der Therapie berücksichtigt werden. So könnte beispielsweise ein Selbstregulationstraining, in dessen Rahmen Strategien zum Umgang mit Impulsivität und Belohnungssensitivität geübt werden, dazu beitragen, die Ursachen von Übergewicht und Essattacken anzugehen und könnte insofern eine wichtige Ergänzung zu anderen Behandlungsformen der Adipositas sein“.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 28.05.2015
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie: Übergewicht und Persönlichkeit
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