Magersucht: neue Therapien

Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt: Durch neue Therapieansätze zur Behandlung von Magersucht lässt sich die Krankheit nachhaltig bessern.

Psychotherapie © Thinkstock
(Berlin – 15.10.2013) Bei der Magersucht (Anorexia nervosa) helfen keine Medikamente und kein gutes Zureden. Sie ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate: „Unbehandelt sterben etwa fünf von 100 Patienten – meist sind es Mädchen oder junge Frauen – innerhalb von zehn Jahren“, berichtet Professor Dr. med. Wolfgang Herzog vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universität Heidelberg. Eine Heilungschance biete heute allein die Psychotherapie, doch die Wirkung der schätzungsweise 75 unterschiedlichen Therapieformen ist laut Herzog niemals streng wissenschaftlich untersucht worden. Die ANTOP-Studie (kurz für „Anorexia Nervosa Treatment of Out Patients“) unter der Leitung von Professor Dr. med. Stephan Zipfel aus Tübingen und Professor Herzog aus Heidelberg betrat hier Neuland: Psychosomatische Ärzte haben im Rahmen der bisher weltweit größten Therapiestudie zur psychotherapeutischen Behandlung von Magersüchtigen an zehn Universitätskliniken zwischen 2007 und 2011 erstmals drei unterschiedliche Therapien miteinander verglichen. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht.

Studienteilnehmerinnen wurden in drei Therapiegruppen eingeteilt

Die 242 erwachsenen Frauen mit Magersucht wurden im Losverfahren auf drei Gruppen aufgeteilt. In einer erhielten sie eine intensive Regelversorgung, die über das derzeit übliche Maß hinausgeht. „Der Hausarzt erhielt strukturierte Informationen, wählte einen Psychotherapeuten aus, der dann die Therapie seiner Wahl zeitnah durchführte“, erläutert Zipfel, der als Ärztlicher Direktor die Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen leitet. In den beiden anderen Gruppen kamen zwei neue Psychotherapie-Ansätze zum Einsatz, die speziell für die ambulante Behandlung von Magersucht entwickelt wurden. Dies war zum einen eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie. „Hier werden die Patienten zunächst über ihre Erkrankung aufgeklärt, danach erlernen sie spezielle Techniken, um ihr Essverhalten zu normalisieren“, berichtet der Experte. Die andere Therapie ist die fokale psychodynamische Psychotherapie – eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse. Sie sucht nach den tiefer liegenden Ursachen der Essstörung. „Psychotherapeut und Patientin gehen den inneren Konflikten und emotionalen Auslösern der Erkrankung auf den Grund“, erläutert Herzog.

Vorteile der beiden neuen Therapie-Ansätze

Alle Therapien dauerten zehn Monate. Die magersüchtigen Patientinnen, die anfangs im Durchschnitt 46,5 Kilo wogen, legten dabei langsam aber stetig an Gewicht zu. Und in allen drei Studiengruppen setzte sich die Erholung nach dem Ende der Therapie fort. Professor Herzog sieht jedoch Vorteile der beiden neuen Therapien: „Patientinnen in der Verhaltenstherapie-Gruppe nahmen während der Therapie schneller an Gewicht zu. Bei der fokalen psychodynamischen Therapie besserten sich die Symptome der Patientinnen auch nach Therapieende und sie hatten deshalb ein Jahr nach Ende der Behandlung die günstigsten Gesamtheilungsraten. Außerdem mussten die Patientinnen hier seltener zusätzlich in der Klinik behandelt werden.“  

Die Studie zeigt: Erwachsene Patientinnen haben durch die spezifischen Therapien  eine realistische Chance auf eine Heilung oder zumindest nachhaltige Besserung. Doch das gilt nicht für alle: „Trotz der erfolgreichen Verläufe litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie ein Viertel der Patientinnen noch immer an einer voll ausgeprägten Magersucht“, berichten Zipfel und Herzog. Entscheidend sei es daher vor allem auch, die Warnzeichen wie etwa ein stetig sinkendes Körpergewicht rechtzeitig zu erkennen und frühzeitig zu behandeln.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 15.10.2013
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
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