Erwartung versus Wirkstoff

Wissenschaftler haben nachgewiesen: Die Erwartungshaltung des Patienten ist bei Migräne-Medikamenten ebenso wichtig wie der Wirkstoff.

Tabletten © Thinkstock
(München – 03.02.2014) Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Harvard-Universität mit einem Migränemittel zeigt: Positive Informationen zu Arzneimitteln können deren Wirksamkeit verstärken. Die Harvard-Wissenschaftler hatten Migräne-Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder ein Placebo, also ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff, oder eine Standardarznei gegeben. Der Umschlag, in dem die Pillen enthalten waren, war entweder negativ mit „Placebo“, positiv mit „Arzneimittel" oder unsicher mit „Arzneimittel oder Placebo" beschriftet worden.  

Die Wirksamkeit sowohl des Placebos als auch des wirkstoffhaltigen Medikaments (Verum) wurde durch die positive Erwartung gesteigert. Der Placebo-Effekt blieb sogar dann erhalten, wenn der Patient wusste, dass er ein Placebo nimmt. Negative Erwartungen hingegen verschlechterten die Therapie und verringerten sogar die Wirkung des Verums bis auf Placebo-Niveau. Die Information des Arztes zum Arzneimittel – ob positiv oder negativ – erwies sich somit als ebenso relevant für die Therapie wie das Medikament.

Positivere Information bringt größeren Therapieerfolg

Durch die Studie bestätigte sich die Hypothese der Autoren um Professor Rami Burstein vom Beth Israel Deaconess Medical Center der Harvard Medical School, dass sich das klinische Ergebnis der Behandlung bei akuter Migräne sowohl mit Placebo als auch mit Verum verbessert, wenn die begleitende Information von „negativ“ über „unsicher“ zu „positiv“ verändert wird. Auf einer zehn Punkte umfassenden Skala besserten sich die Schmerzen der Patienten, die Placebo oder Verum in einem Umschlag mit der Aufschrift „Placebo“ erhielten, in den zwei Stunden nach Einnahme um durchschnittlich 26,1 Prozent. Pillen in Umschlägen, die mit „Arzneimittel oder Placebo“ beschriftet waren, besserten die Schmerzen im Mittel um 40,1 Prozent – und damit ebenso gut wie eindeutig mit „Arzneimittel“ gekennzeichnete Pillen (39,5 Prozent). Eine der Folgerungen aus seiner Studie sei, dass die Arznei wirksamer wird, wenn Ärzte bei ihren Patienten positive Erwartungen wecken, so Burstein.

Placebo-Effekt trotz korrekter Information

Erwartungsgemäß war die Abnahme der Schmerzen unter Verum mit 47,6 Prozent deutlich größer als unter Placebo (20,7 Prozent). „Besonders interessant ist aber, dass der Placebo-Effekt selbst dann erhalten bleibt, wenn ein Patient weiß, dass er Placebo nimmt“, sagt die Neurologin Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und Oberärztin an der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilian-Universität München. Denn in der Studie waren die Schmerzen von Placebo-Empfängern, die die Information „Placebo“ erhalten hatten, eindeutig geringer als sie es ohne Behandlung zu Beginn der Untersuchung waren.  

Wie die Forscher errechneten, trug der Placebo-Effekt unter jeder der drei Arten von Informationen mehr als 50 Prozent zur Wirksamkeit der Behandlung bei – der Placebo-Effekt war somit robuster als die pharmakologische Wirkung. „Offenbar wird der Placebo-Effekt nicht nur von der eigenen Erwartungshaltung bestimmt, sondern auch von früheren positiven Lerneffekten, die sich allein aus dem Vorgang, eine Tablette einzunehmen, ableiten“, interpretiert Förderreuther. Umgekehrt zeige die Studie, dass die Wirkstärke von Verum auf Placebo-Niveau reduziert werden kann. „Wer glaubt, durch die Einnahme einer Tablette mit einem pharmakologisch definierten Wirkmechanismus standardisierte und immer gleiche Effekte zu erzielen, irrt“, sagt die Neurologin. Offenkundig passiere weit mehr an unspezifischen Effekten, die auf ganz anderen Wirkmechanismen basieren.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 03.02.2014
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Presseinformation der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): Therapie der Migräne: Erwartungshaltung des Patienten so wichtig wie der Wirkstoff
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