Zweisprachigkeit macht klug

Wachsen Kinder zweisprachig auf, ist das Intensivtraining fürs Gehirn. So können sie etwa besser zwischen verschiedenen Aufgaben umschalten.

Kind mit Eltern © Thinkstock
(Heidelberg – 14.05.2013) Fremdsprachenkenntnisse werden heute allseits begrüßt. Doch in Sachen zweisprachiger Früherziehung sind viele Pädagogen und verunsicherte Eltern nach wie vor skeptisch: Beherrschen Kinder, die schon früh mehrere Sprachen lernen, am Ende keine davon richtig? Birgt das nicht auch Risiken, wie etwa eine verzögerte kognitive Entwicklung?

Studien von Psychologen und Hirnforschern zeigen: Eine zweisprachige Erziehung hat tatsächlich Nebenwirkungen – allerdings sind diese in den meisten Fällen überaus wünschenswert. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin „Gehirn und Geist“. Zweisprachige Kinder kennen demnach in den einzelnen Sprachen zwar im Schnitt etwas weniger Wörter als einsprachige. Die Furcht vor einem verzögerten Spracherwerb oder anderen kognitiven Defiziten hat sich aber als unbegründet erwiesen. Kleinkinder, die zweisprachig aufwachsen, sprechen ihr erstes Wort im Alter von etwa einem Jahr, genau wie einsprachige Kinder. Auch im weiteren Entwicklungsverlauf zeigen sich keine nennenswerten Auffälligkeiten – zumindest keine negativen.

Aufwachsen mit zwei Sprachen ist Intensivtraining fürs Gehirn

Vielmehr gleicht das Aufwachsen mit zwei Sprachen offenbar einem Intensivtraining für das Gehirn. Erwachsene, die bilingual aufgewachsen sind, schneiden bei einer Reihe von Geistesübungen im Schnitt besser ab – vor allem bei solchen, die die sogenannten exekutiven Funktionen fordern. Damit bezeichnen Neuropsychologen die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit flexibel auf neue Sichtweisen zu verlagern und zwischen verschiedenen Aufgaben umzuschalten. Das wird durch die Auswahl zwischen verschiedenen Sprachsystemen gefördert.

Bilinguale Kinder können früher die Perspektive eines anderen einnehmen

Ein gutes Beispiel ist die Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen. Ausgeklügelte Tests der Psychologen Patrick Cushen und Jennifer Wiley an der University of Illinois in Chicago haben ergeben, dass dies zweisprachigen Kindern früher gelingt als üblich – im Alter von drei statt vier Jahren. Doch auch später scheint es ihnen leichter zu fallen. Ein anderes Feld ist das kreative Denken: Wie Studien zeigten, falle zweisprachigen Menschen das Knacken so mancher Kopfnüsse leichter als einsprachigen, erklärt Ellen Bialystok von der York University in Toronto.

Der vermutliche Grund: Kreativität erfordert ganz allgemein, nicht dem erstbesten Einfall zu folgen, sondern „Nullachtfünfzehn-Gedanken“ zu unterdrücken und seine Aufmerksamkeit auf nicht ganz so offensichtliche Lösungsoptionen zu lenken. Die Überlegenheit der Exekutivfunktionen, die sich Zweisprachige antrainiert hätten, könnte so innovatives Problemlösen fördern, spekulieren die Forscher.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 14.05.2013
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Gehirn und Geist, Juni 2013
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